Bahn-Geschichte mit Kalauer
Donnerstag, 17. Mai 2007Natürlich ist es ungehörig, auf jemanden einzuschlagen, der schon am Boden liegt. Wer schwach ist, ist leichte Beute, und es macht auch gar keinen Spaß, in blutenden Wunden herumzubohren. Allein – wir müssen es tun, wir müssen es tun. Unser Opfer erinnert nämlich an den dreisten Ritter aus Monty Pythons Holy Grail, der in heroischem Zweikampf auch noch mit abgeschlagenen Armen und Beinen so kackfreche Provokationen von sich gibt, dass sein Gegner gar nicht umhin kann, immer weiter auf ihn einzuprügeln. Unser Opfer ist die Deutsche Bahn AG.
Eigentlich halten wir Bahnfahren für eine sehr angenehme Art des Reisens. Aber seit man mit der Bahn nicht mehr für dreiundzwanzig Mark von Hannover nach Berlin fahren kann (über Oebisfelde), vermeiden wir es, sie zu benutzen. Wir halten die Bahnpreise für Wucher, wir finden es ruchlos, Kunden mit Spartarifen in bestimmte Züge zwingen zu wollen, und wir haben noch nie eine Bahncard besessen, weil wir diese Art von Kundenbindung nicht leiden können. Als wir im letzten Sommer öfter zwischen Berlin und Hamburg pendelten, haben wir immer den Bus benutzt, der war preiswert und durchweg pünktlich.
Gestern hatten wir in Hildesheim zu tun. Dorthin kann man von Hamburg aus mit keinem Bus fahren, weshalb wir wohl oder übel die Bahn nehmen mussten. Schon vor Fahrtantritt missfiel uns, dass man schlagartig zum Kunden zweiter Klasse wird, wenn man eine Fahrkarte online mit EC-Karte kaufen möchte. Bis wir begriffen hatten, dass man EC-Karten-Zahlung für Online-Buchungen schriftlich per Post beantragen muss, waren wir schon zum fünften Mal an einer Stelle angekommen, von der aus die Abwicklung nur einen Mausklick entfernt schien. Nur dass sich dort immer ein Fenster mit der Aufforderung öffnete, doch jetzt endlich mal bitte die Kreditkartennummer einzutragen. Die Antwort auf den schriftlichen Antrag kam ein paar Tage später per Mail: Bei der Überprüfung der Daten seien Fehler aufgetreten, leider könne dem Antrag nicht stattgegeben werden. Nun gut, dieses Unterfangen gaben wir auf und kauften die Fahrkarte live und bar im Bahnhof.
Jetzt die Fahrt an sich. Wir ahnten schon etwas, als wir in Altona auf dem Bahnsteig standen und die erste Lautsprecherdurchsage kam: Meine Damen und Herren, der ICE nach Stuttgart kann erst fünf Minuten später bereitgestellt werden. Ladies and Gentlemen, the train to Stuttgart will be ten minutes late. Die Dame neben uns, eine offensichtlich erfahrene Bahnreisende, prophezeite mit felsenhartem Blick und tiefster Verachtung in der Stimme: Bei fünf oder zehn Minuten bleibt es nicht. Das wird noch mehr. Als er bei fünfundzwanzig angekommen war, fügte der Herr am Mikrofon lapidar hinzu: Ach, und übrigens fährt dieser Zug heute ausnahmsweise gar nicht in Altona ab, sondern am Hauptbahnhof. Bitte fahren Sie doch jetzt alle mal mit der S-Bahn dort hin. Aber beeilen Sie sich, sonst ist der Zug weg.
Wir hatten schon zu diesem Zeitpunkt keine Lust mehr, aber wir mussten nach Hildesheim, also sprinteten wir zur S-Bahn und erwischten den Zug im Hauptbahnhof so gerade eben – und wahrscheinlich als einzige, denn wir waren am schnellsten gerannt. Im Zug erklärte der Schaffner (der gar nicht mehr Schaffner heißt, sondern Zugchef oder so) die Verspätung damit, dass der Triebwagen kaputt gewesen sei und noch schnell in der Werkstatt habe repariert werden müssen. Falls er damit die Bewunderung der Fahrgäste darüber hervorkitzeln wollte, zu welchen Anstrengungen die Bahn in kniffligen Situationen doch fähig sei, hatte er sich verspekuliert – unser Sitznachbar meinte, er reise öfter mit dem „Sparpreis 50“ und er sei überzeugt, die Bahn setze für Billig-Kunden wie ihn absichtlich kaputte Züge ein.
In Hannover verpassten wir dann unseren Anschluss, weil der ICE nicht in der Lage war, die Verspätung aufzuholen. Aber weil wir großzügig geplant hatten, kamen wir trotzdem pünktlich zu unserem Termin. Auf der Rückfahrt waren wir gezwungen, anderthalb Stunden in Hannover zu warten, weil unser Super-Sonder-Sparpreis-Ticket uns verpflichtete, diesen und nur diesen einen Zug zu benutzen. Diese Wartezeit war eine Ohrenweide. Wir hätten gerne ein Aufnahmegerät dabeigehabt, um die Kakophonie der Lautsprecherdurchsagen angemessen wiedergeben zu können: Sehr geehrte Damen und Herren auf Gleis 8, Gleis 13, Ihr Zug hat 5, 15 Minuten, Gleis 15, Ladies and Gentlemen, 25 minutes, Gleis 9, wegen Störungen im Betriebsablauf, platform 11, 20 Minuten… Ausnahmslos jeder Zug hatte Verspätung, und wir können von Glück reden, dass es bei uns nur fünf Minuten waren. Allerdings wurden zwischen Hannover und Hamburg aus diesen fünf Minuten zwanzig, und nicht wenige Fahrgäste verpassten ihre Anschlüsse.
Dagegen stellen wir ein lieblos von irgendeiner DB-Seite kopiertes Statement und verweisen noch einmal auf den vorlauten und todesmutigen Monty-Python-Ritter ohne Arme und Beine: „Der Konzern Deutsche Bahn ist heute ein führender europäischer Mobilitätsanbieter. Im Bereich Logistik gehört er sogar zur Weltspitze. Diesen Weg gilt es jetzt zielstrebig weiterzugehen, um die europäische und globale Marktführerschaft in einer wichtigen Branche für den Standort Deutschland zu sichern und auszubauen.“
Ach so, fehlt noch der versprochene Kalauer: Die Deutsche Bahn AG – ein echtes Himmelfahrtskommando. Ha ha.