Archiv Mai 2007

Frau Müller beschwert sich (4)

Mittwoch, 23. Mai 2007

Klingelstreich. Wir kennen das: klingeln, wegrennen, sich den Ärger der Leute vorstellen, totlachen und hinterher merken, dass es so lustig gar nicht ist, weil die meisten Leute überhaupt gar keine Reaktion zeigen.
Frau Müller allerdings ärgert sich wirklich. Sie stellt sich auf den Balkon, wartet, bis die Klingelstreich-Kinder die Lust verlieren und wieder ihren Spielplatz aufsuchen, und hebt zu einer Tirade an. Die Kinder sind feige, das kann man nicht anders sagen. Sie rennen alle weg, auch Sascha, der Anstifter. Allein ein tapferer Fünfjähriger traut sich, es mit Frau Müller aufzunehmen. Er stellt sich auf die frisch gemähte Wiese („Hier bitte nicht spielen“) und schickt sich an, den Fall mit Frau Müller zu erörtern. Was wir jetzt hören, weil wir zufällig das Fenster offen haben, ist ein erbarmungsloser Schlagabtausch, ein Meisterkurs in bestechender Argumentation.
„Das tut man nicht. Das stört die Leute, die fernsehen wollen“, begründet Frau Müller ihren Ärger. „Ist doch viel zu schön draußen zum Fernsehen“, entgegnet der unerschrockene Knirps. Das ficht Frau Müller gar nicht an, sie greift zur Drohung: „Ich weiß, wo eure Eltern wohnen“, ruft sie, „wenn ihr das nochmal macht, gehe ich hin und beschwere mich.“ Jetzt kommt es, das tödliche Argument, das Frau Müller den vernichtenden Schlag versetzt: „Aber der Sascha hat gesagt, er weiß, wo die allergemeinsten Leute wohnen, und wir haben nur bei denen geklingelt. Nur bei den Allergemeinsten.“
Da ist Frau Müller baff. Urplötzlich erfahren zu müssen, dass man zu den Allergemeinsten gehört, das ist nicht irgendwas. Das ist was Ernstes. Sprachlos tritt sie den Rückzug an und begibt sich wieder in ihre Stube, zum Fernsehen. Wir treten ans Fenster, um den aufgeweckten Knaben zu begutachten, und denken, dass die Welt vielleicht doch noch nicht verloren wäre, wenn es nur mehr von solchen Kindern gäbe – klar im Denken, energisch in der Diskussion, unbestechlich im Urteil.

Frau Müller hat sich schon öfter beschwert: (1), (2), (3)

Limerick (16)

Dienstag, 22. Mai 2007

There was a young lady of Datchet
who chopped off her nose with a hatchet.
When her friends asked her why,
she made this reply:
“I’m no longer tempted to scratch it.”

Nachbemerkung

Montag, 21. Mai 2007

„An die Übersetzung und ihre Durchsicht sind rund fünf Jahre gewendet worden – der Sache gemäß mehr als an alle anderen Bände der Frankfurter Joyce-Ausgabe. Dem hohen Schwierigkeitsgrad des Buches glauben es allerdings Übersetzer und Herausgeber schuldig zu sein, weiter an der Übersetzung arbeiten zu sollen. Es ist denkbar, daß sie in einer späteren Auflage an einzelnen Stellen zu anderen Lösungsvorschlägen als den hier gemachten gekommen sein werden.“

Eine erstaunliche Nachbemerkung der Herausgeber (Klaus Reichert, Fritz Senn) und des Übersetzers (Hans Wollschläger) – das Eingeständnis, den übersetzten Text womöglich weiter bearbeiten zu wollen, weil er noch lange nicht den eigenen Ansprüchen genügt. Allerdings handelt es sich um einen Roman, der lange Zeit schlicht als unübersetzbar galt: James Joyces Ulysses. Hans Wollschläger, der später mit dem Kapitel „Anna Livia Plurabelle“ aus Finnegans Wake unerschrocken einen womöglich noch schwierigeren Joyce-Roman in Angriff nahm, ist vorgestern gestorben, und wir legen heute eine Gedenkminute für ihn ein. Er war ja außerdem ein Freund Arno Schmidts, und zwar nicht über das Bindeglied Joyce, sondern durch das gemeinsame Interesse an Karl May. Mit Arno Schmidt zusammen übersetzte er in den sechziger Jahren die gesammelten Werke von Edgar Allan Poe, allein auch Hammett und Chandler. Vielleicht haben also auch diejenigen, die den Namen Wollschläger nicht kennen, schon einmal eine seiner Übersetzungen gelesen.

Fado

Sonntag, 20. Mai 2007

In fast jedem Land gibt es einen Musikstil der Armen, Unterdrückten, Immigranten: den Blues in Nordamerika, Samba in Brasilien, Flamenco in Spanien, Rembetiko in Griechenland, Fado in Portugal. (Nur für Deutschland will uns beim besten Willen keiner einfallen.) Allen diesen Stilen gemeinsam ist – nicht weiter verwunderlich – ein schwermütiges, sehnsuchtsvolles Moment. Besonders ausgeprägt ist das im portugiesischen Fado, der meist von unglücklicher Liebe, der Sehnsucht nach besseren Zeiten oder von sozialen Missständen handelt. Die Texte sind oft anspruchsvolle Lyrik, sie unterlagen während der Salazar-Diktatur nicht selten der Zensur.
Was uns am Fado gefällt: Dass er eine weibliche Angelegenheit ist (die berühmtesten Fadistas sind Frauen, Männer dürfen begleiten), dass er die Schönheit der portugiesischen Sprache illustriert und hervorhebt, und dass es eine Konzertform ist - selbst in den überfülltesten Lissaboner Altstadtkneipen erweist man den Musikern Respekt, indem man nicht redet, während Musik gemacht wird, sondern eben zuhört.
Als die Fado-Sängerin schlechthin gilt immer noch Amália Rodrigues (1920 - 1999), und die jüngeren Sängerinnen, obwohl sie als Hommage an Amália stets mit schwarzem Tuch auftreten, verfluchen die unseligen Vergleiche. Mittlerweile gibt es aber eine Reihe von Fadistas, die sich mit einer eigenen, modernen Form des Fado einen Namen gemacht haben. Eine von ihnen ist Mariza. Sie wagt es, den traditionellen Fado abzuwandeln, indem sie zusätzlich zur üblichen Dreier-Begleitung (portugiesische Gitarre, normale Gitarre, Bassgitarre) auch mal ein Schlagzeug benutzt oder, wie in diesem Video von einem Konzert in Belém, ein Streichorchester.
In diesem Video passiert etwas, von dem wir nicht genau wissen, wie wir es beurteilen sollen. Natürlich machen auch Profis mit Verstand und Gefühl Musik, aber dass die Emotion die Musik für einen Moment stoppt, ist zumindest ungewöhnlich. Stellt sich also die Frage: echt oder fake? Wir wissen es nicht.

Das Stück ist ein bekanner Fado von Amália Rodrigues und Tiago Machado mit dem Titel Ó gente da minha terra. Der Refrain geht so:

Ó gente da minha terra (Oh people of my land)
Agora é que eu percebi (it’s only now that I understand)
Esta tristeza que trago (this sadness that I carry)
Foi de vós que a recebi (I received from you).

Eine solche Heimatverbundenheit ist Deutschen natürlich meist fremd. Abgesehen davon ist Mariza nur zur Hälfte Portugiesin, die Familie ihrer Mutter stammt aus Mosambik. Ihre Stimme ist bewundernswert schön, finden wir.
Nebenbei kann man im Video auch die drei verschiedenen R-Varianten des Portugiesischen hören: zwei Zungen-Rs (wie im Spanischen pero und perro) und ein uvularer Frikativ wie im Deutschen. Seltsam, nicht?

Kältere Schichten der Luft

Samstag, 19. Mai 2007

„Das Problem von Form und Inhalt darf nicht mehr sichtbar sein. Die Geschichte muß sich die Form auf den Leib gezogen haben. Die Form hat lediglich die Aufgabe, die Geschichte unbeschädigt zur Welt zu bringen. Sie darf vom Inhalt nicht mehr ablösbar sein.“

Das ist ein oft zitiertes Statement aus Uwe Johnsons literaturtheoretischem Text Vorschläge zur Prüfung eines Romans. Denkt man es weiter, ergibt sich daraus ein poetologisches Programm hinsichtlich des besonderen Verhältnisses von Stoff und Form: Für einen Stoff gibt es nur genau eine Form, die Aufgabe des Autors besteht darin, sie zu finden. Konsequenterweise hat es Uwe Johnson zeitlebens abgelehnt, seine Romane etwa zu Hörspielen weiterzuverarbeiten.
Das ist freilich nur eine Auffassung unter mehreren möglichen. Es gibt durchaus Autoren, die denselben Stoff in verschiedener Form anbieten – sei es aus gattungspoetischen, produktionstechnischen oder auch finanziellen Gründen. Ein aktuelles Beispiel ist Antje Rávic Strubels Text Kältere Schichten der Luft. Geschrieben als Auftragsarbeit für das Deutschlandradio, lag der Stoff zuerst 2005 als Hörspiel vor, bevor er Anfang dieses Jahres als Roman veröffentlicht wurde. Das Hörspiel wurde als „Hörspiel des Monats“ (Dezember 2005) ausgezeichnet und ist schon mehrmals gesendet worden. Heute Abend läuft es um 20:05 Uhr im Deutschlandfunk. Für Leser bzw. Hörer ist das natürlich ein Glücksfall, weil die Vergleichbarkeit es erlaubt, sich ein paar Gedanken über die gattungsspezifischen Merkmale von Hörspiel und Prosatext zu machen.
Worum geht es? Wenn wir ein Grundthema benennen sollten, würden wir sagen: Identität, auch wenn das ein ziemlich ausgelutschter Begriff ist. Die Handlung spielt in einem Jugendcamp im ländlichen Schweden, einer Art aus der Welt gefallenem Ort, wo es Natur gibt und sonst gar nichts. Die Erzählerin ist Betreuerin in diesem Camp, Teil eines wahllos zusammengewürfelten Haufens von Wendeverlierern, Versagern und gesellschaftlichen Außenseitern. Die Dynamik innerhalb dieser Gruppe und die Selbstwahrnehmung der Erzählerin verändern sich, als sie ein Verhältnis mit einer unergründlichen Fremden beginnt, die vielleicht nur Einbildung ist. Am Ende gibt es einen Toten. Transgender-Romanze, Kriminalfall, Zeitkritik, Metafiktion, Geschichte über das Erwachsensein – das alles trifft auf den Text zu.
Das Buch hat 191 Seiten, das Hörspiel ist knapp 70 Minuten lang. Dass die Erzählerin im Hörspiel Antje heißt und im Buch Anja, die Geliebte im Buch Siri genannt wird, im Hörspiel namenlos bleibt – geschenkt. Ein größerer Unterschied ist der Hintergrund, den die Erzählerin im Buch dazuerzählt bekommt: Es ist mehr Platz, ihre Herkunft aus Halberstadt zu schildern, ihre zwei Brüder. Auch das Leben im Camp ist ausführlicher und genauer beschrieben als im Hörspiel.
Der größte Unterschied wird deutlich, wenn man sich Parallelstellen anschaut. Zum Beispiel diese hier im Buch:

„Sie strich mir mit der Hand über den Hals. ‚Ihr Hemd’, sagte sie leise, ‚mir gefällt Ihr Hemd.’ Sie legte mir die Hand flach an die Brust.
‚Es ist sein Hemd, wussten Sie das? Es gehört zu ihm. Darf sie auch das, was darunter ist, sehen? Und anfassen. Darf sie es anfassen? Aber nicht bewegen. Sie braucht ein bißchen, um sich an ihn zu gewöhnen’
Sie knöpfte mir das Hemd auf.
‚Sie sind schön. Sie haben den Körper einer Frau’, sagte sie. ‚Aber Sie sind ein Junge.’ Sie lachte. ‚Ich kann ihn deutlich sehen. Hier’, sagte sie und tippte auf meine Schulter. ‚Und hier.’ Sie nah eine Hand sie fuhr mit der Zunge über mein Handgelenk. ‚Und hier erst, das ist ja erstaunlich! Gucken Sie sich diese Arme an. Und die Augen! In Ihren Augen nehme ich ihn ganz deutlich wahr.’ […]
Ich zog das Hemd zu, um meine Brüste zu verbergen.
‚Nein’, sagte sie. ‚Lassen Sie das auf. Bitte.’
‚Stören sie nicht?’
‚Was Sie sich immer so denken! Als würde das eine Rolle spielen.’“

Die entsprechende Passage im Hörspiel sieht so aus:

„– Aber Schmoll! Ihr Hemd, mir gefällt Ihr Hemd. Es ist sein Hemd, wussten Sie das? Darf sie auch das, was darunter ist, sehen? Und anfassen? Darf sie es anfassen? Aber nicht bewegen. Sie braucht ein bisschen, um sich an ihn zu gewöhnen. Ich möchte es aufknöpfen. Ja? Sie haben den Körper einer Frau. Aber Sie sind ein Junge. Hier, an der Schulter. Am Handgelenk. Und hier erst. Ich spüre ihn unter der Zunge. Das ist ja erstaunlich. Ich hab ihn gefunden. Nein, nein. Lassen Sie es auf, bitte. Sie müssen sie nicht verbergen.
– Aber sie stören.
– Was Sie sich immer so denken. Als ob das eine Rolle spielt.“

Der geschriebene Text braucht die so genannten Inquitformeln sagte sie, sagte ich, und er braucht Beschreibungen dessen, was gerade passiert: Ich zog das Hemd zu. Im gesprochenen Text fehlt das, die Handlung spielt sich im Kopf der Hörer ab. Lassen Sie es auf, bitte impliziert, dass die Erzählerin das Hemd zuziehen will. Das Hörspiel ist weniger beschreibend, es erzählt im Dialog. Dazu kommen die Stimmen der Schauspielerinnen und die (sehr sparsam eingesetzte) Musik, die Dinge deutlich machen, die im Buch wortreich erklärt werden müssen – sagte sie leise wird im Buch beschrieben, im Hörspiel einfach gezeigt.
Das macht den schriftlichen Text umständlicher, länger und manchmal redundant, andererseits aber auch detaillierter und nuancenreicher – anders eben.
Ich glaube, Uwe Johnson hatte Unrecht – derselbe Stoff kann sich durchaus unterschiedliche Formen anziehen. Nur dass eben etwas ganz anderes dabei herauskommt. Im Fall Kältere Schichten der Luft ziehe ich das Hörpsiel vor. Heute Abend, 20:05 Uhr, Deutschlandfunk.

Bahn-Geschichte mit Kalauer

Donnerstag, 17. Mai 2007

Natürlich ist es ungehörig, auf jemanden einzuschlagen, der schon am Boden liegt. Wer schwach ist, ist leichte Beute, und es macht auch gar keinen Spaß, in blutenden Wunden herumzubohren. Allein – wir müssen es tun, wir müssen es tun. Unser Opfer erinnert nämlich an den dreisten Ritter aus Monty Pythons Holy Grail, der in heroischem Zweikampf auch noch mit abgeschlagenen Armen und Beinen so kackfreche Provokationen von sich gibt, dass sein Gegner gar nicht umhin kann, immer weiter auf ihn einzuprügeln. Unser Opfer ist die Deutsche Bahn AG.

Eigentlich halten wir Bahnfahren für eine sehr angenehme Art des Reisens. Aber seit man mit der Bahn nicht mehr für dreiundzwanzig Mark von Hannover nach Berlin fahren kann (über Oebisfelde), vermeiden wir es, sie zu benutzen. Wir halten die Bahnpreise für Wucher, wir finden es ruchlos, Kunden mit Spartarifen in bestimmte Züge zwingen zu wollen, und wir haben noch nie eine Bahncard besessen, weil wir diese Art von Kundenbindung nicht leiden können. Als wir im letzten Sommer öfter zwischen Berlin und Hamburg pendelten, haben wir immer den Bus benutzt, der war preiswert und durchweg pünktlich.

Gestern hatten wir in Hildesheim zu tun. Dorthin kann man von Hamburg aus mit keinem Bus fahren, weshalb wir wohl oder übel die Bahn nehmen mussten. Schon vor Fahrtantritt missfiel uns, dass man schlagartig zum Kunden zweiter Klasse wird, wenn man eine Fahrkarte online mit EC-Karte kaufen möchte. Bis wir begriffen hatten, dass man EC-Karten-Zahlung für Online-Buchungen schriftlich per Post beantragen muss, waren wir schon zum fünften Mal an einer Stelle angekommen, von der aus die Abwicklung nur einen Mausklick entfernt schien. Nur dass sich dort immer ein Fenster mit der Aufforderung öffnete, doch jetzt endlich mal bitte die Kreditkartennummer einzutragen. Die Antwort auf den schriftlichen Antrag kam ein paar Tage später per Mail: Bei der Überprüfung der Daten seien Fehler aufgetreten, leider könne dem Antrag nicht stattgegeben werden. Nun gut, dieses Unterfangen gaben wir auf und kauften die Fahrkarte live und bar im Bahnhof.

Jetzt die Fahrt an sich. Wir ahnten schon etwas, als wir in Altona auf dem Bahnsteig standen und die erste Lautsprecherdurchsage kam: Meine Damen und Herren, der ICE nach Stuttgart kann erst fünf Minuten später bereitgestellt werden. Ladies and Gentlemen, the train to Stuttgart will be ten minutes late. Die Dame neben uns, eine offensichtlich erfahrene Bahnreisende, prophezeite mit felsenhartem Blick und tiefster Verachtung in der Stimme: Bei fünf oder zehn Minuten bleibt es nicht. Das wird noch mehr. Als er bei fünfundzwanzig angekommen war, fügte der Herr am Mikrofon lapidar hinzu: Ach, und übrigens fährt dieser Zug heute ausnahmsweise gar nicht in Altona ab, sondern am Hauptbahnhof. Bitte fahren Sie doch jetzt alle mal mit der S-Bahn dort hin. Aber beeilen Sie sich, sonst ist der Zug weg.

Wir hatten schon zu diesem Zeitpunkt keine Lust mehr, aber wir mussten nach Hildesheim, also sprinteten wir zur S-Bahn und erwischten den Zug im Hauptbahnhof so gerade eben – und wahrscheinlich als einzige, denn wir waren am schnellsten gerannt. Im Zug erklärte der Schaffner (der gar nicht mehr Schaffner heißt, sondern Zugchef oder so) die Verspätung damit, dass der Triebwagen kaputt gewesen sei und noch schnell in der Werkstatt habe repariert werden müssen. Falls er damit die Bewunderung der Fahrgäste darüber hervorkitzeln wollte, zu welchen Anstrengungen die Bahn in kniffligen Situationen doch fähig sei, hatte er sich verspekuliert – unser Sitznachbar meinte, er reise öfter mit dem „Sparpreis 50“ und er sei überzeugt, die Bahn setze für Billig-Kunden wie ihn absichtlich kaputte Züge ein.

In Hannover verpassten wir dann unseren Anschluss, weil der ICE nicht in der Lage war, die Verspätung aufzuholen. Aber weil wir großzügig geplant hatten, kamen wir trotzdem pünktlich zu unserem Termin. Auf der Rückfahrt waren wir gezwungen, anderthalb Stunden in Hannover zu warten, weil unser Super-Sonder-Sparpreis-Ticket uns verpflichtete, diesen und nur diesen einen Zug zu benutzen. Diese Wartezeit war eine Ohrenweide. Wir hätten gerne ein Aufnahmegerät dabeigehabt, um die Kakophonie der Lautsprecherdurchsagen angemessen wiedergeben zu können: Sehr geehrte Damen und Herren auf Gleis 8, Gleis 13, Ihr Zug hat 5, 15 Minuten, Gleis 15, Ladies and Gentlemen, 25 minutes, Gleis 9, wegen Störungen im Betriebsablauf, platform 11, 20 Minuten… Ausnahmslos jeder Zug hatte Verspätung, und wir können von Glück reden, dass es bei uns nur fünf Minuten waren. Allerdings wurden zwischen Hannover und Hamburg aus diesen fünf Minuten zwanzig, und nicht wenige Fahrgäste verpassten ihre Anschlüsse.

Dagegen stellen wir ein lieblos von irgendeiner DB-Seite kopiertes Statement und verweisen noch einmal auf den vorlauten und todesmutigen Monty-Python-Ritter ohne Arme und Beine: „Der Konzern Deutsche Bahn ist heute ein führender europäischer Mobilitätsanbieter. Im Bereich Logistik gehört er sogar zur Weltspitze. Diesen Weg gilt es jetzt zielstrebig weiterzugehen, um die europäische und globale Marktführerschaft in einer wichtigen Branche für den Standort Deutschland zu sichern und auszubauen.“

Ach so, fehlt noch der versprochene Kalauer: Die Deutsche Bahn AG – ein echtes Himmelfahrtskommando. Ha ha.

Keyserling

Dienstag, 15. Mai 2007

Heute legen wir mal eine Gedenkminute ein für den Meistererzähler Eduard von Keyserling, der am 15. Mai 1855 geboren wurde. Einer seiner besten Romane ist Wellen, veröffentlicht 1911. Er spielt in der Sommerfrische auf der Kurischen Nehrung, wo sich Personal mit Namen wie Doralice Gräfin Köhne-Jasky, Baronin von Buttlär oder Geheimrat Knospelius tummelt. Es muss nicht näher erläutert werden, warum jemand, der Hans Grill heißt, dort irgendwie fehlplatziert ist.
Äußerlich schildert Keyserling ein Idyll, in Wirklichkeit spielt sich eine gesellschaftliche Tragödie ab. Dass die Figuren der Frage, wie die bröckelnden Konventionen wieder zu kitten seien, eher hilflos gegenüber stehen, wird im folgenden Abschnitt ziemlich deutlich - ohne dass es dazu besonders vieler Worte bedürfte:

„‚Meine Schar’, sagte die Generalin zu Fräulein Bork, ‚geht hier heute umher wie die Eisbären im Käfig. Lassen Sie alle Lampen anstecken, nur keine Dämmerung, die ist gefährlich. Und dann viel und gutes Essen. So kommen wir am leichtesten über die Schwierigkeiten hinweg.’ Das Haus wurde sehr hell, die Generalin setzte sich mit Fräulein Bork auf das Sofa und legte Patience. Sie sprach mit ihrer lauten, beruhigenden Stimme, lachte über ihre Patience. Das Brautpaar zwang sie miteinander Pickett zu spielen. ‚Nichts Besseres für nervöse Liebe’, meinte sie, ‚als Karten.’’’

Überflüssig zu erwähnen, dass das alles nicht besonders erfolgreich ist - am Ende sind ein Toter und diverse ruinierte Biografien zu beklagen.