Neue Zeiten
Fußball scheidet die Geister. Es gibt Leute, die mit Leidenschaft Spiele sehen, gar lesen, und es gibt andere, die nichts spannender finden als die Interviews nach dem Spiel zu hören, in denen Spieler und Trainer ihre Sicht auf das Spiel darlegen.
Spannend ist es zum Beispiel, darüber nachzudenken, ob es der Anstand eines Spielers oder dessen Medienberater ist, der ihn auf eine Frage wie „Ist der Pokalgewinn jetzt noch mal was ganz anderes als die Meisterschaft?“ wortreicher und detaillierter als mit einem höflichen Ja antworten lässt. Spannend ist auch die Sache mit dem Präsens.
Es ist nicht das szenische Präsens, das einer Vergangenheits- erzählung jähe und unmittelbare Gegenwärtigkeit verleiht: „Das Spiel plätscherte so dahin,“ müsste etwa ein Spieler sagen, „aber plötzlich spielt mir Alaba, völlig unbedrängt, an der Mittellinie den Ball vor die Füße, ich drehe mich um, neben mir startet blitzartig Lewandowski…“. Es ist auch nicht das generelle Präsens, das allgemeingültige, zeitlose Wahrheiten benennt: „So einen Ball muss man reinmachen!“
Nein, es ist erstens ein Präsens, das Vergangenes beschreibt – man könnte es historisches Präsens nennen, läge das beschriebene Ereignis nicht erst ein paar Minuten zurück: „Wenn man sieht, was wir für Gegentore bekommen, was wir für Fehler machen vor den Gegentoren, dann ist das bitter“, sagte zum Beispiel der nassgeschwitzte Herr Lahm unmittelbar nach dem Spiel. Zweitens kann dieses Präsens in ungenierter Art und Weise als Konjunktiv-Ersatz verwendet werden: „Wenn Weidenfeller vorsichtiger ist, muss der Schiedsrichter keinen Elfmeter pfeifen.“ Tatsache ist, Weidenfeller war nicht vorsichtig, der Schiedsrichter pfiff Elfmeter und das war das 1:1, daran lässt sich hinterher im Interview leider gar nichts mehr ändern.
Man kann es nicht anders sagen – dieses Präsens ist falsch. Aber ist es deshalb ein Hinweis auf den Verfall der deutschen Sprache? Mitnichten. Dass es wieder einmal der Fußball ist, dieser stete Quell sprachlicher Verzückung, der keck und furchtlos seinen Beitrag zum Sprachwandel leistet, verdient allerhöchste Anerkennung.
Das Fußball-Präsens, es lebe hoch.
