…nicht verloren
A propos Polen. Ein halbes Jahr haben wir auch mal in Polen verbracht, in Lublin, einer Stadt in Polen B, wie die Polen selber sagen, also im schlechten Teil von Polen, im Osten. Lublin ist so weit östlich, dass sich Deutsche dort nicht meiden wie sonst fast überall auf der Welt, sondern sich freudig bekannt machen, wenn sie einander als Deutsche erkennen. Außer ein paar Touristen gibt es dort ohnehin nur zwei Sorten von Deutschen – die Lektoren an den beiden Unis und die Aktion-Sühnezeichen-Zivis in Majdanek.
Im Juni 1999 reiste Papst Johannes Paul II. nach Polen – alle dachten, es sei die letzte Reise in sein Herkunftsland, war es aber dann doch nicht –, und eine der befremdlichsten Erfahrungen war es zu sehen, wie sich Polen bei diesem Papstbesuch verhielt. Die Reisestationen sieht man auf diesem abfotografierten Plakat:
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Unter anderem fuhr der Papst auch nach Sandomierz, das war die von Lublin aus nächstgelegene Station. Zufällig waren wir dort zwei oder drei Wochen vor dem großen Ereignis und konnten die Vorbereitungen beobachten: Nicht nur wurde der Bahnhof komplett verlegt – ob näher zur Stadt oder weiter weg, ist uns jetzt entfallen, es hatte jedenfalls etwas mit dem Massenansturm zu tun – sondern auf der Route, die, vorher genau festgelegt, das Papamobil befahren sollte, wurden die Straßen neu gepflastert, die Häuserfassaden neu gestrichen, die Dächer neu gedeckt und neue Bäume gepflanzt – mal abgesehen von den kleineren Privatverschönerungen, die jeder Bürger selber vornahm, so wie diese Dame auf ihrer wackligen Leiter:
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Man brauchte keine drei Schritte abseits der offiziellen Papst-Jubel-Route zu tun, schon sah die Stadt so grau und heruntergekommen aus wie sie zu der Zeit eben aussah. Wir sind sicher, das war kein Einzelfall, und wir haben uns immer gefragt, ob es nun schlimm war oder nicht, dass Johannes Paul zeitlebens mit einem solch gefälschten Heimatbild im Kopf herumgelaufen ist.
Die Leute waren alle verrückt in der Zeit. Die Kollegen, sämtlich vernünftige, intelligente Menschen, mussten weinen, wenn sie den Papst im Fernsehen sahen. Als er in Krakau einen Schwächeanfall erlitt, schliefen sie nächtelang nicht, weil sie für ihn beteten. Und ein Kollegiumsausflug musste unterbrochen werden, eben weil der Gottesdienst in Sandomierz nicht versäumt werden durfte.
Da waren wir nicht mit. Vielleicht wäre auch das sehr spannend gewesen.