Hommage an die Bratscher des Berliner Ärzteorchesters (aus gegebenem Anlass)
Dienstag, 24. April 2007Dienstag, viertel nach sieben, Orchesterprobe. Schnell noch einen Blick auf den lebenswichtigen Zettel geworfen, der stets gut sichtbar im Kasten liegt: Bratsche links, Bogen rechts. So gerüstet kann einem Bratscher im Berliner Ärtzeorchester eigentlich nichts passieren. Nur der Pultnachbar muss wieder angeben: Er habe letzte Woche Sechzehntel geübt, ob er mal eins vorspielen solle. Das muss nicht sein, denn die wahren Qualitäten der Bratschengruppe zeigen sich sowieso erst im Zusammenspiel, wenn zu beweisen ist, dass der Unterschied zwischen erstem und letztem Pult nicht ein halber Takt ist.
Überhaupt: die Auffassung, die Bratscher und Bratscherinnen seien die Ostfriesen des Orchesters (wahlweise die Blondinen), können wir nicht teilen. So viele Bratscherwitze sich die anderen Orchestermitglieder auch ausdenken mögen – darüber regt sich bei uns niemand mehr auf. Wirklich veraltet und unzutreffend sind die Schneckenjagd-Witze mit den flinken Tierchen, die den Bratschern regelmäßig davonlaufen; wenn wir heutzutage Schnecken sammeln gehen, finden wir oft eine oder zwei. Und dass Bratscher Friedhöfe meiden, weil dort zu viele Kreuze stehen, ist auch eine Behauptung, der wir nicht zustimmen können. Auswendig stimmen ist mittlerweile eine unserer leichtesten Übungen, und dass BSE auch auf einer Bratsche kein C-Dur-Akkord ist, haben wir längst kapiert.
Bratscher besitzen nämlich in Wirklichkeit eine ganze Reihe bislang unbeachteter Qualitäten:
Erstens sind viele Bratscher Multiinstrumentalisten: Die meisten sind irgendwann in ihrem Musikerleben von der Geige auf die Bratsche umgestiegen, weil in vielen Orchestern Bratschenmangel herrscht. Das hat den Vorteil, dass sie bei kammermusikalischem Bedarf auch mal den Geigenpart übernehmen können. Und im Berliner Ärzteorchester gibt es sogar einen Bratscher, der zusätzlich noch ein Cello bedienen kann. Deshalb ist auch ein Witz wie der von der Anzeige, die ein Bratscher in die Zeitung setzt, in Wirklichkeit überhaupt kein Witz, sondern die reine Wahrheit. (Die Anzeige lautet: Etabliertes Streichquartett sucht einen 1. Geiger, einen 2. Geiger und einen Cellisten.)
Zweitens: Bratscher sind schwergeprüft und leidensfähig. Warum uns die Komponisten so gerne Töne zuteilen, die sonst niemand spielen will – seitenweise begleitende Achtelnoten in Haydn-Sinfonien beispielsweise oder sämtliche Nachschläge in Strauß-Walzern – das wissen wir auch nicht. Wenn wir in der Probe nicht in Takt drei anfangen können, weil in unseren Noten keine Taktzahlen stehen – was können wir dafür? Wenn jemand das Tempo verschleppt und Schuld sind immer die Bratschen – daran haben wir uns längst gewöhnt.
Drittens sind Bratscher charakterstark und von Natur aus ausgleichende Persönlichkeiten, denn sie müssen klanglich zwischen den hohen und den tiefen Streichern vermitteln. Oft entscheiden sie allein über Dur oder Moll – eine wahrhaft folgenschwere Entscheidung. Sie besitzen ein ruhiges Naturell und könnten (im Gegensatz zu Geigern) niemals mit einem Messer im Rücken spielen, weil sie sich damit nicht an ihrer Stuhllehne anlehnen könnten.
Und Bratscher haben – viertens – noch eine besondere Fähigkeit: Bratschenstimmen sind in einem Schlüssel notiert, den niemand außer ihnen lesen kann, schon gar nicht der Dirigent. Dass man unsere Instrumente ab der vierten Lage als neuwertig bezeichnen könne, weil es überhaupt nur drei Lagen gebe (erste Lage, Notlage, Niederlage), halten wir dagegen für ein Gerücht.
Lassen wir die Leute ruhig spotten, uns erschüttert nichts – und irgendwann spielen wir auch mal ein ganz großes Solo, das nichts, aber auch gar nichts mit Bettnässen gemeinsam hat: es wird keineswegs ganz leise geschehen und auch nicht ungeheuer peinlich sein. Da sind wir ganz sicher.