Intertext

“Die Post besteht heute aus einem Brief mit sehr großen Marken. Dargestellt ist darauf jeweils eine Eiche sowie ein Mensch mit einem Buch. Der Stempel hat darüber ein Jerichow ohne w gedrückt. Dort habe ich zehn Jahre gelebt. Wäre es möglich, dahin zurückzugehen?”
(Uwe Johnson, Jahrestage)

Dieser Brief, beschrieben im Tageskapitel vom 28. November 1967 in Uwe Johnsons Jahrestagen, hat zunächst einmal nichts Besonderes an sich. Er kommt aus der DDR, und wer sich noch an die DDR erinnert, weiß, dass es dort immer besonders große Briefmarken gab. Deren Motiv, eine Eiche und ein Mensch mit einem Buch, könnte man als besonders deutsche Symbolik bezeichnen und mit dieser Erkenntnis irgendetwas Interpretatorisches anstellen. Weiter kommt man jedoch, wenn man den Bezug erkennt - den literarischen Text, auf den die Eiche und der Mensch mit dem Buch anspielen. Das ist die Crux an der Intertextualität: Man erkennt nur, was man kennt. In diesem Fall ist es ein Gedicht von Christian Morgenstern. Durch den Bezugstext bekommt die zitierte Stelle eine erweiterte Bedeutung. Welche, kann sich jeder selbst überlegen.

Palmström

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen.
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

(Christian Morgenstern, 1910)

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