Archiv Sonntag, 20. Mai 2007

Fado

Sonntag, 20. Mai 2007

In fast jedem Land gibt es einen Musikstil der Armen, Unterdrückten, Immigranten: den Blues in Nordamerika, Samba in Brasilien, Flamenco in Spanien, Rembetiko in Griechenland, Fado in Portugal. (Nur für Deutschland will uns beim besten Willen keiner einfallen.) Allen diesen Stilen gemeinsam ist – nicht weiter verwunderlich – ein schwermütiges, sehnsuchtsvolles Moment. Besonders ausgeprägt ist das im portugiesischen Fado, der meist von unglücklicher Liebe, der Sehnsucht nach besseren Zeiten oder von sozialen Missständen handelt. Die Texte sind oft anspruchsvolle Lyrik, sie unterlagen während der Salazar-Diktatur nicht selten der Zensur.
Was uns am Fado gefällt: Dass er eine weibliche Angelegenheit ist (die berühmtesten Fadistas sind Frauen, Männer dürfen begleiten), dass er die Schönheit der portugiesischen Sprache illustriert und hervorhebt, und dass es eine Konzertform ist - selbst in den überfülltesten Lissaboner Altstadtkneipen erweist man den Musikern Respekt, indem man nicht redet, während Musik gemacht wird, sondern eben zuhört.
Als die Fado-Sängerin schlechthin gilt immer noch Amália Rodrigues (1920 - 1999), und die jüngeren Sängerinnen, obwohl sie als Hommage an Amália stets mit schwarzem Tuch auftreten, verfluchen die unseligen Vergleiche. Mittlerweile gibt es aber eine Reihe von Fadistas, die sich mit einer eigenen, modernen Form des Fado einen Namen gemacht haben. Eine von ihnen ist Mariza. Sie wagt es, den traditionellen Fado abzuwandeln, indem sie zusätzlich zur üblichen Dreier-Begleitung (portugiesische Gitarre, normale Gitarre, Bassgitarre) auch mal ein Schlagzeug benutzt oder, wie in diesem Video von einem Konzert in Belém, ein Streichorchester.
In diesem Video passiert etwas, von dem wir nicht genau wissen, wie wir es beurteilen sollen. Natürlich machen auch Profis mit Verstand und Gefühl Musik, aber dass die Emotion die Musik für einen Moment stoppt, ist zumindest ungewöhnlich. Stellt sich also die Frage: echt oder fake? Wir wissen es nicht.

Das Stück ist ein bekanner Fado von Amália Rodrigues und Tiago Machado mit dem Titel Ó gente da minha terra. Der Refrain geht so:

Ó gente da minha terra (Oh people of my land)
Agora é que eu percebi (it’s only now that I understand)
Esta tristeza que trago (this sadness that I carry)
Foi de vós que a recebi (I received from you).

Eine solche Heimatverbundenheit ist Deutschen natürlich meist fremd. Abgesehen davon ist Mariza nur zur Hälfte Portugiesin, die Familie ihrer Mutter stammt aus Mosambik. Ihre Stimme ist bewundernswert schön, finden wir.
Nebenbei kann man im Video auch die drei verschiedenen R-Varianten des Portugiesischen hören: zwei Zungen-Rs (wie im Spanischen pero und perro) und ein uvularer Frikativ wie im Deutschen. Seltsam, nicht?