Die Mühen der Ebene (17. Dezember)

Den heutigen Tag stellen wir am besten dem Vergessen anheim. Erstens regnete es den ganzen Tag lang, und da meine Laune bekanntlich durch ein unsichtbares Kabel direkt mit dem Wetter verbunden ist, war das schon einmal eine schlechte Voraussetzung.
Zweitens musste ich mich heute andauernd ärgern. Die Fünftklässler trieben mich in der Doppelstunde Englisch in den Wahnsinn, weil sie einfach nicht zuhörten: Ich weigere mich, die Seite im Buch und die Nummer der Übung mehr als zweimal zu nennen (geschweige denn an die Tafel zu schreiben), und nach jeder neuen Ansage gab es ungefähr fünf Kinder, die nicht wussten, was sie tun sollten, weil sie geistig abwesend waren. Gespielten Ärger beherrsche ich durchaus auch, aber das, was mich ob dieses Verhaltens ansprang, war richtige, echte Wut.
In der Bereitschaftsstunde hatte ich eine Vertretung in einer neunten Klasse und sollte einen Film zeigen, von dem sie im Politikunterricht schon die erste halbe Stunde gesehen hatten: Die fetten Jahre sind vorbei. Oh, schön, dachte ich, das wird mal ein Vergnügen. Weit gefehlt. Als ich den Film herausholte, hörte ich Kommentare wie „Müssen wir diesen Scheißfilm wirklich weitergucken?“, und als er lief, musste ich ihn dreimal stoppen, um klarzustellen, dass man während einer Filmvorführung nicht spricht. Was mich aber in wirkliche Rage versetzte, war, dass sie mich, kaum war die Stunde zu Ende, fragten, ob ich den Film nicht dalassen könne, so dass sie ihn in der nächsten Stunde weitergucken könnten. So eine Heuchelei. Nur um Unterricht zu vermeiden.
Auf der Metaebene: Es ärgert mich, dass ich mich von Schülern in Wut versetzen lasse. Die Frage ist nur, ob das Wetter an allem schuld war.

Die Mühen der Ebene (16. Dezember)

Deutsch, Klasse 6: Den Vorlesewettbewerb haben wir hinter uns, die zweite Klassenarbeit, das Diktat, auch, was machen wir in den verbleibenden drei Stunden bis zu den Weihnachtsferien? Wir beschäftigen uns mit dem Zauberlehrling. Den sollen sie in den Ferien auswendig lernen, und vorher muss geklärt sein, worum es geht und was den Zauberlehrling gefühlsmäßig umtreibt, denn das Lernziel ist ein angemessener Gedichtvortrag.
Immer wieder faszinierend, wie diese Ballade, über 200 Jahre alt, heutige geerdete Zwölfjährige in ihren Bann zu schlagen vermag. Natürlich gibt es ein paar Verständnisschwierigkeiten („verrucht“, „Ausgeburt der Hölle“), aber der Lauf der Handlung und die Lehre, die dieses Gedicht vermittelt, sind ihnen trotz Goethescher Sprache ganz und gar klar: „Wenn du es nicht bringst“, schreibt eine Schülerin in etwas anderer Rechtschreibung, „lass es.“
Sie sind sehr bei der Sache, sie gucken genau in den Text, und sie können sich ziemlich gut in den Zauberlehrling hineinversetzen. Das macht mir auch Spaß. Dass ihnen dieses Programm blüht, wissen sie noch nicht.

Die Mühen der Ebene (15. Dezember)

Am Abend traditionelles Kollegiums-Grünkohlessen, mit Glühweinerhitzen in der Lehrerzimmerküche, Wanderung mit Bollerwagen und Glühwein durch den dunklen, matschigen Wald ins Nachbardorf, mit trefflicher Personalratsrede über die Atmosphäre im Kollegium, die mit der Tatsache zusammenhängt, dass viele Leute Dinge tun, die ihnen nicht unmittelbar etwas nützen, und mit Bregenwurst. Hach.

Die Mühen der Ebene (14. Dezember)

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Die Mühen der Ebene (13. Dezember)

So ein schönes Papier. Zwiebeln und Mais gab’s nicht (oder der Strich beim Mais ist verrutscht). Das sind die Leute, die mit Kugelschreiber in der Hand einkaufen gehen.

Frühere Folgen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18

Die Mühen der Ebene (12. Dezember)

Gleich zu Beginn der Englischstunde in der 9. Klasse meldet sich jemand und erkundigt sich höflich, ob wir fünf Minuten früher Schluss machen könnten, sie würden in der nächsten Stunde Mathe schreiben und seien alle so aufgeregt. Na klar, sage ich und meine das ironisch, frage mich aber nicht zum ersten Mal, was das eigentlich ist mit Mathe. Schon oft habe ich Klassen betreten, die gerade eine Mathearbeit geschrieben oder zurückbekommen hatten, in denen sich Szenen der Massenhysterie abspielten, inklusive kollektiven Heulens und absoluter Unempfänglichkeit für anderen Unterricht. Das will ich auch mal! Noch nie hat jemand während eines Diktats geheult!
Tatsächlich sind die Neuntklässler in der Englischstunde nicht recht zu gebrauchen, und ich bin froh, dass ich eine lockere Stunde mit ein bisschen Grammatik-Wiederholung und einer Mediation-Aufgabe geplant habe. Mediation ist Übersetzung, aber nur sinngemäß, und immer schön in einen lebensweltlichen Kontext eingebettet. Der total realistische Kontext in dieser Aufgabe aus dem Schulbuch lautet:

You are visiting your English exchange partner and have brought the family a present. You know that the whole family is very interested in fitness, so you have chosen a special kind of scales that weigh and compare your body fat to the water in your body. The instructions are only in German.

Es folgt eine detaillierte Bedienungsanleitung auf Deutsch („Zeigt die Waage 0.0 zusammen mit dem passenden Geschlechtssymbol an, Waage betreten. Gewicht wird angezeigt. Bitte ruhig stehen bleiben bis zum Ende der Analyse“) plus Fragen, die die Gastfamilie an die Waage hat: Can more than one person put their information into the scales? Diese Fragen sollen die Schüler beantworten, auf Englisch natürlich, aber unter Zuhilfenahme der deutschen Bedienungsanleitung.
Schon bald werde ich in erbittert geführte Diskussionen verwickelt: Bedienungsanleitungen sind doch nie nur auf Deutsch, oder? Es ist doch total blöd, so ein Geschenk auszusuchen, wenn man genau weiß, dass man noch richtig viel erklären muss, noch dazu auf Englisch! Man liest Bedienungsanleitungen sowieso nie, sondern probiert das einfach mal aus, und irgendwann hat man es raus. Und was heißt Geschlecht auf Englisch, und was ist der Unterschied zwischen sex und gender?
Über solche Fragen diskutieren wir ein bisschen, und dann ist es Zeit für die Mathearbeit.

Die Mühen der Ebene (11. Dezember)

Heute steckte ich in so einem blöden Beamtendilemma fest: Donnerstags in der zweiten großen Pause habe ich Pausenaufsicht auf einem unserer beiden Schulhöfe; in der Stunde danach war ich dann eingeteilt zur Klausuraufsicht im Kurs einer Kollegin, die ich ablösen musste, weil der Kurs drei Stunden lang schrieb. Am gerechtesten ist es, wenn diese Ablösung in der Mitte der Pause stattfindet, damit beide gleich viel von ihr haben. Ich hatte ja aber Aufsicht bis zum Ende der Pause. Was also tun, die Kollegin um ihre Pause bringen oder meine Aufsichtspflicht verletzen?
Ich sach jetzt mal nicht, wie ich das entschieden habe.
Und heute hat es fast ununterbrochen geregnet, das wollen wir doch mal festhalten.