Archiv Sonntag, 28. Januar 2007

Der Autostreichler

Sonntag, 28. Januar 2007

Wie Frau Müller ihren Gummibaum, so liebt der Autostreichler sein Auto. Der Autostreichler ist ein älterer Herr, der einmal pro Tag mit dem Auto zum Einkaufen fährt, am Wochenende ist er auch mal länger weg. Er hat für 17 € im Monat einen der reservierten Parkplätze vor dem Haus gemietet. Leider hat er Pech gehabt und ihm ist ausgerechnet der Platz unter dem Baum mit den kleinen roten Beeren zugefallen. Wenn die im Herbst reifen, dann fallen sie herunter – genau auf das Auto des Autostreichlers. Dort hinterlassen sie hässliche rote Flecke, die wahrscheinlich sogar den Lack nachhaltig schädigen, so ähnlich wie Vogeldreck. Was unternimmt nun der Autostreichler dagegen? Er geht täglich mehrmals um das Auto herum und streicht die fiesen roten Beeren vom Lack, bevor sie sich hineinfressen. Wer allerdings das mit den Beeren noch nicht weiß, muss sich erheblich über die seltsamen Verrichtungen dieses Mannes wundern. Man könnte versucht sein zu glauben, hier im Village seien die Leute eben merkwürdig. Aber, das demonstriert dieser Fall sehr anschaulich: Merkwürdiges Verhalten, das durch eine logische Erklärung nachvollziehbar wird, ist auf der Stelle unmerkwürdig. Dass es trotzdem komisch aussieht, wenn der Autostreichler sein Auto streichelt, hat damit gar nichts zu tun.

Von Frau Müller geliebt

Sonntag, 28. Januar 2007

Im Haus gibt es eine Mieterin, nennen wir sie Frau Müller, die sich wahlweise als “Wachhund des Hauses“ oder als “Mutter des Hauses“ bezeichnet – selbstverliehene Ehrentitel, die sie mit Stolz trägt. Sie hält den Gemeinschaftssinn hoch (”Zum Glück sind Sie nicht nach nebenan gezogen, da wohnt ein Pole, der schlägt seine Frau. Hier passiert so was nicht, hier wohnen anständige Leute.“) und fühlt sich zuständig, neue Mieter in das Prinzip Kehrwoche einzuweisen. Als einzige Mieterin im ganzen Haus hat Frau Müller ihren Treppenabsatz individuell gestaltet und zwar mit Hilfe eines Gummibaums. Mit diesem Gummibaum hat es eine besondere Bewandtnis. Er ist genau neunundzwanzig Jahre alt, und (Achtung, Symbolik!) neunundzwanzig ist auch die Anzahl der Jahre, die Frau Müller in diesem Haus wohnt. Zwar ist der Gummibaum bedeckt vom Treppenhausstaub der Jahre, und er ist so altersschwach, dass er an die Wand gelehnt werden muss, damit er nicht umkippt. Aber egal. Er wird durchhalten, solange er von Frau Müller geliebt wird.

Bauwerke oder Grünflächen

Sonntag, 28. Januar 2007

Hamburger Hafen, Speicherstadt, Schanzenviertel, Övelgönne – alles schön und gut. Wir wollen uns nicht beklagen, wenn die Hamburg-Touristen an diese Orte zuerst eilen. Sie stehen in ihren Reiseführern nun einmal an erster Stelle. Irgendein parteiischer Reiseführerverfasser, wahrscheinlich Herr Baedecker, hat sie für besichtigenswerter gehalten als das Village of Os. Aber das ist falsch, ganz falsch. Denn auch Hamburg-Osdorf hat seinem Touristen einige Perlen der Hochkultur zu bieten. Der gequälte Tourist steht sogar vor der Wahl: Möchte er lieber bedeutende Bauwerke besichtigen oder bedeutende Grünflächen? Für den Architektur-Interessierten bietet das Village erstens den Heidbarghof in der Langelohstraße und zweitens die Osdorfer Mühle in der Osdorfer Landstraße 142. Diejenigen, die sich eher für die Natur interessieren, besuchen den Botanischen Garten oder die Wiesen der Osdorfer Feldmark, die sich zwischen Schenefeld, Osdorf und Iserbrook erstrecken. “Beide Grünflächen“, so verkündet der entsprechende Wikipedia-Artikel in einer Mischung aus Sachlichkeit und Stolz, “sind für die Verhältnisse eines Stadtteils in einer Millionen-Metropole als groß zu bezeichnen.“

Abtreter

Sonntag, 28. Januar 2007

Im Haus gibt es zehn Wohnungen mit jeweils einer Wohnungstür. Macht zehn Wohnungstüren, zwei in jeder Etage. Vor jeder Wohnungstür liegt eine Fußmatte. Sie unterscheiden sich nur unwesentlich, die meisten sind dunkelgrau oder braun, und auf beinahe jeder steht “Willkommen!“. Im zweiten Stock verkündet die Fußmatte vor der linken Wohnungstür polyglott: “Welcome!“ und im ersten Stock links steht: “FIFA Fussball WM Deutschland 2006“. Eine Reminiszenz an warme, fröhliche Zeiten – wahrscheinlich bringen die Besitzer es deshalb nicht übers Herz, sie zu entsorgen. Natürlich würde es das Haus ungemein aufwerten, wenn auf den Fußmatten intelligentere Dinge stünden. Denn es ist ja nun mal nicht so, dass jeder willkommen ist. Es gibt Menschen, von denen man nicht besucht werden möchte. Für solche Fälle wäre eine variable Variante denkbar, vom kreativen Fussmattenbesitzer persönlich zu vervollständigen. Unter dem “Willkommen!“ stünde dann: “(mit Ausnahme von: Tante Gertrud, der blöden Kusine Philine, die wir noch nie leiden konnten, und dem Staubsaugervertreter, denn an der Tür kaufen wir grundsätzlich nicht“). Was den GEZ-Mann betrifft, der wohl nirgends wohlgelitten ist, so bietet sich ein Modell mit der Aufschrift an: “Alle Geräte angemeldet!“ Da wüsste er sofort: Hier muss ich nicht klingeln.