Kältere Schichten der Luft

„Das Problem von Form und Inhalt darf nicht mehr sichtbar sein. Die Geschichte muß sich die Form auf den Leib gezogen haben. Die Form hat lediglich die Aufgabe, die Geschichte unbeschädigt zur Welt zu bringen. Sie darf vom Inhalt nicht mehr ablösbar sein.“

Das ist ein oft zitiertes Statement aus Uwe Johnsons literaturtheoretischem Text Vorschläge zur Prüfung eines Romans. Denkt man es weiter, ergibt sich daraus ein poetologisches Programm hinsichtlich des besonderen Verhältnisses von Stoff und Form: Für einen Stoff gibt es nur genau eine Form, die Aufgabe des Autors besteht darin, sie zu finden. Konsequenterweise hat es Uwe Johnson zeitlebens abgelehnt, seine Romane etwa zu Hörspielen weiterzuverarbeiten.
Das ist freilich nur eine Auffassung unter mehreren möglichen. Es gibt durchaus Autoren, die denselben Stoff in verschiedener Form anbieten – sei es aus gattungspoetischen, produktionstechnischen oder auch finanziellen Gründen. Ein aktuelles Beispiel ist Antje Rávic Strubels Text Kältere Schichten der Luft. Geschrieben als Auftragsarbeit für das Deutschlandradio, lag der Stoff zuerst 2005 als Hörspiel vor, bevor er Anfang dieses Jahres als Roman veröffentlicht wurde. Das Hörspiel wurde als „Hörspiel des Monats“ (Dezember 2005) ausgezeichnet und ist schon mehrmals gesendet worden. Heute Abend läuft es um 20:05 Uhr im Deutschlandfunk. Für Leser bzw. Hörer ist das natürlich ein Glücksfall, weil die Vergleichbarkeit es erlaubt, sich ein paar Gedanken über die gattungsspezifischen Merkmale von Hörspiel und Prosatext zu machen.
Worum geht es? Wenn wir ein Grundthema benennen sollten, würden wir sagen: Identität, auch wenn das ein ziemlich ausgelutschter Begriff ist. Die Handlung spielt in einem Jugendcamp im ländlichen Schweden, einer Art aus der Welt gefallenem Ort, wo es Natur gibt und sonst gar nichts. Die Erzählerin ist Betreuerin in diesem Camp, Teil eines wahllos zusammengewürfelten Haufens von Wendeverlierern, Versagern und gesellschaftlichen Außenseitern. Die Dynamik innerhalb dieser Gruppe und die Selbstwahrnehmung der Erzählerin verändern sich, als sie ein Verhältnis mit einer unergründlichen Fremden beginnt, die vielleicht nur Einbildung ist. Am Ende gibt es einen Toten. Transgender-Romanze, Kriminalfall, Zeitkritik, Metafiktion, Geschichte über das Erwachsensein – das alles trifft auf den Text zu.
Das Buch hat 191 Seiten, das Hörspiel ist knapp 70 Minuten lang. Dass die Erzählerin im Hörspiel Antje heißt und im Buch Anja, die Geliebte im Buch Siri genannt wird, im Hörspiel namenlos bleibt – geschenkt. Ein größerer Unterschied ist der Hintergrund, den die Erzählerin im Buch dazuerzählt bekommt: Es ist mehr Platz, ihre Herkunft aus Halberstadt zu schildern, ihre zwei Brüder. Auch das Leben im Camp ist ausführlicher und genauer beschrieben als im Hörspiel.
Der größte Unterschied wird deutlich, wenn man sich Parallelstellen anschaut. Zum Beispiel diese hier im Buch:

„Sie strich mir mit der Hand über den Hals. ‚Ihr Hemd’, sagte sie leise, ‚mir gefällt Ihr Hemd.’ Sie legte mir die Hand flach an die Brust.
‚Es ist sein Hemd, wussten Sie das? Es gehört zu ihm. Darf sie auch das, was darunter ist, sehen? Und anfassen. Darf sie es anfassen? Aber nicht bewegen. Sie braucht ein bißchen, um sich an ihn zu gewöhnen’
Sie knöpfte mir das Hemd auf.
‚Sie sind schön. Sie haben den Körper einer Frau’, sagte sie. ‚Aber Sie sind ein Junge.’ Sie lachte. ‚Ich kann ihn deutlich sehen. Hier’, sagte sie und tippte auf meine Schulter. ‚Und hier.’ Sie nah eine Hand sie fuhr mit der Zunge über mein Handgelenk. ‚Und hier erst, das ist ja erstaunlich! Gucken Sie sich diese Arme an. Und die Augen! In Ihren Augen nehme ich ihn ganz deutlich wahr.’ […]
Ich zog das Hemd zu, um meine Brüste zu verbergen.
‚Nein’, sagte sie. ‚Lassen Sie das auf. Bitte.’
‚Stören sie nicht?’
‚Was Sie sich immer so denken! Als würde das eine Rolle spielen.’“

Die entsprechende Passage im Hörspiel sieht so aus:

„– Aber Schmoll! Ihr Hemd, mir gefällt Ihr Hemd. Es ist sein Hemd, wussten Sie das? Darf sie auch das, was darunter ist, sehen? Und anfassen? Darf sie es anfassen? Aber nicht bewegen. Sie braucht ein bisschen, um sich an ihn zu gewöhnen. Ich möchte es aufknöpfen. Ja? Sie haben den Körper einer Frau. Aber Sie sind ein Junge. Hier, an der Schulter. Am Handgelenk. Und hier erst. Ich spüre ihn unter der Zunge. Das ist ja erstaunlich. Ich hab ihn gefunden. Nein, nein. Lassen Sie es auf, bitte. Sie müssen sie nicht verbergen.
– Aber sie stören.
– Was Sie sich immer so denken. Als ob das eine Rolle spielt.“

Der geschriebene Text braucht die so genannten Inquitformeln sagte sie, sagte ich, und er braucht Beschreibungen dessen, was gerade passiert: Ich zog das Hemd zu. Im gesprochenen Text fehlt das, die Handlung spielt sich im Kopf der Hörer ab. Lassen Sie es auf, bitte impliziert, dass die Erzählerin das Hemd zuziehen will. Das Hörspiel ist weniger beschreibend, es erzählt im Dialog. Dazu kommen die Stimmen der Schauspielerinnen und die (sehr sparsam eingesetzte) Musik, die Dinge deutlich machen, die im Buch wortreich erklärt werden müssen – sagte sie leise wird im Buch beschrieben, im Hörspiel einfach gezeigt.
Das macht den schriftlichen Text umständlicher, länger und manchmal redundant, andererseits aber auch detaillierter und nuancenreicher – anders eben.
Ich glaube, Uwe Johnson hatte Unrecht – derselbe Stoff kann sich durchaus unterschiedliche Formen anziehen. Nur dass eben etwas ganz anderes dabei herauskommt. Im Fall Kältere Schichten der Luft ziehe ich das Hörpsiel vor. Heute Abend, 20:05 Uhr, Deutschlandfunk.

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