Frau Müller beschwert sich (4)
Klingelstreich. Wir kennen das: klingeln, wegrennen, sich den Ärger der Leute vorstellen, totlachen und hinterher merken, dass es so lustig gar nicht ist, weil die meisten Leute überhaupt gar keine Reaktion zeigen.
Frau Müller allerdings ärgert sich wirklich. Sie stellt sich auf den Balkon, wartet, bis die Klingelstreich-Kinder die Lust verlieren und wieder ihren Spielplatz aufsuchen, und hebt zu einer Tirade an. Die Kinder sind feige, das kann man nicht anders sagen. Sie rennen alle weg, auch Sascha, der Anstifter. Allein ein tapferer Fünfjähriger traut sich, es mit Frau Müller aufzunehmen. Er stellt sich auf die frisch gemähte Wiese („Hier bitte nicht spielen“) und schickt sich an, den Fall mit Frau Müller zu erörtern. Was wir jetzt hören, weil wir zufällig das Fenster offen haben, ist ein erbarmungsloser Schlagabtausch, ein Meisterkurs in bestechender Argumentation.
„Das tut man nicht. Das stört die Leute, die fernsehen wollen“, begründet Frau Müller ihren Ärger. „Ist doch viel zu schön draußen zum Fernsehen“, entgegnet der unerschrockene Knirps. Das ficht Frau Müller gar nicht an, sie greift zur Drohung: „Ich weiß, wo eure Eltern wohnen“, ruft sie, „wenn ihr das nochmal macht, gehe ich hin und beschwere mich.“ Jetzt kommt es, das tödliche Argument, das Frau Müller den vernichtenden Schlag versetzt: „Aber der Sascha hat gesagt, er weiß, wo die allergemeinsten Leute wohnen, und wir haben nur bei denen geklingelt. Nur bei den Allergemeinsten.“
Da ist Frau Müller baff. Urplötzlich erfahren zu müssen, dass man zu den Allergemeinsten gehört, das ist nicht irgendwas. Das ist was Ernstes. Sprachlos tritt sie den Rückzug an und begibt sich wieder in ihre Stube, zum Fernsehen. Wir treten ans Fenster, um den aufgeweckten Knaben zu begutachten, und denken, dass die Welt vielleicht doch noch nicht verloren wäre, wenn es nur mehr von solchen Kindern gäbe – klar im Denken, energisch in der Diskussion, unbestechlich im Urteil.