Rilke, Herbsttag

Ach, das kennen Sie doch sowieso alle auswendig.

Limerick (111)

Ein Knabe aus Tehuantepec
der lief auf der Bahn seiner Tante weg;
sie lief hinterher,
denn sie liebte ihn sehr,
und außerdem trug er ihr Handgepäck.

Literaturnobelpreis

Die Regeln sind ja nun seit Jahren so: Einen Punkt bekommt, wer den Namen des Autors schon einmal gehört hat. Zehn zusätzliche Punkte gibt es dafür, schon einmal ein Buch dieses Autors gelesen zu haben. Von elf möglichen erreichte ich in diesem Jahr null Punkte. Wie so oft. Tja.

Ein Ausflug, ein Ausflug (8)

Der Gott der Chronisten hat mich beauftragt, das kollektive Tagebuch zu führen, und also ist zu vermelden, dass wir einen Ausflug gemacht haben – in bewährter Manier und ins feindliche Ausland. Bewährte Manier bedeutet, dass wir auf roten, gelben und weißen Landstraßen entlanghuppeln und lieber hundert Bauerndörfer angucken als das Wort Autobahn auch nur zu denken, und feindliches Ausland ist das schleswig-holsteinische Ahrensburg. Dort treffen wir uns mit einer ehemaligen Kollegin, die in der Nähe wohnt. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass sie sich im Ruhestand würde beschäftigen können, das kann sie aber.
Mit ihr besichtigen wir das Ahrensburger Schloss, das der Kaufmann Heinrich Carl Schimmelmann 1759 für 180.000 Taler gekauft hatte, und das sich bis 1932 im Besitz der Familie Schimmelmann befand.

Schloss Ahrensburg, eigentlich eher ein Herrenhaus, aber mit eigenem Wassergraben drumrum.

Wie immer ist Geschichte interessanter, wenn sie mit persönlicher oder Familiengeschichte verknüpft ist und wenn sie irgendwo andocken kann. Heinrich Carl Schimmelmann zum Beispiel wurde 1768 zum Königlich Dänischen Schatzmeister ernannt und vermittelte den Altonaer Arzt Johann Friedrich Struensee an König Christian VII. Struensee war die zentrale Gestalt der dänischen Aufklärung und seine Affäre mit der englischstämmigen Königin Caroline Mathilde ein Skandal sondergleichen, wir kennen das aus Per Olov Enquists Roman Der Besuch des Leibarztes. Caroline Mathilde wiederum verbrachte ihre letzten Lebensjahre in der Verbannung in Celle, also quasi hier.

Heinrich Carl Schimmelmann (1724–1782).

Außerdem hatten wir zufällig am Tag vorher im Kino Dominik Grafs Film Die geliebten Schwestern gesehen, in dem von einer jährlichen Pension von 1000 Talern für Friedrich Schiller die Rede ist – sie stammte von Schimmelmann und nötigte Schiller, einen unterwürfigen Bedankmichbrief zu verfassen:

Hochgebohrener Graf, Gnädiger Herr!
Endlich fühle ich Muth genug in mir, mich einem Manne zu nähern, der mich so hoch verpflichtet, und, was in Seinen Augen ohne Zweifel noch mehr ist, der mir die reinste Verehrung seines Geistes und Herzens abgenöthigt hat… (Quelle)

Wie auch immer man es bezeichnet – Altweibersommer, goldener Oktober – einen schöneren Tag für einen Ausflug hätten wir uns nicht denken können. Auf dem Rückweg, auf dem Frau L. Witze aus einem Buch vorliest, das sie hinter dem Ahrensburger Schloss in einem Pappkarton entdeckt hat, werfen wir noch einen Blick vom Lauenburger Schlossturm auf die Elbe, wo wir im Sommer entlanggewandert waren. So schließt sich auch dieser Kreis.
Und die Witze waren allesamt nicht witzig, das kann man leider nicht anders sagen.

Françoise Gräfin von Danneskjold Löwenthal, verheiratet mit Heinrich Carls Sohn Carl Christian Schimmelmann.

Techniktagebuch 03. Oktober 2014 (Traumversion)

Ich muss einen größeren Betrag bei der Bank einzahlen und suche mir dafür den Feiertag aus. Als ich die Bank betrete, hat die Bankangestellte, die aussieht wie Jonelle Allen im Film Hotel New Hampshire, ihre schwarze Richterrobe vor sich auf dem Tresen drapiert und schläft mit ausgebreiteten Armen darauf. Sie sieht so gebieterisch aus, dass ich mich nicht traue, sie aufzuwecken, sondern lieber eine Viertelstunde herumstehe, bis sie von selber aufwacht.
Ich sage, dass ich eine Einzahlung machen möchte und zeige ihr meine ec-Karte, auf der meine Kontonummer steht. Die Kontonummer ende ja auf -79, ruft die Bankangestellte aus, dafür brauche man ein besonderes Passwort, das man hier in der Bank nicht verfügbar habe. Ich solle mal zu Hause in meinen Unterlagen nachsehen, da sei es bestimmt irgendwo notiert. Das kommt mir alles seltsam und umständlich vor, und ich versuche, sie zu überzeugen, doch mal im Internet nachzugucken, derweil ich mit den losen Geldscheinen in meiner Hosentasche herumspiele. Darunter ist übrigens ein 2000-DM-Schein, den ich vorher noch irgendeinem Kind gezeigt hatte, mit den Worten: Guck dir den gut an, so etwas Wertvolles hast du noch nie gesehen.
Doch die Bankangestellte ist unerbittlich, behauptet, in ihrer Bank gebe es kein Internet, besteht darauf, dass ich zu Hause nach dem Passwort suche, und rügt mich dann auch noch wegen der losen Scheine: Die Gefahr, etwas zu verlieren, sei viel zu groß! Sie bietet mir an, das Geld in der Bank zu deponieren, während ich weg bin. Ich willige ein und bitte sie, mir den Erhalt zu quittieren, was sie aber verweigert mit den Worten: Das machen die in F. auch nicht. F. ist aber ein winziger Ort hier in der Nähe, in dem es noch nicht mal eine Bank gibt.
Da endlich reicht es mir, ich drehe mich um und verlasse die Bank unverrichteter Dinge, während ich weiter mit den losen Geldscheinen in meiner Hosentasche spiele.

1. Oktober – Beginn der Heizperiode

“Nun werden die Morgenträume wieder interpunktiert von den Nöten des heißen Wassers, das Mr. Robinson aus dem Keller in freistehenden Rohren durch Stockwerk nach Stockwerk aufwärts schickt. Das Wasser erschrickt vor der kalten Luft, prallt allseitig vor der ungleichen Federung, so daß im Schlaf ein alter Kerl erscheint, neben dem Kopfende des Bettes aufragend, der hat eine eiserne Kehle, eine schartige Röhre hat der im Hals, der atmet mit Rasierklingen, der frißt Glas und Schrott. Noch springen kleine Kiesel auf und ab, knallen hin und her. Unverhofft beengt, führt der Atem des Wassers schnelle ängstliche Schläge gegen das Metall. Der gleichmäßige Rhythmus zerfasert in schwächlichen, versiegenden Herztönen. Der Kerl denkt nicht ans Sterben, der treibt sich einen Stacheldrahtbesen in die Kehle, unter kratzenden, kitzelnden, schabenden Lauten, die geradezu behaglich klingen. Zum Nachräumen schickt er kleine Männer mit scharfen Hämmern hinein, die das Rohr abklopfen mit bedächtigen, unverhofften Hieben, abwechselnd mit dem spitzen und dem stumpfen Ende. Die werden alle in mehreren bürstenden Schwüngen hochgehustet und stürzen dann dumpf unten auf, mit einem Zirpen, als brächen ihnen die Knochen. Langsam spült der Kerl nach, aber nicht in einem Schluck, sondern mit einzeln fallenden Tropfen, die hüpfen wie Flöhe. Ein Scherbenhaufen rasselt abwärts, ineinander klirrend, ohne indessen aufzuschlagen in dem schmetternden Knall, den die Erwartung vorbereitet hat. Die Scherben sind verklumpt in gläserne Bälle, mit denen gurgelt einer. Jetzt hüstelt er. Er fühlt sich nicht bemerkt, er räuspert sich viele behäbige Male. Endlich hustet er los, mit kräftigen Schulterstößen. Endlich ist der Schlaf so fadenscheinig, daß die Bilder mitten im Laufen reißen. Es ist kein Traum, es ist das morgendliche Anlaufen der Heizung. Die Heizperiode hat begonnen.”

Uwe Johnson, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, Frankfurt am Main 1970, S. 131/132

Die Hübschigkeit der Schauspieler (34)

Rosemary’s Baby, 1968, mit Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon

Das geht jetzt Schlag auf Schlag hier, wir haben schließlich was nachzuholen. Diesmal also Polanskis Grusel-Klassiker, dem unser kleiner Filmkreis zwiegespalten entgegensah: Die Älteren kannten den Film von früher, erzählten, dass sie damals nächtelang nicht hatten schlafen können, und konnten es dennoch kaum erwarten, ihn wiederzusehen; die Jüngeren hatten ihn noch nie gesehen, wohl aber von ihm gehört, und harrten der Vorführung mit banger Besorgnis. Ich zumindest bin ja ein echter Schisser, was gruselige Filme angeht.
Um das Ergebnis gleich vorwegzunehmen: Die Jungspunde fanden Rosemary’s Baby sehr viel weniger schauerlich als erwartet und beschwerten sich über die Vorhersagbarkeit der Handlung, woraufhin sie von den Alten verächtlich als „abgebrüht“ bezeichnet wurden. Mag sein, dass sich hier ein Generationenabgrund auftut, aber damit ist noch nichts über die Qualität des Films gesagt.
Zum Glück habe man das Baby nicht sehen müssen – dieser Seufzer der Erleichterung spiegelt eins der Kompositionsprinzipien des Films: Horror ist am wirkungsvollsten, wenn er sich in der Fantasie der Zuschauer abspielt, nicht auf der Leinwand. Das Prinzip Andeutung sorgt auch dafür, dass der stetige Zweifel, ob sich Rosemary das alles nicht vielleicht doch einbildet, bis kurz vor Schluss nicht verschwindet. Aber es stimmt: „This is no dream, this is really happening“.
Man kann diesen Film als missglückte Emanzipationsgeschichte lesen, als überhöhte Schwangerschaftserzählung, als Katholizismus-Satire, als Faust-Reminiszenz oder als Kommentar zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in den USA der 60er Jahre – für jede dieser Interpretationen gibt es plausible Anhaltspunkte. Diese Vielfalt macht den Film natürlich groß.
Man kann aber auch einfach nur ein paar Details bemerken: Mousse au chocolat – bitten by a mouse – die geradezu mäuschenhafte Protagonistin; Schleichwerbung für Vidal Sassoon und Pall-Mall-Zigaretten; wo gibt es das heute noch, dass eine Schwangere auf ihre Schwangerschaft mit einem Glas Wein anstößt; es wird geraucht, was das Zeug hält, auch in Gegenwart Schwangerer; wie die übergriffige Nachbarin geschminkt ist und wie sie isst… Welche alten Filme würden nicht mehr funktionieren, wenn die Figuren Mobiltelefone hätten?
Auch sind wir stolz darauf, Anzeichen dafür entdeckt zu haben, dass das Baby nicht so teuflisch ist wie geplant: Rosemary isst das Mousse au chocolat, das sie vor der Vergewaltigung ohnmächtig machen soll, nur zum Teil und verweigert sich während der Schwangerschaft zeitweise den verabreichten Betäubungsmitteln. Vielleicht macht es ihr das leichter, ihr Kind am Ende anzunehmen.

Rosemary: Oh, God. Oh, God.
Laura-Louise: Oh, shut up with your ”Oh, Gods” or we’ll kill you, milk or no milk!