Ach, Glasgow

Als ich mal ein Jahr in Glasgow studierte, wohnte ich im Murano Street Student Village, einer Art Gefängnis für Studenten, eingezäunt, vergittert und überwacht von allerhand Kameras. Immerhin hatte jedes Haus mehrere Waschmaschinen im Keller, die auch von Nicht-Insassen gern genutzt wurden. Was streng verboten war. Ich hatte da aber einen lohnenden Deal mit J., die mehrgängige Menüs für mich kochte, während unten ihre Wäsche sauber wurde.
Dort in der Nähe ist das Stadion des schottischen First-Division-Fußball-Clubs Partick Thistle. Der Schriftsteller Alasdair Gray, der auch in Glasgow lebt (aber sicher nicht im Murano Street Student Village), hat sich in einer Erzählung mit diesem Club beschäftigt, genauer: mit seiner Hymne.

„Do you know about Partick Thistle? It is a non-sectarian Glasgow football club. Rangers FC is overwhelmingly managed and supported by Protestant zealots, Celtic FC by Catholics, but the Partick Thistle supporters anthem goes like this:
We hate Roman Catholics,
We hate Protestants too,
We hate Jews and Muslims,
Partick Thistle we love you…

My friend Miss Mackenzie is looking distinctly disapproving. I suspect that Miss Mackenzie dislikes my singing voice. Or maybe she’s religious. Are you religious Miss Mackenzie? No answer. She’s religious.“

Diese Passage ist große Kunst. Erstens gehört sie in die Kategorie ahnungsloser Erzähler: Natürlich guckt Miss Mackenzie nicht deshalb missbilligend, weil sie den Gesang nicht mag oder religiös ist, sondern weil die Hymne eine intolerante, ja hasserfüllte rassistische Botschaft enthält. Der Leser blickt das sofort, der Erzähler leider nicht.
Zweitens ist hier ein abstraktes Thema ziemlich genial in Handlung übersetzt: Alasdair Gray hätte ja auch zwei Figuren über die Hymne streiten lassen können oder einen allwissenden Erzähler verwenden können, der kommentiert hätte: Obacht, Leser! Die Hymne ist keineswegs so harmlos wie dir dieser Typ weismachen will! Statt dessen begnügt sich der Autor mit dem Monolog eines Erzählers, der berichtet und bewertet, was passiert. Aus der Diskrepanz zwischen der Bewertung des Erzählers und der des Lesers ergibt sich der Gehalt der Geschichte.
Das ist natürlich auch komisch. Vor allem, wenn man dazu noch weiß, dass die Erzählung The Trendelenburg Position heißt – das ist jene Position, in der man sich befindet, wenn man in einem Zahnarztstuhl liegt – und dass der Erzähler der Zahnarzt ist, der während der Behandlung ununterbrochen redet, während die Patientin mit geöffnetem Mund daliegt und kein Wort sagen kann. Das ist ein schönes Bild für das Lesen selbst: Man kann sich über ein Buch ärgern, man kann es kritisieren, aber man kann nicht in einen Text eintreten und ihn kommentieren oder gar ändern. Buch 2.0 quasi, aber Buch ist immer 1.0.
Alasdair Gray ist auch sonst immer eine Empfehlung wert. The Trendelenburg Position entstammt einem Erzählungsband mit dem Titel Ten Tales Tall & True, der die Leser mit der Mitteilung begrüßt: „This book contains more tales than ten so the title is a tall tale too.“ Wie in allen seinen Büchern finden sich neben Texten auch Zeichnungen des Autors, der an der Glasgow School of Art Malerei studierte, bevor er Schriftsteller wurde. Nach einer Katze, einem Fisch, einem Biber und einer Eule verabschiedet sich auf der letzten Seite Alasdair Gray himself von seinen Lesern.
In Glasgow war ich seitdem nur noch ein einziges Mal. Da fand ich im Cul de Sac, einem Pub im West End off Byres Road, eine Fünf-Pfund-Note auf dem Fußboden. Das werte ich als Zeichen: This city pays off.

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  1. Ich war nur einmal in Glasgow, und am stärksten sind mir die verendeten Krähen in Erinnerung geblieben, die in den Netzen hingen, die man an den klassizistischen Gebäuden zum Schutz vor… Krähen angebracht hatte. Eine schöne Stadt, in ihrem Mix aus Klassik und Moderne. Als Tourist sieht man eh nur die spannenden & interessanten Seiten. Danke für die “Trelenburg-Position”. Das muß ich natürlich sofort aufgreifen.

    Donnerstag, 31. Mai 2007, 20:48 Uhr von kid37

  2. Komisch, an die Krähen kann ich mich wiederum überhaupt nicht erinnern. Ich muss nochmal die alten Fotos angucken, vielleicht sind sie da drauf…

    Freitag, 1. Juni 2007, 7:18 Uhr von Nicola

  3. hello Nicola! Thanks for signing my guestbook the other day. I think I can actually read more German than you can read Icelandic, at least I see that your entry on Alasdair Gray discusses how the reader perceives a certain message that the speaker doesn’t realise he/she is giving out. I also looked at your photos, I really like them.

    Visit my blog again, who knows, I might be blogging in English again soon (I did that for a while, if you go back some months you’ll find English entries).

    Love, Inga

    Samstag, 2. Juni 2007, 1:05 Uhr von Inga

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