Neue Zeiten

Fußball scheidet die Geister. Es gibt Leute, die mit Leidenschaft Spiele sehen, gar lesen, und es gibt andere, die nichts spannender finden als die Interviews nach dem Spiel zu hören, in denen Spieler und Trainer ihre Sicht auf das Spiel darlegen.
Spannend ist es zum Beispiel, darüber nachzudenken, ob es der Anstand eines Spielers oder dessen Medienberater ist, der ihn auf eine Frage wie „Ist der Pokalgewinn jetzt noch mal was ganz anderes als die Meisterschaft?“ wortreicher und detaillierter als mit einem höflichen Ja antworten lässt. Spannend ist auch die Sache mit dem Präsens.
Es ist nicht das szenische Präsens, das einer Vergangenheits- erzählung jähe und unmittelbare Gegenwärtigkeit verleiht: „Das Spiel plätscherte so dahin,“ müsste etwa ein Spieler sagen, „aber plötzlich spielt mir Alaba, völlig unbedrängt, an der Mittellinie den Ball vor die Füße, ich drehe mich um, neben mir startet blitzartig Lewandowski…“. Es ist auch nicht das generelle Präsens, das allgemeingültige, zeitlose Wahrheiten benennt: „So einen Ball muss man reinmachen!“
Nein, es ist erstens ein Präsens, das Vergangenes beschreibt – man könnte es historisches Präsens nennen, läge das beschriebene Ereignis nicht erst ein paar Minuten zurück: „Wenn man sieht, was wir für Gegentore bekommen, was wir für Fehler machen vor den Gegentoren, dann ist das bitter“, sagte zum Beispiel der nassgeschwitzte Herr Lahm unmittelbar nach dem Spiel. Zweitens kann dieses Präsens in ungenierter Art und Weise als Konjunktiv-Ersatz verwendet werden: „Wenn Weidenfeller vorsichtiger ist, muss der Schiedsrichter keinen Elfmeter pfeifen.“ Tatsache ist, Weidenfeller war nicht vorsichtig, der Schiedsrichter pfiff Elfmeter und das war das 1:1, daran lässt sich hinterher im Interview leider gar nichts mehr ändern.
Man kann es nicht anders sagen – dieses Präsens ist falsch. Aber ist es deshalb ein Hinweis auf den Verfall der deutschen Sprache? Mitnichten. Dass es wieder einmal der Fußball ist, dieser stete Quell sprachlicher Verzückung, der keck und furchtlos seinen Beitrag zum Sprachwandel leistet, verdient allerhöchste Anerkennung.
Das Fußball-Präsens, es lebe hoch.

Limerick (83)

This poem is copyright ©
by the author, 1983.
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Birken im Frühling


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Die Birke ist, zumal im Frühling, ein polarisierender Baum – den Allergikern kommen die Tränen, sobald sie sie von Weitem sehen, und wenn sie blüht, bespuckt sie die unter ihr parkenden Autos und alle Fenster in der Nachbarschaft. Andererseits produziert sie die frischesten Grüntöne, die man je gesehen hat, dient als Hommage an unsere finnischen Freunde und ist das Symbol für Fruchtbarkeit und Neubeginn schlechthin. Mit dem Maibaum holt man sich das ins Dorf.

Thus speaks the coppery Venus
through the virgin softness of Birch,
which is delicately rooted
and drinks in the light.
“O Man, work on your soul
in tenderness,
admire lovingly the beauty
of the world.”

Ein Ausflug, ein Ausflug

Stundenlang über Land durchs rurale Niedersachsen gejökelt, die Autobahn vermieden, statt dessen beschleunigt, abgebremst, beschleunigt, abgebremst. Unterwegs auf der Straße der Romanik, aber nicht nur. Maibäume gesehen, Fachwerkhäuser, unterschiedlich hohe Scheunentore, paar Dinge über Lothar III. von Süpplingenburg gelernt. Das Rätsel der beiden totgeschossenen Hasen, die am Dom von Königslutter ihren Jäger aufknüpfen, nicht gelöst, aber die Forschung rätselt offensichtlich auch noch. Gewundert, wer alles mal in Helmstedt gewohnt hat – Giordano Bruno, Carl Friedrich Gauß – und dass es dort eine bekannte Universität gab. Goldschlange, der perfekte Wasserschlauch.
Das Gelb und Gelb von Raps und Butterblumen, dann doch mal kurz Autobahn, doch mal kurz rüber nach Sachsen-Anhalt. GÜSt Marienborn, das passt nicht ganz zur Romanik, aber wenn man schon mal da ist. Gehört, wie angesichts der Ausstellungsstücke einem Kind umständlich erklärt wurde, warum das Wählen mit einem Wählscheibentelefon viel länger dauert. Dann zurück nach Niedersachsen, zurück auf die Landstraßen, zurück zur Romanik: Klosterkirche Mariental, mit diesem Graffito von 1698:


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Das war unterhaltsam und lehrreich, aber ziemlich viel Landstraße. An dem Projekt, jeden Ort in unserem Landkreis mindestens einmal zu besuchen, nehme ich übrigens nicht teil.

Common Sense


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Das ist ein Screenshot aus der allerersten Minute des Films Four Weddings and a Funeral von 1994. Ich habe die Aufschrift auf der Cornflakespackung immer für einen Witz gehalten, eine geheime Auskunft über die beiden Personen, die das zum Frühstück essen, Gareth und Matthew nämlich.
Dabei gab es Kellogg’s Common Sense-Zerealien wirklich in den 90er Jahren, der Szenenbildner musste also nur einmal im Supermarkt einkaufen gehen. Inzwischen ist die Produktion eingestellt worden.
Auch wenn die Packung „echt“ ist, ist die Aufschrift natürlich immer noch interpretierbar, genau wie die Tatsache, dass man sie spiegelverkehrt sieht. Auch liegt dahinter die Brille, die Matthew in genau einer Filmszene trägt – ganz am Schluss, nach der verpfuschten vierten Hochzeit. Das hat bestimmt auch irgendwas zu bedeuten.

(Filed under: Informationen, die die Welt nicht braucht.)

Figuren fahren

Letters inscribed into the earth itself.
Paul Auster, City of Glass

In Paul Austers Roman City of Glass gibt es einen Krimiautor namens Daniel Quinn, oder auch Paul Auster, der einen gewissen Peter Stillman Sr. beschattet. Er folgt ihm auf seinen Wegen durch New York und stellt irgendwann zufällig fest, dass dieser Stillman Buchstaben geht.


Da schimmert das „W” durch.

Diese Buchstaben – OWEROFBAB – vervollständigt der Detektiv zu The Tower of Babel und erschrickt ob dieser allzu bedeutungsvollen Botschaft.
Michael Wallace, ein Künstler aus Baltimore, macht das auch, aber mit dem Fahrrad und mit GPS. Heraus kommen “virtuelle Geoglyphen“, seltsam konkrete Figuren, die man in der Stadt nicht vermutet hätte. Niemand muss darob erschrecken. Nachahmenswert ist es allemal.

Kurze Erinnerung

„[F]ür mich steht jede Erzählung, ob explizit oder nicht, ‚in der ersten Person’, da ihr Erzähler sich selbst jederzeit, so es ihn danach gelüstet, mit diesem Pronomen bezeichnen kann.“
Gerard Genette, Die Erzählung, München 21998, S. 257

Aus gegebenem Anlass. Und: Erzähltheorie und Erzählpraxis sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Erzähler tun ständig Dinge, die ihnen theoretisch verboten sind, Leser akzeptieren bereitwillig alles Mögliche, weil ihnen gar nicht viel anderes übrig bleibt.
Meine Grenze ist erreicht, wenn in einem Krimi die interne Fokali- sierung auf dem Täter liegt, ohne dass man zu dem Zeitpunkt schon weiß, dass es der Täter ist. Das ist in einem Fred-Vargas-Krimi (zeitweise) so, in dem mit den Wölfen, glaube ich, und, berühmter, in Agatha Christies The Murder of Roger Ackroyd. Da schmeiße ich hinterher das Buch in die Ecke und bin persönlich beleidigt.