Ostern
Pünktlich zu den christlichen Festtagen des Jahres führt Frau Müller rituelle Verhübschungen des Hauses durch, genauer: des Treppenabsatzes, den sie ihr Eigen nennt. Weihnachten waren es vor allem Abziehbilder auf den Fensterscheiben – auf der einen ein Weihnachtsmann (lustig auf einem Bein stehend, pralle rote Bäckchen, drollig-drohend eine Rute schwenkend) und auf der anderen ein grinsender Schneemann. Der entpuppte sich schnell als Wunschdenken und wurde noch vor Ende des Winters klammheimlich wieder entfernt.
Jetzt, zu Ostern, wartet Frau Müller erneut mit bunten Abziehbildchen auf den Fenstern auf. Darauf ist aber weder ein Kreuzigungsmartyrium zu sehen noch das Erscheinen Christi vor seinen Jüngern nach erfolgter Auferstehung. Nein, auf Frau Müllers Fensterscheiben prangen Osterhasen in verschiedenenerlei Posen und bei allen möglichen Verrichtungen – natürlich keinen peinlichen wie etwa dem Zeugen von Ostereiern, sondern beim fröhlichen Hoppeln über Gras, beim Bemalen und Verstecken der Eier und beim Vorzeigen der oberen Schneidezähne. Besser noch als die Fensterbilder ist aber die Einbindung der Treppenabsatz-Bepflanzung in die feierliche Verschönerung. Ausnahmslos alle von Frau Müllers Pflanzen haben Ostereier aus Plastik umgehängt bekommen und künden nunmehr stolz vom Gestaltungswillen ihrer Besitzerin. Was uns besonders freut: Auch Frau Müllers neunundzwanzigjähriger Gummibaum, unser Favorit unter den Treppenhauspflanzen, ist Träger österlicher Kleinodien. Zwar schwebt er schon ohne Beschmückung täglich in Gefahr, vor Altersschwäche die Treppe hinunterzukippen. Aber ob der zusätzlichen demütigenden Herausforderung wird er sein Kreuz geduldig und im Wortsinn ertragen, bis er, vom Leiden befreit und erlöst von allem Übel, dem irdischen Dasein eine weitere Gnadenfrist abgetrotzt haben wird. Darauf hoffen wir und dafür wollen wir ein Ostergebet sprechen.