Omen

Ich habe am letzten Tag des alten Jahres zehn Euro auf der Straße gefunden und würde das jetzt gern so deuten, dass mir im neuen Jahr unermesslicher Reichtum widerfährt.
Vorschläge, wie man da einen Zusammenhang basteln könnte?

Das nächste, bitte

Leider geht schon wieder ein Jahr zu Ende. Es ist immer so schwer, sich an eine neue Jahreszahl zu gewöhnen. Auch wäre es besser, wenn Silvester zu Frühlingsbeginn stattfinden würde, dann hätte man mehr das Gefühl, es fängt etwas Neues an. Immerhin werden die Tage schon wieder länger.
Zwischen den Jahren ist gearbeitet worden, es ist gewaschen worden und gebügelt – alles Dinge, die man eigentlich nicht tut. Macht nix, heute Abend lassen wir die Puppen tanzen. Wir ziehen Bilanz und fassen Vorsätze. Und dann gucken wir, was passiert.
Wie immer darf kein Jahr zu Ende gehen, ohne dass der Liebe noch einmal ausgiebig gehuldigt wird:

Färrrtiesch? Dann setze ich mal mein Aluhütchen auf und fahre los. Kommen Sie gut ins neue Jahr.

My Cousin Rachel

So, ich muss jetzt mal was loben und was tadeln, und ich fange mit dem Tadel an. Dieser Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1962, hier als PDF mit Bildern, ist ja wohl das Allerletzte. Es handelt sich offenbar um die journalistische Gattung des Porträts; die Porträtierte ist die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier, der Anlass das Erscheinen der deutschen Übersetzung von My Cousin Rachel (im Original 1951 veröffentlicht). Der Name des Journalisten ist nicht erwähnt, es ist aber mit Sicherheit ein Mann und womöglich kein Literaturkritiker. Er benutzt du Mauriers Namen durchgehend herabsetzend mit Artikel – obgleich man „die du Maurier“ kaum aussprechen kann – und beruft sich bei literarischen Urteilen häufig auf Fremdmeinungen:

„Zünftige Literaten nehmen sie nicht ernst.“

„‚Times Literary Supplement‘, Englands wichtigste literarische Zeitschrift, tut ihre Romane neuerdings in zehn bis zwanzig verächtlichen Zeilen ab. Andere Rezensenten ihrer Romane sprechen von ‚Liegestuhl-Lektüre‘ und ‚unwiderstehlichem Kitsch‘“.

„Trotzdem bescheinigen ihr sogar die strengsten literarischen Richter, daß man ihre Bücher kaum ungelesen aus der Hand legen kann. Sie becirct, sie verzaubert. Mit einfachen, oft sogar zu einfachen Strichen schafft sie Situationen, Stimmung und Charaktere, die man schon von anderswo kennt, von Leonardo da Vincis Palette oder von Nebenfiguren Dickensscher Romane, so daß man sofort im Bilde ist.“

Alle diese Zitate sind gefärbt von der nervtötenden Herablassung, die den gesamten Text durchzieht. Zum Beispiel hat Daphne du Maurier nicht einfach ein altes Schloss in Cornwall gemietet (von dem nur ungefähr ein Dutzend Zimmer benutzbar, aber trotzdem kaum heizbar war), sondern sie „spielt […] Schloßherrin auf Menabilly, einem Jahrhunderte alten Bau mit 70 Zimmern“. Sie versteht nicht etwa ihr Handwerk, sondern „hat ihre kleinen wirksamen Mittel, ihre Berufstricks“. Ihre Themen sind mitnichten interessant, denn sie setzt sich „fleißig mit Problemen auseinander[…], die nur noch in England als Probleme betrachtet werden: vor allem den Problemen der ‚Society‘ und […] denen der Gesellschaft an sich“.
Es ist vom „Frauenroman“ Rebecca die Rede, das ist aber ebenso abwertend gemeint wie das Urteil über My Cousin Rachel: „Und so können sich die Leserinnen - in einiger Zeit auch die Filmbesucherinnen - bei Tee und kleinem Gebäck stundenlang über den wahren Charakter von Mona Lisa-Rachel-Olivia de Havilland streiten.“
Dahinter steht eine zutiefst männlich-arrogante Haltung: Eine Frau, die nicht schreiben kann, wird eben von Frauen gelesen, die nicht wissen, was gute Literatur ist. Aber naja, sie alle dürfen ein bisschen mitspielen im literarischen Betrieb, in dem der Mann, ein zünftiger Literat, den Ton angibt. (Dass man frönen ohne H schreibt, hätte dieser Mann allerdings wissen müssen.)

So, jetzt kommt das Lob. Über diesen Spiegel-Artikel bin ich ja überhaupt nur gestolpert, weil ich gerade My Cousin Rachel wiedergelesen habe. Das ist ein wirklich guter Roman. Okay, sprachlich ist er 19. Jahrhundert – aber der Plot. Es handelt sich um eine Art Doppelgeschichte, in der quasi zweimal dasselbe passiert; sie wird aber erzählt aus der Perspektive nur eines der drei Beteiligten, und es stellt sich zusehends heraus, dass es sich um einen höchst unzuverlässigen Erzähler handelt. Unzuverlässige Erzähler sind sowieso immer großartig.
Hier führt die Unzuverlässigkeit dazu, dass der Leser am Ende gut und böse, schuldig und unschuldig überhaupt nicht definieren kann, weil der Erzähler nur schwarz und weiß kennt, nur uneingeschränkte Huldigung oder absolutes Misstrauen. Mit beidem wird die Protagonistin, Rachel (die nicht die Erzählerin ist), bedacht, und so kommt es, dass man sie entweder als ganz und gar liebenswürdig oder als gewiefte Mörderin wahrnimmt. Man weiß es einfach nicht und wird bis zum Schluss nicht aufgeklärt – psychologisch ist das bestrickend.
Darüber hinaus handelt es sich um einen feministischen Roman. Rachel erwähnt oft, dass sie in einer männlich geprägten Welt als Witwe Probleme hat, über die Runden zu kommen. Vielleicht ist es das, was den Spiegel-Kritiker so abschreckte: Die Tatsache, dass dieser Roman die weibliche Perspektive so unabhängig von der männlichen darstellt. Ich mag dieses Buch sehr.
Der Film (von 1952) ist übrigens auch gut.

Kommet zur Nudelmesse

Alte Tradition in diesem Blog, jedes Jahr Weihnachten an das Fliegende Spaghettimonster zu erinnern oder auch an Russells Teekanne, das unsichtbare rosafarbene Einhorn und das seit dem Schisma von Lourdes umstrittene Recht der Gläubigen, den Gottesdienst mit nassen Haaren zu besuchen.
Parodie? So ein Quatsch.

Die Mühen der Ebene (19. Dezember)

Palmström lobt

Palmström lobt das schlechte Wetter sehr,
denn dann ist auf Erden viel mehr Ruhe;
ganz von selbst beschränkt sich das Getue,
und der Mensch geht würdiger einher.

Schon allein des Schirmes kleiner Himmel
wirkt symbolisch auf des Menschen Kern,
denn der wirkliche ist dem Gewimmel,
ach nicht ihm nur, leider noch recht fern.

Durch die Gassen oder im Gefilde
wandert Palmström, wenn die Wolke fällt,
und erfreut sich an dem Menschenbilde,
das sich kosmologischer verhält.
Christian Morgenstern

Das klingt alles sehr schön, stimmt aber leider gar nicht. In den Gassen und im Gefilde rund um unsere Anstalt schritt niemand unter des Schirmes kleinem Himmel, sondern saß im Auto, um die armen Kinder zur Schule zu bringen und wieder abzuholen, die nicht im Dauerregen auf Busse warten müssen sollten. Nicht am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien.
Sogar ich fuhr heute mit dem Auto zur Arbeit, obwohl sich das Anlassen kaum lohnt, aber gestern war ich beim Fahrradfahren viermal nass geworden, dazu hatte ich heute keine Lust. Nur das Mädchen aus meiner Klasse, das eisern jeden Tag sechs Kilometer durch den Wald zur Schule und sechs Kilometer zurück fährt, kam natürlich mit dem Fahrrad.
Mir grauste ein wenig vor der zweistündigen Weihnachtsfeier mit meiner Klasse; zwar hatten wir uns grob über einen Verlauf geeinigt, aber eben nur grob. Im letzten Jahr, als Fünftklässler, hatten sie noch freiwillig Blockflöten und Gitarren mitgebracht und Weihnachtsgedichte vorgelesen – als ich dieses Jahr etwas in der Richtung vorschlug, wollten sie sich schier totlachen und verlangten nach Wichteln und Film. Nun gut.
Beim Wichteln wäre ich beinahe ausgetrickst worden, das ist mir auch noch nie passiert. Vorsichtshalber habe ich immer ein Ersatzgeschenk dabei, falls jemand seins vergisst, und danach sah es heute beinahe aus, allerdings nur beinahe: Eine Schülerin wollte ihre Klassenkameradin ein bisschen auf die Folter spannen, indem sie so tat, als hätte sie ihr Geschenk vergessen. Alles gut.
Dann Film. Das war schwieriger, denn man hatte sich vorher auf keinen einigen können. Die unendliche Diskussion hatte ich abgewürgt mit der Ansage: Bringt einfach mit, was ihr so habt, und dann stimmen wir ab. Mit der Altersbeschränkung ab sechs (und nicht etwa ab zwölf, weil der Klassenjüngste gerade mal elf geworden ist) gab es immerhin ein gutes Argument gegen die Filme, die die coolen Jungs gucken wollten.
Ich hatte Die Kinder des Monsieur Mathieu und Stand By Me dabei, hatte aber den Fehler gemacht, in deren Zusammenhang das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ fallen zu lassen, das umgehend in ein Schimpfwort verwandelt wurde – daraufhin hatten diese Filme keine Chance mehr, obwohl der coolste Junge von allen, der zu Hause angeblich Filme ab 18 sehen darf, nebenbei zu Stand By Me bemerkte: Ah, den kenn ich, der ist gut.
Letztlich war es ohnehin so, dass der DVD-Player im Computer den Film aussuchte. Er reagiert sehr empfindlich auf zerkratzte DVDs, und so mussten wir, ob wir wollten oder nicht, den unversehrtesten aller vorhandenen Filme sehen, das war Harry Potter I – sehr okay und von allen goutiert. Manchmal regeln sich die Dinge von selbst.
Am Ende bekam ich noch ein Geschenk, und die Schulbegleiterin, die wegen eines schwierigen Schülers immer dabei und mittlerweile so etwas wie die Klassenmama geworden ist, auch, und wir wünschten einander frohe Weihnachten oder schöne Ferien und gingen hinaus in den Regen. Ferien. Jetzt erstmal drei Tage schlafen.

PS: Mir hat heute jemand einen Gefallen getan und jetzt etwas gut, das wollen wir uns doch mal merken.

Die Mühen der Ebene (18. Dezember)

Weihnachtskonzert. Links neben mir Frau mit T und Husten, rechts neben mir Frau ohne T mit fröhlich vor sich hin erzählendem Baby. So richtig viel hab ich nicht gehört vom Konzert, aber schön wars trotzdem.
Noch einer.

Die Mühen der Ebene (17. Dezember)

Den heutigen Tag stellen wir am besten dem Vergessen anheim. Erstens regnete es den ganzen Tag lang, und da meine Laune bekanntlich durch ein unsichtbares Kabel direkt mit dem Wetter verbunden ist, war das schon einmal eine schlechte Voraussetzung.
Zweitens musste ich mich heute andauernd ärgern. Die Fünftklässler trieben mich in der Doppelstunde Englisch in den Wahnsinn, weil sie einfach nicht zuhörten: Ich weigere mich, die Seite im Buch und die Nummer der Übung mehr als zweimal zu nennen (geschweige denn an die Tafel zu schreiben), und nach jeder neuen Ansage gab es ungefähr fünf Kinder, die nicht wussten, was sie tun sollten, weil sie geistig abwesend waren. Gespielten Ärger beherrsche ich durchaus auch, aber das, was mich ob dieses Verhaltens ansprang, war richtige, echte Wut.
In der Bereitschaftsstunde hatte ich eine Vertretung in einer neunten Klasse und sollte einen Film zeigen, von dem sie im Politikunterricht schon die erste halbe Stunde gesehen hatten: Die fetten Jahre sind vorbei. Oh, schön, dachte ich, das wird mal ein Vergnügen. Weit gefehlt. Als ich den Film herausholte, hörte ich Kommentare wie „Müssen wir diesen Scheißfilm wirklich weitergucken?“, und als er lief, musste ich ihn dreimal stoppen, um klarzustellen, dass man während einer Filmvorführung nicht spricht. Was mich aber in wirkliche Rage versetzte, war, dass sie mich, kaum war die Stunde zu Ende, fragten, ob ich den Film nicht dalassen könne, so dass sie ihn in der nächsten Stunde weitergucken könnten. So eine Heuchelei. Nur um Unterricht zu vermeiden.
Es ärgert mich, dass ich mich von Schülern in Wut versetzen lasse. Die Frage ist nur, ob das Wetter an allem schuld war.