Archiv Mittwoch, 9. Mai 2007

Ein Wundärrrrr

Mittwoch, 9. Mai 2007

Berlin, Mitte der 30er Jahre. Da hatte der umtriebige Herr Goebbels gerade kapiert, dass sich das Medium Film ganz hervorragend dazu eignet, propagandistische Botschaften zu transportieren und wie man das am geschicktesten macht (nicht zu aufdringlich nämlich), und dann das: Marlene Dietrich wandert nach Hollywood ab, Marika Rökk und Lilian Harvey können leider nicht schauspielern, Kristina Söderbaum taugt allenfalls als Reichswasserleiche und Greta Garbo weigert sich beharrlich, in deutschen Filmen mitzumachen. Schnepfen, allesamt. Was also tun, wenn unbedingt ein neuer Star gebraucht wird? Ersatz heißt das Zauberwort, Ersatz wie Ersatzkaffee und Ersatzschokolade.
Auftritt Zarah Leander. Leider hat auch sie eine ganze Reihe von Nachteilen – für eine echte Diva ist sie viel zu groß und zu kräftig, Ausländerin (gottlob wenigstens „arisch“), ein für Naziohren doch irgendwie ziemlich jüdisch klingender Vorname und dann auch noch diese ultratiefe Stimme – aber was soll man machen.
Es genügen ein aufwändiger Reklamefeldzug, ein paar Legenden und Homestories über den neuen Star, Pressetermine in der Manier von Weltereignissen – und zack, schon wird Frau Leander vom Publikum wunschgemäß hymnisch verehrt. Dabei singt sie gern öfter mal daneben, die Ausleuchtung ihres großflächigen Gesichts vor der Kamera ist eine Geheimwissenschaft und ihre Filmpartner müssen beim Drehen auf Kisten stehen, damit die Größenverhältnisse stimmen.
„Die große Liebe“ von 1942 ist der größte deutsche Kinoerfolg der Kriegsjahre, und das Lied „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“ der größte Hit Zarah Leanders. Der Text beginnt so:

Wenn ich ohne Hoffnung leben müsste,
wenn ich glauben müsste,
dass mich niemand liebt,
dass es nie für mich ein Glück mehr gibt,
ach, das wär schwer…
Wenn ich nicht in meinem Herzen wüsste,
dass du einmal zu mir sagst: Ich liebe dich!
Wär das Leben ohne Sinn für mich,
doch ich weiß mehr…

Das Perfide und Geniale an diesem Schlager ist, dass er als Durchhaltelied für restlos alle herhalten konnte: Für die kriegsmüden und vergnügungssüchtigen Deutschen genauso wie für den schwulen Texter Bruno Balz, der das Lied im Gefängnis schrieb, und den KZ-Häftling Jorge Semprun, in dessen Buch Was für ein schöner Sonntag es heißt: „Die Lautsprecher verbreiten leise Musik. Der SS-Mann auf dem Wachturm musste eine Schwäche für die Lieder von Zarah Leander haben. Er spielte unentwegt Platten von ihr. […] Alle Lautsprecher des Lagers verbreiteten die tiefe, zuweilen metallisch vibrierende Stimme, diese Stimme, die nur von Liebe spricht.“
Der Herr am Dirigentenpult ist übrigens Paul Hörbiger, im Film natürlich unsterblich in Zarah verliebt. Und die menschliche Pyramide weiß gekleideter Elfen am Anfang setzt sich aus Mitgliedern der SS-Leibstandarte Hitlers zusammen – Männer mit Gardemaß, und alle gleich groß, wie praktisch.