Keyserling
Heute legen wir mal eine Gedenkminute ein für den Meistererzähler Eduard von Keyserling, der am 15. Mai 1855 geboren wurde. Einer seiner besten Romane ist Wellen, veröffentlicht 1911. Er spielt in der Sommerfrische auf der Kurischen Nehrung, wo sich Personal mit Namen wie Doralice Gräfin Köhne-Jasky, Baronin von Buttlär oder Geheimrat Knospelius tummelt. Es muss nicht näher erläutert werden, warum jemand, der Hans Grill heißt, dort irgendwie fehlplatziert ist.
Äußerlich schildert Keyserling ein Idyll, in Wirklichkeit spielt sich eine gesellschaftliche Tragödie ab. Dass die Figuren der Frage, wie die bröckelnden Konventionen wieder zu kitten seien, eher hilflos gegenüber stehen, wird im folgenden Abschnitt ziemlich deutlich - ohne dass es dazu besonders vieler Worte bedürfte:
„‚Meine Schar’, sagte die Generalin zu Fräulein Bork, ‚geht hier heute umher wie die Eisbären im Käfig. Lassen Sie alle Lampen anstecken, nur keine Dämmerung, die ist gefährlich. Und dann viel und gutes Essen. So kommen wir am leichtesten über die Schwierigkeiten hinweg.’ Das Haus wurde sehr hell, die Generalin setzte sich mit Fräulein Bork auf das Sofa und legte Patience. Sie sprach mit ihrer lauten, beruhigenden Stimme, lachte über ihre Patience. Das Brautpaar zwang sie miteinander Pickett zu spielen. ‚Nichts Besseres für nervöse Liebe’, meinte sie, ‚als Karten.’’’
Überflüssig zu erwähnen, dass das alles nicht besonders erfolgreich ist - am Ende sind ein Toter und diverse ruinierte Biografien zu beklagen.