Archiv Januar 2007

Abtreter

Sonntag, 28. Januar 2007

Im Haus gibt es zehn Wohnungen mit jeweils einer Wohnungstür. Macht zehn Wohnungstüren, zwei in jeder Etage. Vor jeder Wohnungstür liegt eine Fußmatte. Sie unterscheiden sich nur unwesentlich, die meisten sind dunkelgrau oder braun, und auf beinahe jeder steht “Willkommen!“. Im zweiten Stock verkündet die Fußmatte vor der linken Wohnungstür polyglott: “Welcome!“ und im ersten Stock links steht: “FIFA Fussball WM Deutschland 2006“. Eine Reminiszenz an warme, fröhliche Zeiten – wahrscheinlich bringen die Besitzer es deshalb nicht übers Herz, sie zu entsorgen. Natürlich würde es das Haus ungemein aufwerten, wenn auf den Fußmatten intelligentere Dinge stünden. Denn es ist ja nun mal nicht so, dass jeder willkommen ist. Es gibt Menschen, von denen man nicht besucht werden möchte. Für solche Fälle wäre eine variable Variante denkbar, vom kreativen Fussmattenbesitzer persönlich zu vervollständigen. Unter dem “Willkommen!“ stünde dann: “(mit Ausnahme von: Tante Gertrud, der blöden Kusine Philine, die wir noch nie leiden konnten, und dem Staubsaugervertreter, denn an der Tür kaufen wir grundsätzlich nicht“). Was den GEZ-Mann betrifft, der wohl nirgends wohlgelitten ist, so bietet sich ein Modell mit der Aufschrift an: “Alle Geräte angemeldet!“ Da wüsste er sofort: Hier muss ich nicht klingeln.

Schnee im Dorf

Samstag, 27. Januar 2007

schneemann2.JPG
Solch zierliche rote Stiefeletten tragen echte Osdorfer Schneemänner, gebaut von echten Osdorfer Kindern. Zugegeben, das Schuhwerk sieht ziemlich nach ausrangierten Weihnachtsmann- Stiefeln aus. Egal. Was wir uns merken wollen: Gestern hat es geschneit im Village of Os.

Limerick (1)

Freitag, 26. Januar 2007

There was an old lady in Brooking
who had a great genius for cooking.
She could bake sixty pies,
all quite the same size,
and tell which was which without looking.

Kopfballmaschine

Freitag, 26. Januar 2007

Der Altonaer Volkspark gehört strenggenommen gar nicht zu Hamburg-Osdorf. Aber er grenzt ans Village, und wir nutzen ihn gern zum Hundeausführen und zum Joggen. Wer vormittags Zeit hat, begibt sich auf den Platz vor der Arena formerly known as Volksparkstadion und guckt den bezahlten Angestellten der Fußball-Männerabteilung des HSV beim Trainieren zu. Die beginnen allerdings frühestens um zehn Uhr mit der Arbeit. Auf dem Trainingsplatz gibt es eine Kopfballmaschine, ein Relikt aus den siebziger Jahren und eine der letzten in Deutschland. Sie sieht aus wie ein T, an beiden Enden des Querbalkens hängt eine Schnur mit einem Ball dran. Mit dieser Konstruktion lässt sich üben, wie man hoch genug springt und den Ball mit dem Kopf präzise trifft. Angesichts der Tabellenposition des HSV in diesen Tagen kann man allerdings unerschrocken die folgende These vertreten: Die Anwesenheit einer Kopfballmaschine auf dem Trainingsplatz hat mit der Qualität des Bundesligafußballs nichts zu tun.

Busfahren in Hamburg (1)

Freitag, 26. Januar 2007

Im Bus Nummer 3 am Neuen Pferdemarkt: Die Frau, die im Wartehäuschen sitzt und liest, ist so in ihr Buch vertieft, dass sie den Bus weder kommen hört noch sieht. Der Bus hält, Fahrgäste steigen aus, Fahrgäste steigen ein, nur die Frau sitzt immer noch und liest. Der Busfahrer - anstatt zu denken: wenn sie nicht mit will, will sie eben nicht mit - probiert es zuerst mit Rufen: “Hallo! Wollen Sie vielleicht mitfahren?” Die Frau reagiert nicht. Auch die Fahrgäste denken nicht: lass sie doch, wenn sie nicht reagiert, will sie wohl nicht mit, sondern beobachten das Geschehen mit Interesse und Anteilnahme. Jetzt betätigt der Fahrer nämlich die Hupe, und siehe da, die Frau zuckt zusammen, springt auf und besteigt eilig mit verlegenem und dankbarem Lächeln den Bus, begrüßt vom Fahrer und den lächelnden Fahrgästen, offensichtlich alles Menschen mit einem Herz für Leser. Bleibt die Frage, welches Buch das war, aus dem man nur mit Hilfe einer Hupe in die Wirklichkeit zurückgeholt werden kann.

Hamburger Straßen-Alphabet

Freitag, 26. Januar 2007

Straßenbenenner sind Charakterköpfe. Ihr Stil ist meist unverkennbar. In Berlin zum Beispiel hatte einer die Angewohnheit, Straßen nach Stadtteilen zu benennen und ein Alt- davor zu setzen: Alt-Moabit, Alt-Stralau, Alt-Blankenburg. Daran müssen sich Neue erst einmal gewöhnen. Der Hamburger Straßenbenenner hatte Witz, wie die folgende Liste beweist: ABC-Straße, Bei Schuldts Stift, Caffamacherreihe, Durchschnitt, Englische Planke, Floot, Gockelstieg, Hühnerposten, Irrweg, Jacobs Treppe, Kaiserkai, Leemrackeln, Milchstraße, Niederbaumbrücke, Ole Enn, Passierzettel, Querstraße, Rechteck, Schulterblatt, Toller Ort, Utkiek, Vierte Twiete, Wiesenrautenstieg, Yvonne-Mewes-Weg, Zippelhaus.

Sonntagsbrötchen

Freitag, 26. Januar 2007

Wir hier im Village blicken ja gelegentlich eifersüchtig hinüber nach Ottensen. Nicht weil dort das Leben tobt, nicht wegen der Kneipen, der Restaurants, der Zeise-Kinos, der Fabrik, der vielen interessanten Menschen auf den Straßen, nein. Auch nicht wegen des Poloniums, das dort im letzten Jahr gefunden wurde, das die Ottenser zu Mitwirkenden in einem mysteriösen weltumspannenden Kriminalfall gemacht hat. (Übrigens gehört Osdorf genau wie Ottensen zum Bezirk Altona, und das Bezirksamt Altona, in dem sich ein vergiftetes Blatt Papier anfand, ist auch unser Bezirksamt.) Aber auch das ist nicht der Grund für unseren Neid. Der Grund sind die Sonntagsbäcker, die es dort an jeder Ecke gibt und hier nicht. Hier marschiert man sonntags um neun eine Viertelstunde lang den Blomkamp hinunter, nur um festzustellen, dass die Trinkhalle, die dort blasse Teiglinge in einem verdächtigen Elektro-Ofen erhitzt, restlos ausverkauft ist. Vielleicht muss das so sein in einer Gegend, wo ausschlafen bedeutet, bis sieben im Bett zu liegen.