Archiv Sonntag, 25. Februar 2007

Freilaufende Bücher

Sonntag, 25. Februar 2007

Dass Hunde, Katzen oder Zwergkaninchen Rasse Rex gelegentlich die heimische Nahrungssicherheit zugunsten eines Survival-Trainings in der urbanen Weite aufgeben, ist ganz normal. Schon erstaunlicher finden wir, dass es Leute gibt, die auch Büchern diesen Freiheitsdrang zugestehen und ihn eigenhändig befeuern: Sie setzen Bücher an bestimmten, stark frequentierten Orten in der Stadt aus und machen sich einen Sport daraus, anhand eines Registrationscodes auf dem Titelblatt zu verfolgen, wer sie findet, liest und danach an einem anderen Ort wieder aussetzt. Bookcrossing heißt dieser Sport. Im Elbe-Einkaufszentrum beispielsweise laufen laut Liste derzeit fünfzig Bücher frei herum, darunter Klassiker wie Dantes Göttliche Komödie (ausgesetzt vor drei Jahren) oder Doktor Schiwago (vor drei Wochen in die Freiheit entlassen), aber auch Titel, unter denen wir uns weniger vorstellen können, wie zu Beispiel Mit dem Gongschlag ist es 6 Mark 30 oder, sehr passend, Flucht ist sinnlos. Die jüngsten Freilassungen liegen eine Woche zurück, und wenn wir morgen beim Einkaufen ein herrenloses Buch finden, werden wir es mitnehmen, melden, gewissenhaft lesen und wieder aussetzen. Übrigens besitzt das Village of Os noch einen weiteren Freilassungs-Punkt: den Baby-Markt an der Osdorfer Landstraße, gegenüber vom Elbe. Dort verstecken sich Bücher wie Ich wollte Hosen und Die Drei aus dem Hochhaus. Eigentlich haben wir im Baby-Markt nichts zu erledigen. Aber um des Jagdfiebers willen werden wir ihn demnächst einmal aufsuchen.