T

Links und rechts neben mir in der Mensa saßen heute die beiden Kolleginnen, die fast gleich heißen, nur hat die eine noch ein T, wo der Name der anderen schon zu Ende ist. Die Vornamen sind unterschiedlich genug, aber wenn Schüler an der Lehrerzimmertür nach einer der beiden fragen, muss man sie schon mal bitten, den Namen nochmal ganz genau auszusprechen. Beide unterrichten Latein, beide finden häufig Papiere für die andere in ihren Fächern. Auf ihren Schulshirts steht Frau mit T bei der einen, Frau ohne T bei der anderen. Sie kommen gut miteinander aus, im Lehrerzimmer sitzen sie nebeneinander.
Beim Essen heute allerdings erzählten sie, wie gestern Frau ohne T Frau mit T mit ihrem Tee vertrieb. Frau mit T behauptete, es sei ein ganz und gar übel riechender Tee gewesen, dessen Anwesenheit am selben Tisch sie unter keinen Umständen ertragen könne. Frau ohne T hingegen schwärmte von ihrem Lieblingstee und beteuerte, ihn ab jetzt häufiger in die Schule mitbringen zu wollen. Das klingt nach einem Stellvertreterstreit – es geht gar nicht um den Tee, sondern um das T, das die eine nicht besitzt, aber begehrt, und das die andere verteidigt bis aufs Blut. Übrigens sind beide Namen auch als Substantive im Deutschen vorhanden und bezeichnen ein Spiel und ein Bauwerk – nicht die schlechtesten Namen, die es gibt.
Die wahre Ergänzung zu Frau mit T, das hat das Mittagessen heute auch ergeben, bildet Kollegin T. Die aß nämlich dankbar alle von Frau mit T verschmähten Erbsen und sortierte ihrerseits aus ihrem Mischgemüse sämtliche Möhren für Frau mit T aus.
Ich hingegen aß alles auf, was auf meinem Teller war, und trank ansonsten ziemlich viel Kaffee.

Über Fische und Bänke


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Land unter. Drei Tage Dauerregen, das Flüsschen ist über seine Ufer getreten und breitet sich hemmungslos in Wiesen und Feldern aus. Unsere finnischen Freunde fanden es auch ziemlich nass diesmal.
Im Ort treibt eine herrenlose Fußgängerampel ihr Unwesen. Zuerst stand sie vor M.s Haus und leuchtete ihm nachts grün ins Schlafzimmer. Vor ein paar Tagen hat sie ihren Standort gewechselt und regelt jetzt den Verkehr an einer Straße, die von Fußgängern alle Jubeljahre mal benutzt wird. M.s Vermieterin, sonst eher nicht bekannt für messerscharfe Logik, stellte die These auf, die Gemeinde habe diese Ampel irgendwie übrig und teste mal aus, wo sie sich am besten mache.
Vielleicht sollte man sie dazu benutzen, das Flüsschen in seine Schranken zu verweisen.

Ach, Berlin

Hallo Douglas, alter Kumpel

Frau L. ist eine Bildungsbürgerin und ein Original, das haben Sie schon mitbekommen. Sie hat keine Lust auf die Kurzen, kann aber gut mit neunten und zehnten Klassen. In diesem Schuljahr hat sie unter anderem eine Neunte in Englisch, und irgendwie – man weiß nicht genau, wie – kam sie dort auf eines ihrer Herzensthemen: deutsche Volkslieder.
Sie fragt dann immer, welche Volkslieder die Schüler so kennen und tut entsetzt ob deren Ahnungslosigkeit. Danach singt sie welche vor, und wer die kennt, soll sich melden. Bei Muss i denn melden sich anscheinend ein paar, jedenfalls lässt sie das Internetz anwerfen und die Elvis-Presley-Version mit der Puppe suchen – immerhin handelt es sich um Englischunterricht. Gnadenlos zwingt sie den pubertierenden Haufen zum Mitsingen, und als Hausaufgabe sollen sie den Text auswendig lernen. Auf den wilden Protest hin sagt sie nur, alles reime sich, und man könne es sich leicht merken.

Treat me nice
Treat me good
Treat me like you really should
‘Cause I’m not made of wood
And I don’t have a wooden heart

Allerdings hat sie ein schlechtes Gewissen wegen der Grammatik. Das müsse sie wohl nochmal erklären.

In derselben Pause, in der sie dies erzählt, kommen wir – wieder weiß man nicht genau, wie – auf Verhörer in Liedtexten, weißer Neger Wumbaba und so, und Frau L. hat aus dem Stegreif zwei großartige beizusteuern.
Den alten Freddy-Quinn-Schlager Die Gitarre und das Meer verstand sie jahrelang so:

Jimmy Braun, das war ein Seemann,
Und sein Herz war ihm so schwer,
Doch es lieben ihn zwei Freunde:
Die Gitarre und das Meer.

Jimmy wollt’ ein Mädchen lieben,
Doch ein andrer kam daher,
Und als Trost sind ihm geblieben,
Die Gitarre und das Meer.

Juanita hieß das Mädchen,
Aus der großen fernen Welt.
Und Solenta die Gitarre,
Die er in den Armen hält.

Solenta ist ein gediegener Name für eine Gitarre, verschleiert aber die Tatsache, dass Jimmy Braun in Wirklichkeit die Gitarre so nennt wie das Mädchen, nämlich auch Juanita.
Auch war Frau L. sehr überrascht und ein bisschen enttäuscht, als sie nach Jahren erfahren musste, dass im Lied The Sounds of Silence von Simon & Garfunkel gar keine Person namens Douglas mitspielt.

Hello Douglas, my old friend,
I’ve come to talk with you again

Und dieses Gespräch hat mich dazu gebracht, nach sehr langer Zeit mal wieder Simon & Garfunkel zu hören.

Looks like vandalism

Seit Tagen ist es bedeckt, aber schwül – ein Wetter, das niemand leiden kann. Der Nachbar startet seinen Rasenmäher und mäht tapfer an gegen die dunklen Wolken und den Wind. Es braut sich was zusammen, seit Stunden schon. Es braut und braut, und nichts kommt dabei heraus. Der Nachbar mäht, und man muss ihm Erfolg bescheinigen.
Regen wäre womöglich gar nicht so gut, er erinnert an den Schnatermann und die Natter im Fischeimer. Die Knorpel sind so gut zu kaun – mir wird vom bloßen Atmen satt.
In dieser abgelegenen Ödnis kommen Geburtstagsgeschenke schon mal zwei Monate später an. Das macht gar nichts, für Überraschungen gut zu sein, ist nicht Laster, sondern Tugend, es sei denn, man heißt Deutsche Post AG.
Die Leiche von neulich hat ihr Geschlecht gewechselt. Was genau passierte, ist nach wie vor ungeklärt. Im Hof der Nachbarn fallen unreife Äpfel vom Baum. Der Wind.
Wenn’s regnet, hab ich gute Zeit.

RIP

Oh nein. Der einzige Musikaktus Deutschlands ist verendet.
Nie wieder wird er eine fröhliche Melodie hervorbringen. Er ruhe in Frieden.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (5)

Witness (Der einzige Zeuge, 1985) mit Kelly McGillis, Harrison Ford, Lukas Haas, Viggo Mortensen

Ein Mord, ein kleiner Junge als einziger Zeuge, ein beharrlicher Polizist, korrupte Polizeiobere, ein Versteck in einer Amischen Siedlung, eine Beinahe-Liebesgeschichte. „Amish“ wird offensichtlich [ˈɑːmɪʃ] oder [ˈæmɪʃ] ausgesprochen – beides ist im Film zu hören – aber nicht [ˈeɪmɪʃ].
Als Historikerin kann Kollegin K. einwandfrei Auskunft geben über Entstehung, Abspaltung, Verfolgung und Auswanderung der Amish People. Frau L. hört sich das an und kommentiert: „Hätte es die verdammte Reformation nicht gegeben, dann könnte heute nicht jeder Dahergelaufene in einem leerstehenden Warenlager eine Kirche gründen.“ – eine pointierte Zusammenfassung von 500 Jahren Religionsgeschichte, obgleich unklar bleibt, wie sie auf das Warenlager kommt.
Im Abspann ist ein dialect coach erwähnt, denn die Amish sprechen außer Englisch auch Pennsylvania Dutch oder Pennsylvaniadeutsch, ein pfälzisches Deutsch aus dem 18. Jahrhundert, gemischt mit englischen Lehnwörtern, die im dialektalen Text umherschwimmen wie Fliegen in der Suppe. Hier kann man das nachlesen, hier hören. Hach.
Der Film lebt natürlich vom Gegensatz zwischen der befriedeten Amisch-Welt und der bösen Moderne, die in das Idyll eindringt. Wir fragen uns, ob das womöglich ein Werbefilm für eine pazifistische und rückwärts gewandte Lebensweise ist. Ein bisschen vielleicht, denn immerhin wird der Oberschurke am Ende gemeinschaftlich und friedlich überwältigt und nicht vom Kind erschossen, wie jeder versierte Krimigucker getippt hätte. Immerhin wird ein Konflikt zwischen Vater und Tochter zumindest angedeutet. – Von Maiskörnern ermordet zu werden, ist hingegen ziemlich originell.
Große Diskussionen entfacht die Szene, in der sie mit der Pferdekutsche in die Stadt fahren, und hinter ihnen auf der Straße fährt zuerst ein riesenhafter Lastwagen, der nicht überholen kann, und dann eine kilometerlange Autoschlange. Es stellt sich heraus, dass der Lieblingskollege grundsätzlich nur 80 fährt auf der Landstraße, weil ihn das weniger stresst. Ob er nicht in der Fahrschule gelernt habe, dass man, wo man 100 fahren darf, auch 100 fahren soll, um kein Verkehrshindernis zu sein? Habe er, antwortet er mit großer Gelassenheit, aber das kümmere ihn gar nicht. Frau L. echauffiert sich und stellt die aparte These auf, die Heide sei die einzige Gegend in ganz Deutschland, wo man auf der Landstraße noch rasen könne. In der Bodenseeregion, wo sie in den Ferien war, ginge das schon allein wegen der Straßenverhältnisse gar nicht. „Und wo ich rasen kann, da will ich auch rasen!“
Über die Hübschigkeit der Schauspieler zu sprechen, vergessen wir. Harrison Ford ist hübsch, Kelly McGillis ist mehr als hübsch und sehr geeignet für die Rolle als besorgte und etwas naive country beauty. Und Viggo Mortensen hat nur eine winzige Nebenrolle, ist aber auch ziemlich hübsch.