Von Frau Müller geliebt
Im Haus gibt es eine Mieterin, nennen wir sie Frau Müller, die sich wahlweise als “Wachhund des Hauses“ oder als “Mutter des Hauses“ bezeichnet – selbstverliehene Ehrentitel, die sie mit Stolz trägt. Sie hält den Gemeinschaftssinn hoch (”Zum Glück sind Sie nicht nach nebenan gezogen, da wohnt ein Pole, der schlägt seine Frau. Hier passiert so was nicht, hier wohnen anständige Leute.“) und fühlt sich zuständig, neue Mieter in das Prinzip Kehrwoche einzuweisen. Als einzige Mieterin im ganzen Haus hat Frau Müller ihren Treppenabsatz individuell gestaltet und zwar mit Hilfe eines Gummibaums. Mit diesem Gummibaum hat es eine besondere Bewandtnis. Er ist genau neunundzwanzig Jahre alt, und (Achtung, Symbolik!) neunundzwanzig ist auch die Anzahl der Jahre, die Frau Müller in diesem Haus wohnt. Zwar ist der Gummibaum bedeckt vom Treppenhausstaub der Jahre, und er ist so altersschwach, dass er an die Wand gelehnt werden muss, damit er nicht umkippt. Aber egal. Er wird durchhalten, solange er von Frau Müller geliebt wird.