Hannover, 11. Mai 1997
Freitag, 11. Mai 2007„Liebe Carola!
(…) Was mich anbelangt, so gibt es leider nicht viel Gutes zu berichten. Seit Wochen schon befinde ich mich in einer akuten Krisis. Dieser Zustand okkupiert sowohl mein geistiges Schaffen als auch mein soziales Leben. Der nahende Studienabschluß erfüllt mich mit paralysierender Furcht. Eigentlich bin ich ja von Arbeiten verschiedenster Art geradezu umstellt (also Artikel und Interviews für die Zeitung, Magistraarbeit, Erwerbsarbeit, das erwähnte Romanprojekt), aber außer der Sicherung meines Lebensunterhalts will mir nichts so recht gelingen. Über alles legt sich schwer die Frage nach dem Sinn und Wert meiner Arbeit, meiner Pläne. Wozu das Studium beenden (wohl nicht zum Zwecke akademischer Profilierung), wie sinnvoll über Bachmann schreiben, für wen oder was die Zeitung fertig stellen u.s.w., u.s.w.? Außerdem würgen mich Existenzängste. Schon studentische Hilfskraftstellen zu bekommen, erweist sich als immer schwieriger. Nach meiner Exmatrikulation werden auch diese Arbeitsstellen für mich wegfallen. Ich sehe mich in naher Zukunft einem regelrechten sozialen Elend ausgeliefert.
Natürlich stehe ich nicht alleine da, und meine FreundInnen und auch meine Eltern werden mich zu unterstützen suchen. Aber auf Dauer wäre das natürlich kein tragbarer Zustand, und außerdem haben wir ja alle nur das finanziell Notwendigste. Da ich als Nicht-EG-Ausländerin keinen Anspruch auf Sozialhilfe habe, müßte ich also über kurz oder lang wieder irgendwelche Scheißjobs machen und wäre am Ende wohl noch gezwungen, darüber froh zu sein. Ich erlange nur sehr schwer Abstand von dieser fatalistischen Perspektive, die sicher von intensiver Furchtsamkeit durchdrungen ist. Fest steht, daß mich diese Ängste nachhaltig beeinflussen und auch einer der Gründe für mein Schweigen Dir gegenüber sind. Wir befinden uns ja doch in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen. Ich bin sicher, daß Du meine Ängste verstehst, aber Du teilst sie eben nicht. Deine gutbürgerliche Herkunft ermöglicht Dir, von diesen pragmatischen Notwendigkeiten noch verschont zu bleiben. Dir steht Zeit zur Verfügung, die mir bitterlich fehlt.
Ich könnte diese Rede noch fortsetzen, aber in ihr klingt zuviel Vorwurf und Selbstveredelung der Mittellosen an. Das gefällt mir gar nicht und ist zudem moralisierend. (…)
Mein Brief gefällt mir eigentlich nicht besonders – er scheint mir nachgerade oberflächlich. Aber alles andere, was ich sagen könnte, ist in einem Brief nicht gut aufgehoben. Wenn Du noch Interesse an mir und Gesprächen miteinander hast, dann melde Dich doch bitte und wir treffen uns bald, am besten in Hannover.
Über einen Brief Deinerseits würde ich mich natürlich auch sehr freuen.
Ich grüße Dich“
Brankica Becejac, Ich bin so wenig von hier wie von dort