Vom wissenschaftlichen Schreiben

Eine Studienfreundin von mir arbeitete während ihres Studiums als wissenschaftliche Hilfskraft für einen (inzwischen emeritierten) Französisch-Professor am Institut für Romanistik der FU Berlin. Eine ihrer Aufgaben war das Korrekturlesen seiner Aufsätze, bevor er sie zum Druck gab. Das war keine leichte Arbeit, denn sein Standpunkt lautete: Komplexe Inhalte verlangen nach einer komplexen Sprache – eine Auffassung, die er wiederholt und mit Nachdruck vertrat. Vom anglophilen lockeren Essay-Stil, vom Bemühen um Verständlichkeit, vom nachsichtigen Entgegenkommen den Lesern gegenüber hielt er gar nichts: Wer seriöse Wissenschaft verstehen wolle, meinte er, der müsse sich schon ein bisschen anstrengen.
Die bedauernswerte A. musste sich deshalb durch seine extrem schwierigen Aufsätze quälen und entscheiden, welche Anteile nur unverständlich und welche schlicht ungrammatisch waren. Oft genug brüteten wir gemeinsam über der Frage, ob es sich bei seinen Elaboraten um korrekte deutsche Sätze handelte – manchmal konnten wir nicht einmal entscheiden, ob ein Satz ausreichend Prädikate enthielt oder nicht.
Weil diese Arbeit damals einen prägenden Teil ihres Lebens darstellte, schrieb ich, als A. heiratete, einen parodistischen Artikel für ihre Hochzeitszeitung: Ich nahm ein paar Aufsätze dieses Professors, pickte einzelne Sätze heraus, die an sich schon unverständlich waren, und verkomplizierte sie durch Einschübe und Ergänzungen so, dass sie rational nicht mehr nachvollziehbar waren (dabei aber, darauf legte ich Wert, grammatikalisch korrekt). Beim Überfliegen konnte man allerdings durchaus den Eindruck von Seriosität gewinnen:

Kurzer Überblick über den französischen Roman
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. W. E.*
Zentrale Perspektiven für die Untersuchung der letzten fünf Jahrhunderte des französischen Romans sind Prozesse der ästhetischen Kommunikation über die Disposition, Rezeption und Aneignung in mehrfacher Hinsicht, nämlich Interesse an Überlieferungen der Sachlage und deren Erzählbarkeit sowie der bereits eingetretenen Klassifikation von Einzeltexten, die sich vom resümierenden Überblick zur wertenden Bestandsaufnahme steigern kann: Die Konfiguration der „deux France“ als Hypothek des 16. Jahrhunderts kann seit Voltaire nicht mehr als Binäropposition auf eine nur innerstaatliche Spannung reduziert werden, sondern wird durch pragmatische Anhäufung von Bezugssystemen vom Geschichtsbild immer weiterer Gruppen in Anspruch genommen. Denn der Absolutismus, der sich seit dem Beginn seiner Codifizierung als Widerstand gegen die Geschichte, die ins Chaos der undisziplinierten, staatsräsonwidrigen Leidenschaften führt, definiert, eliminiert im frühen 17. Jahrhundert, was die Humanisten zuvor eingefordert hatten, den individuellen Zugriff auf Universalien. Das Epos wie die Nationaltragödie des 18. Jahrhunderts vermitteln gleichwohl analoge Geschichtsbilder, auch wenn sie alternativen, abtönenden Perspektiven, die ihr mimesiskritisches Potential nicht verleugnen, neue Koordinaten anlegen und damit ohne weiteres narrative Lizenzen in Form von potentiellen aktualisierenden Erzählmustern, die entmythisierende Textmodusdaten als Klischees einblenden, vergeben. Die eingeschränkte Neuorientierung im 19. Jahrhundert ist insofern nicht einsinnig nachzuzeichnen als die vielfache französische Nachahmung des Scott‘schen historischen Romanmodells über die intertextuell belegte Einzelwerkrelation hinaus in ein Problem der Systemreferenz umschlägt. Vor allem die sowohl narratologisch als auch narrativ vollzogene sprachliche Dekonstruktion im 20. Jahrhundert setzt, jenseits des erkennbaren Bezugs auf aktualisierte Texte, die Auseinandersetzung mit einem Gattungskonstrukt voraus: Die Unterscheidung zwischen histoire und discours verliert an Allgemeingültigkeit, sobald signifiant, signifié und réferent unter die abweichende Prämisse gestellt sind, derzufolge Wörter im fiktionalen Kontext wohl auf Sachen verweisen, aber etwas wesentlich anderes als die aufgerufenen Dinge sind. Diese Dichotomie von textueller Pluralität und ideeller Konzentration kann literarhistorisch festgestellt werden, während dem Wunsch nach Letztbegründungsinstanzen für diesen divergenten Prozess allenfalls spekulative Antworten zuteil werden. Hier muss übrigens die Intertextualitätsforschung auf ihr seit der Bachtin-Auseinandersetzung bevorzugtes Demonstrationsobjekt, Transposition als parodierende Inversion des Hypotexts, verzichten. Die akademisch strittige Idee, die Definition der Erlösung durch Gnade oder die Werke, schlägt in Ideologie um, sobald der Fachbereichsdekan Argumentationsalternativen nicht einmal mehr als methodologischen Disput zulässt und jede Partei ihre angenommene Orthodoxie zur Begründung der moralischen Aufrüstung gegen jegliche Heterodoxie instrumentalisiert. Die Forschung kommender Jahrzehnte sollte sich dessen ungeachtet vorrangig mit folgender zentraler Frage befassen: Sollte auf dem Abbildcharakter jeglicher Literatur und ihrer Referentialisierbarkeit bestanden oder mit S. als progressiver Wortführerin eines Konzepts der Entpersönlichung des Kunstwerks die sich gemäßigt reaktionär gebende Intertextualitätsdebatte, die mit anderen Argumenten den Autor als Instanz ausdünnt und damit die Zuordnung und Erklärung von Hypo- und Hypertext nach ausweisbaren Gesetzmäßigkeiten, die zwischen narrativer Adhäsion und hierarchischen Ereignisstrukturen, die sich andernfalls unweigerlich desavouieren, oszillieren, unterstützt, relativiert werden?

*Der Verf. dankt seiner studentischen Hilfskraft A. S. für die sprachliche und stilistische Überprüfung und Bereinigung dieses Textes sowie für seriöse und verständige inhaltliche Bereicherung.

Was ich nicht wusste, war, dass A. ihren Professor ebenfalls zur Hochzeit eingeladen hatte, und dass er auch kommen, in der überall herumliegenden Hochzeitszeitung blättern und über „seinen“ Aufsatz stolpern würde. Er las ihn von vorne bis hinten durch (ich verdrückte mich derweil an die äußersten Ränder der Festgesellschaft) und sprach dann die denkwürdigen Worte: „Das ist zwar nicht von mir, aber es ist alles richtig.“ Seitdem konnte ich diesen Herrn leider nie wieder so richtig ernst nehmen.
Das alles fällt mir jetzt wieder ein, weil wir letzthin im Deutschkurs über Stil und Register gesprochen haben und dort auch ein Beispiel für komplexen wissenschaftlichen und beinahe unverständlichen Text vorkam. Ich finde ja auch, dass Präzision, Komplexität und Schönheit von Sprache Werte an sich sind – aber keine, die höher stünden als Verständlichkeit.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (35)

Tote schlafen fest, 1946, mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Martha Vickers

Gut aufpassen müsse man und ein bisschen mitdenken, hatte Kollegin G., die diesen Film ausgesucht hat, vorher gewarnt und erzählt, wie sie ihn vor etlichen Jahrzehnten einmal Schülern gezeigt hatte (zu diesem Zwecke hatte sie sich eigens mehrere schwere Filmspulen aus Mainz in die Lüneburger Heide schicken lassen): „Kaum hatten wir hinterher mühsam die Handlung rekonstruiert, stellte irgendein Schüler eine Frage, und zack – fiel das gesamte Handlungsgerüst in sich zusammen und wir mussten von vorn anfangen. Eigentlich hätten wir ihn dreimal sehen müssen.“
Das klingt rätselhaft, wenn man den Film nicht kennt, aber wenn man ihn gesehen hat, weiß man sofort, was sie meint: Die Geschichte ist so komplex, dass man Schwierigkeiten hat, sie zu verstehen. Das Drehbuch für The Big Sleep – ursprünglich ein Roman von Raymond Chandler – schrieben William Faulkner und Jules Furthman; es gab aber etliche Szenen, die nachgedreht wurden, dafür wurden andere, die das Ganze verständlicher gemacht hätten, nachträglich herausgeschnitten. Warum soll es den Zuschauern besser gehen als mir, hat sich vielleicht Howard Hawks, der Regisseur, gedacht, der angeblich während der Dreharbeiten ein Telegramm an Chandler schickte mit der dringenden Frage, wer denn nun eigentlich den Chauffeur Owen Taylor umgebracht habe. „Keine Ahnung“, telegrafierte Chandler zurück.
Wer so viel Konfusion als Drehbuchschwäche bezeichnet, findet den Film doof. Wem die Handlung nicht so wichtig ist, der entdeckt andere Reize: Die Bogey-Bacall-Chemie zum Beispiel, die coolen Sprüche*, die Atmosphäre und Ästhetik des film noir, die Schwarz-Weiß-Bilder, die Figur des illusionslosen, extrem cleveren und mit einer Privatmoral ausgestatteten Detektivs.
Wir reden ein bisschen über Lauren Bacalls Haare („diese Fülle, diese Fülle“), über Humphrey Bogarts Haare („so wie die aus seinen Ärmeln herausquellen, ist es ganz gut, dass er nicht auch noch das Hemd auszieht“), über Frauen in Hosen („die erste ist und bleibt Marlene Dietrich im Frack“) und über Schule, wie immer. Ich vergesse zu sagen, dass mich die Art, wie sich der nachdenkende Marlowe am rechten Ohr zuppelt, nervt. Sie nervt.
Die siebente Runde ist vorbei. Nächster Termin: 12. Dezember 2014.

3 Hunde, 1 Kind: Bogart und Bacall zu Hause.

*Vivian: You go too far, Marlowe.
Marlowe: Those are harsh words to throw at a man, especially when he’s walking out of your bedroom.

Marlowe: My, my, my! Such a lot of guns around town and so few brains! You know, you’re the second guy I’ve met today that seems to think a gat in the hand means the world by the tail.

Taxi driver: If you can use me again sometime, call this number.
Marlowe: Day and night?
Taxi driver: Uh, night’s better. I work during the day.

Vivian: So you do get up, I was beginning to think you worked in bed like Marcel Proust.
Marlowe: Who’s he?
Vivian: You wouldn’t know him, a French writer.
Marlowe: Come into my boudoir.

15. November – Tag des unbekannten Googlers

Lieber unbekannter Googler, auch wenn die Beziehung zwischen Ihnen und mir häufig auf schrecklichen Missverständnissen beruht – heute werden Ihre Fragen ernsthaft beantwortet und Ihre Kommentare kommentiert, heute suchen Sie nicht ins Leere hinein, sondern begegnen einem verständnisvollen Gegenüber. Sie fragen, ich antworte.

Wiesenrauke
Fast. Versuchen Sie es ruhig noch einmal.

Wiesenraute
Gut! Jetzt ist es richtig!

t Hart das Heulen der ganzen Welt
Fast. Versuchen Sie es ruhig noch einmal.

Belsazar Versmaß
Jetzt haben Sie keine Lust mehr, was? Aber literarisch interessiert sind Sie schon, hm?
Also: Jambus. Vier Hebungen in jedem Vers. Nicht immer regelmäßig, es kommen Daktylen oder Anapäste hinzu, je nachdem, wie man die Sache mit dem Auftakt sieht. Die entscheidende Frage ist, warum das Metrum zuweilen wechselt. Heißer Tipp: Hat was mit dem Inhalt zu tun. Aber so genau wollten Sie das wahrscheinlich gar nicht wissen, oder?

Glückskeks Sie können Ihrem traum begegnen
Ja, Sie Scherzkeks, aber will ich das überhaupt?

wandloch füllen synonym
Synonym für Wandloch oder für füllen? Für Wandloch fällt mir keins ein.

wir legen jedes 1 stein hier hin; eng
Vielleicht wäre es weniger eng, wenn nicht jedes von Ihnen einen Stein hinlegte, sondern nur einige. Man könnte auch einfach kleinere Steine nehmen.

wiesenraute pferde
Nein. Pferde spielen hier ganz und gar keine Rolle.

Wiesenraute Pferde
Wirklich nicht, glauben Sie mir.

Fellkrankheit bei Pferden
Jetzt ist aber Schluss. Pferde interessieren mich überhaupt gar nicht. Maarten ‘t Hart interessiert mich und Heinrich Heine auch, und notfalls interessiere ich mich auch dafür, Wandlöcher zu füllen und Steine irgendwohin zu legen, aber Pferde – nein.

Kuhketten
Sie lassen nicht locker, was? Sie möchten unbedingt weiter über Tiere reden? Vergessen Sie’s! (Und was Kuhketten sind, musste ich auch erstmal googeln: nicht etwa Reihen von hintereinander stehenden Kühen, sondern „Rinderanbindungen“, wie das Fachwort lautet.)

jimmy braun das war ein seemann gitarre lernen
Na, dann los. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie’s können. Sie dürfen es mir auch vorsingen.

there once was a fellow who owned a yellow cello
Kenn ich nicht, tut mir leid. Da stimmt auch mit dem Rhythmus was nicht.

Zitate von Dumbledore
“Of course it is happening inside your head, Harry, but why on earth should that mean that it is not real?”
“Age is foolish and forgetful when it underestimates youth.”
“P.S. I enjoy acid pops.”
“Words are, in my not-so-humble opinion, our most inexhaustible source of magic. Capable of both inflicting injury, and remedying it.”
“Welcome to a new year at Hogwarts! Before we begin our banquet, I would like to say a few words. And here they are: Nitwit! Blubber! Oddment! Tweak!
“Scars can come in handy. I have one myself above my left knee that is a perfect map of the London Underground.”
Ein Ausbund an Weis- und Albernheit, dieser Dumbledore.

ich habe mich in dich verliebt
Macht ja nichts; natürlich passiert das alles nur in Ihrem Kopf, aber das muss ja nicht heißen, dass es nicht wirklich ist.

Wetter Durchsage
Grauer Himmel, Nieselregen, 11 Grad. Und ich bin jetzt extra aufgestanden, um das Thermometer abzulesen. Das ist ein Service, oder?

Wiesenraute Pferde
So, jetzt reicht’s. Bis zum nächsten Jahr.

Einkaufslyrik (18)

Nachdem Heinz‘ Arbeitskollegen ihn in letzter Zeit ganz gemein geärgert hatten, ließ er seine Geburtstagsfeier im Betrieb in diesem Jahr kurzerhand ausfallen. Das hatten sie nun davon.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17

Drei Bücher

Ich bin im Moment ziemlich schreibfaul, es gibt so Phasen. Dagegen hülfe Tagebuchbloggen, aber hier sind Ferien und ich sitze ziemlich viel am Schreibtisch und korrigiere, und weil ich das tue, muss ich noch nicht mal prokrastinieren – ein tödlicher Kreislauf. Also, tödlich fürs Blog.
In solchen Fällen hilft auch manchmal ein Blick auf diese praktische Liste, aber was Topinambur ist, wissen inzwischen alle, und Nebel finde ich gar nicht doof. Rosenkohl finde ich doof, und ich könnte durchaus eine Geschichte aufschreiben, in der es darum geht, wie ein Kind stundenlang vor einem Teller Rosenkohl sitzt und versucht, die einzelnen (wie heißen die? Knospen?) Knospen verschwinden zu lassen, ohne sie aufzuessen. Dazu könnte ich ein Bild malen, auf dem die genaue Anordnung der letzten fünf Knospen auf dem Teller zu sehen ist, so, wie sie sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. (Das war übrigens das erste und letzte Mal, dass sie das mit mir gemacht haben; das Szenario „Kind, das auf Rosenkohl starrt“ war ihnen dann wohl auch zu langweilig – und alles andere habe ich auch anstandslos gegessen.) Aber das will ich gar nicht aufschreiben, denn ich bin ja, wie gesagt, nur schreibfaul, nicht unkreativ im Ausdenken von Themen fürs Blog.
Tatsächlich will ich schon seit längerem über drei Bücher schreiben, allein es gebricht an besagter Faulheit. Also – sei es als Aufforderung oder Gedächtnisstütze für mich selbst, sei es als Ratespiel für die geschätzte Leserschaft – poste ich einfach die Bilder, die ich zum Zwecke der Prokrastination und Illustration schon mal aus diesem Internetz herausgesucht hatte.

Bild eins.

Bild zwei.

Bild drei.

Und, falls es Sie interessiert, inzwischen esse ich Rosenkohl, aber nur, wenn es nicht anders geht, und noch immer nicht gerne.

Drei Birken im Nebel

Rilke, Herbsttag

Ach, das kennen Sie doch sowieso alle auswendig.