Drei Birken im Frühling

Pfingstferien

Pfingstsonntag ist Familientreffen; diesmal fehlt die jüngste Schwester meiner Mutter, dafür ist meine Schwester da, mit Kind. Für den dreijährigen Neffen ist es das erste Treffen dieser Art, und es ist nicht ganz klar, ob ihm das Konzept Familie schon geläufig ist. Als ihm ein Spielzeugauto geschenkt wird und seine Mutter ihn fragt, woher er das habe, sagt er höflich: Von der Dame da hinten. Die Dame da hinten ist aber seine Großtante.


Ja, und der Raps blüht.

Der Neffe gießt mit seiner Spielzeuggießkanne ausdauernd den ganzen Garten, muss aber immer wieder nachfragen, was er schon gegossen hat und was nicht. Er interessiert sich sehr für die Maschine zum Reinigen des Teichwassers und erklärt noch Stunden später ungefragt, wie sie funktioniert. Auch möchte er sämtliche essbaren Gartenkräuter probieren, Salbei, Petersilie, Basilikum, Minze, und befindet, dass sie alle gut schmecken. Seinen Mittagsschlaf hält er unter dem Apfelbaum.


Süntelblick.

Der Dienstag nach Pfingsten ist auch noch frei, und weil ich ein paar Dinge einkaufen und außerdem die Harry-Callahan-Ausstellung in den Deichtorhallen unbedingt sehen muss, fahre ich nach Hamburg. Mit dem Zug natürlich, inklusive Umsteigen im verhassten Hundertwasser-Bahnhof Uelzen, aber diesmal muss ich nicht zwei Stunden warten, weil ein Zugführer nicht zur Arbeit erschienen ist.
In Hamburg regnet es wie immer, aber Callahan ist großartig. Ich liebe ja dieses Foto seit langen Jahren sehr, und, hach, endlich habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Es ist winzig klein, wer hätte das gedacht. Richtig gute Schwarz-Weiß-Abzüge gewinnen locker gegen alles Digitale und Ausgedruckte.
Das alles war ganz nett, ist aber nichts gegen den nächsten Sonntag, an dem wir mit achtundsechzig Achtklässlern und fünf Kollegen nach England fahren. Wish me luck.

Die Hübschigkeit der Schauspieler (23)

Touch of Evil, 1958, mit Orson Welles, Charlton Heston, Janet Leigh

Touch of Evil, auf Deutsch Im Zeichen des Bösen, ist ein Film, der unsere Runde – nein, eigentlich ist es vor allem Frau L. – zum Sprechen über Körperteile anregt, obwohl die Hübschigkeit der Schauspieler mitnichten im Mittelpunkt steht.
Ein kleiner guter Film Noir in Schwarz-Weiß, den es in mehreren Fassungen gibt, weil das Universal-Studio Orson Welles’ Original-Drehbuch so stark gekürzt hatte, dass der sich wehrte – und danach nur noch in Europa drehte. Die Eingangsszene ist berühmt; ein dreieinhalb Minuten dauernder Schwenk, der, einem Auto folgend, die US-mexikanische Grenzstadt Los Robles vorstellt, in der vor allem dem Laster gefrönt wird.
Es ist eine Geschichte um Drogen und Korruption, bei der Gut und Böse bis zum Schluss nicht ganz auseinanderzuhalten sind. Nur dass Charlton Heston, obwohl Mexikaner und von oben bis unten mit Schuhcreme eingeschmiert, durch und durch gut ist, ist eindeutig. Orson Welles gelingt es, den durchtriebenen alten Polizisten mit der verlässlichen Intuition und der Skrupellosigkeit in Bezug auf Wahrheit und Beweise so zu spielen, dass man ihn abstoßend findet und gleichzeitig Mitleid mit ihm hat.
Hier kommen die Körperteile ins Spiel. Das sei doch nicht Orson Welles, ruft Frau L. aus, der habe doch nicht so eine Nase! Es ist ganz eindeutig Orson Welles, aber womöglich ist es tatsächlich nicht seine eigene Nase, wie man zum Beispiel in diesem Spiegel-Artikel nachlesen kann:

Alles an Orson Welles war mächtig und ausdrucksvoll, nur seine Nase nicht, sie blieb weich, flach, jungenhaft. Deshalb hat er im Lauf seines Lebens in Dutzenden von Rollen Dutzende von falschen Nasen getragen, zeitweise sogar einen eigenen Nasen-Mann beschäftigt, der ihm in alle Ecken der Welt angemessen imposante Attrappen lieferte, und deshalb war die Traumrolle, der er immer nachjagte, ohne sie je zu kriegen, der legendär langnasige Cyrano de Bergerac.

Ferner möchte Frau L. über Brüste reden. Solche Brüste wie die von Janet Leigh gebe es heutzutage nicht mehr oft, klein, spitz, nach außen zeigend. Wir wissen auch nicht so recht, Ernährung, BHs… Und dann ist da noch die Tatsache, dass Charlton Heston, der in diesem Film eigentlich eine Anzugrolle innehat, gelegentlich mit offenem Hemd agiert, so dass man seine schuhcremebeschmierte Brust sehen kann. Das erklärt sich allerdings leicht – er ist Mexikaner.
Das war ein netter Abend; und auf dem Rückweg haben wir uns nur ein winziges bisschen verfahren, mehr so aus Versehen. Wir werden immer besser.

The Purple Cow

Gelett Burgess, 1895

This is how I blog

Im Mai muss man über Erdbeeren schreiben, über Vater- und Muttertag und Bilder posten von Katzen auf dem Rücken im Gras. Statt dessen wirft alle Welt mit Stöckchen; ich dachte, an mir geht das vielleicht vorbei – weit gefehlt. Na gut, weil sie es ist. Ich hab aber den Titel geändert, weil Bloggen für mich nicht Arbeit ist, sondern Spaßvergnügen in der Freizeit. Und hier ist eine Liste mit den Beiträgen der anderen.

Bloggerinnen-Typ: Serien- und Gedenktagfixiert. Ich brauche Rituale.
Gerätschaften digital: Vier Jahre alter Laptop mit Kabel-Internetz, zwei Kameras (eine kleine, eine große).
Gerätschaften analog: Nix, was ich zum Bloggen bräuchte.
Arbeitsweise: Einfach Leben leben und warten, dass Ideen angeflogen kommen.

Welche Tools nutzt du zum Bloggen, Recherchieren und zur Bookmark-Verwaltung? Die Wiesenraute läuft mit WordPress, das mal dringend ein Update nötig hätte, aber ich trau mich nicht, weil ich Angst habe, das Ganze zu zerschießen. Auf dem Desktop des ollen Laptops liegt ein Word-Dokument mit dem Namen blog.dog (don’t ask), da schreibe ich rein. Recherchieren beginnt oft mit wilder Googelei, manchmal gucke ich aber auch in Bücher. Ich lese ungefähr 50 RSS-Feeds als Live Bookmarks im Firefox, das ist eher wenig, ich weiß, und wird radikal ausgetauscht, wenn ich mich beim Lesen langweile. Übrigens gibt es Blogs, die ich nicht lesen kann, obwohl ich sie thematisch interessant finde – weil sie schlecht geschrieben sind. Und umgekehrt lese ich manch mittelmäßig spannendes Blog nur, weil jemand gut schreiben kann.

Wo sammelst du deine Blogideen? Im Kopf. Wenn ich eine Idee habe, schreibe ich sie in besagtes Word-Dokument (mit handgefertigten Code-Tags!), schlafe eine Nacht drüber (na ja, nicht immer; beim Tagebuchbloggen sowieso nicht) und ändere am nächsten Tag ein paar Dinge, weil ich pingelig mit Sprache bin. Wenn es fertig ist, kopiere ich es ins Blog, und erst wenn das veröffentlicht ist, wird das andere gelöscht.
In blog.dog stehen keine Ideen, sondern nur so einzelne Sätze, die ich dann meistens doch nicht verwende. Im Moment steht dort zum Beispiel: In mildem Lichte Jakob Apfelböck / Erschlug den Vater und die Mutter sein / Und schloss sie beide in den Wäscheschrank / Und blieb im Hause übrig, er allein. Das ist der Anfang eines lustigen Brecht-Gedichts, aber daraus wird wohl eher kein Blogeintrag, zumal ich das schon vertwittert habe. Wenn ich irgendwas in diesem Internetz nicht leiden kann, dann das Doppelt- und Dreifachverwerten von Dingen.
Und natürlich beinhaltet blog.dog eine Limericksammlung für karge Zeiten, die wird immer mal wieder ergänzt.

Was ist dein bester Zeitspar-Trick / Shortcut fürs Bloggen / im Internet? Äh – mein Ziel ist nicht, zeitsparend zu bloggen. Ich schreibe gerne, und ich verwende gern viel Zeit für die Verbesserung von Text. Der beste Zeitspar-Trick für dieses Internetz ist, es nicht zu benutzen.

Benutzt du eine To-Do-List-App? Welche? Nein. Ich schreibe manchmal per Hand To-Do-Listen, für die Arbeit. Außerdem verfasse ich mit Hingabe Einkaufslisten, nur um sie dann zu Hause zu vergessen.

Gibt es neben Telefon und Computer ein Gerät, ohne das du nicht leben kannst? Ohne Telefon kann ich sehr gut leben – die Möglichkeit, ständig erreichbar zu sein, macht mir Angst, und ich telefoniere nur, wenn es unbedingt sein muss. Ich halte ja die Waschmaschine für eine der bahnbrechenden technischen Errungenschaften, und natürlich den Kopierer, ohne den ich mir meine Arbeit nicht vorstellen kann. Aber das ändert sich bestimmt bald.

Gibt es etwas, das du besser kannst als andere? Och, ich kann viele Dinge ganz gut, wenn auch nicht besser als andere. Aber das reicht mir eigentlich.

Was begleitet dich musikalisch beim Bloggen? Nichts. Multitasking überfordert mich. Das ist Erziehungssache, glaube ich; ich durfte früher beim Hausaufgabenmachen nie Musik hören – und jetzt kann ichs nicht, es lenkt mich ab.

Wie ist dein Schlafrhythmus – Nachtigall oder Lerche? Lerche. Morgens früh wach, auch in den Ferien, und die produktivste Zeit ist der Vormittag.

Eher introvertiert oder extrovertiert? Introvertiert; ich spreche auch nicht so gerne, schon gar nicht morgens. Manchmal komme ich natürlich nicht darum herum.

Wer sollte diese Fragen auch beantworten? Wer will, bitte bedienen Sie sich.

Der beste Ratschlag, den du je bekommen hast? „Stell dich nicht so an. Man muss sein ganzes Leben lang Dinge tun, die man noch nie getan hat.“

Noch irgendwas Wichtiges? Schreiben hilft. Immer.

Apfelblüte

Hach, der alte Apfelbaum. Der steht im Winter immer so kahl und knorrig im Garten, ein Specht hat vor ein paar Jahren ein Loch in seinen Stamm gebohrt, in dem jetzt eine Meisenfamilie wohnt, und nie käme man auf die Idee, dass er noch einmal blüht.
Tut er aber doch, alle Jahre wieder.

Im wunderschönen Monat Mai

Weil ich sie neulich mal im Konzert gehört habe, besitze ich neuerdings Musik von dem Vokalensemble Singer Pur. Das Sextett – Sopran, drei Tenöre, Bariton, Bass – trägt, genauso wie in Großbritannien die King’s Singers, seinen Teil zur Rettung des heimatlichen Liedguts bei: SOS – Save Our Songs heißt die CD, für die Komponisten und Arrangeure deutsche Volkslieder neu arrangiert haben. Manche als traditionelle Sätze mit den bekannten Harmonien (Der Mai ist gekommen, Bunt sind schon die Wälder), andere sind sehr experimentell. In Auf einem Baum ein Kuckuck saß zum Beispiel, arrangiert von Wolf Kerschek, hört man neben dem überlieferten Text (fett) und dem verzögernden sim sa la bim auch noch alles mögliche andere:

Kuckuck, kuckuck, kuckuck.
Auf einem Baum ein Kuckuck saß.
Was macht der Kuckuck? Im Frühling? Weiß nicht.
Er kuckt. Er kuckt.
Ach so.
Du schöner Kuckuck!
Da kam ein junger Jägersmann.
Da kommt ein Jägersmann, ein Jägersmann, ein junger Jägersmann.
Sieht gut aus…
Der schoss den armen Kuckuck tot.
Der arme Kuckuck, der arme Kuckuck!
Warum haben wir das gemacht? Den armen Kuckuck totgemacht.
Warum?
Der arme Kuckuck!
Und als ein Jahr vergangen war,
Als ein Jahr vorüber war. Vorüber geht, vorüber geht. Vergangen war.
Da war der Kuckuck wieder da.
Wie schön, der Kuckuck lebt doch.
Wie schön, dass der Kuckuck wieder lebt.
Er ist nicht totzukriegen. Wie hat er das gemacht?
Auf einem Baum ein Kuckuck saß.

Nachdem ich diese Platte ein paar Mal gehört hatte, hatte ich einen einzeiligen Ohrwurm – Im wunderschönen Monat Mai… – und danach ging es nicht weiter. Das musste ich googeln: Es ist das erste Stück aus Schumanns Liederzyklus Dichterliebe (nach Gedichten von Heinrich Heine) und geht sehr wohl weiter, wenn es auch später ziemlich plötzlich aufhört.
Zuerst wusste ich gar nicht, woher dieser Ohrwurm kam, aber dann habe ich SOS noch mal aufmerksam gehört, und siehe da – der Arrangeur von Der Kuckuck und der Esel, René Veen, hat den Schumann-Schnipsel da hineingeschmuggelt. Was, zum Kuckuck, hat er sich dabei gedacht?

Fritz Wunderlichs angeblich immer noch beispielhafte Interpretation von den Salzburger Festspielen 1965. Ich habe jetzt ziemlich viele Versionen gehört und finde diese großartig, aber das ist ein reines Geschmacksurteil. Vor allem aber finde ich, dass es keine andere Tonfolge gibt, die besser zu den Wörtern Im wunderschönen Monat Mai passt als diese.