Highsmith
In deutscher Sprache gibt es sie kaum, in englischer umso häufiger: umfangreiche Schriftsteller-Biografien, in denen die Fakten stimmen und das Zweifelhafte dem Urteil des Lesers überlassen wird.
Richard Ellmanns Joyce-Biografie ist ein Musterbeispiel dafür, ebenso Quentin Bells Buch über Virginia Woolf, mit dem wir einmal einen kompletten verregneten Tag im 6. Stock der Glasgow University Library verbrachten, ohne zu merken, wie die Zeit verging – das Leben ein grotesker Roman.
Was interessiert uns an Autoren-Biografien? Der Mensch hinter dem Werk, ganz klar, obwohl wir genau wissen, dass der eine mit dem anderen nicht das Geringste zu tun hat, außer dass er es eben zufällig geschrieben hat. Biografistische Interpretationen sind uns zuwider, und uns ist sonnenklar, dass die Kunst gerade darin besteht, das Leben so zu beschreiben, dass wir darüber mehr erfahren als durch das Leben allein. Trotzdem sind wir neugierig auf das Leben hinter der Kunst, als sei es ein Schlüssel, mit dem wir in die verstecktesten Ecken der Literatur eindringen könnten. Zum Glück gibt aber noch einen genügsameren Grund für das Interesse an Autorenbiografien: die Neugier auf Schreibimpulse, -methoden und -routinen. Die Frage: Warum und wie schreiben Leute?
In die erwähnte angelsächsische Biografie-Tradition gehört auch Andrew Wilsons Buch Beautiful Shadow. A Life of Patricia Highsmith aus dem Jahr 2003 (auf Deutsch bezeichnenderweise Schöner Schatten. Das Leben von Patricia Highsmith). Wir waren eigentlich nie Highsmith-Fan und haben ziemlich wenig von ihr gelesen: Der talentierte Mr. Ripley, Venedig kann sehr kalt sein, zwei oder drei dieser etwas ekligen Kurzgeschichten über Schnecken und Krebsgeschwüre und The Price of Salt, einen Klassiker der lesbischen Literatur. Zwei Konstanten ziehen sich durchs Werk: Der Stil ist immer sehr schlicht und direkt, und es gibt immer Krimi-Elemente, die allerdings mit der simplen Frage nach dem Täter nichts zu tun haben.
Für Patricia Highsmith war das Schreiben lebensnotwendig. Das lag nicht daran, dass sie ohne zu schreiben nicht gelebt hätte, im Gegenteil. Sie reiste viel, vor allem in Europa, sie führte zeitlebens einen emotionalen Emanzipationskampf mit ihrer Mutter, sie hatte unzählige Beziehungen, ein paar davon mit Männern, sie war schon mit Mitte zwanzig Alkoholikerin, sie nahm lebhaften Anteil an politischen und gesellschaftlichen Diskussionen, sie war sehr belesen und zudem eine gute Zeichnerin.
Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit führte sie exzessiv Tagebuch. Zwar war sie ehrgeizig, was den Erfolg ihrer Bücher betraf, und sie ärgerte sich stets darüber, als Krimiautorin und nicht als seriöse Schriftstellerin wahrgenommen zu werden, aber die existenzielle Bedeutung des Schreibens zeigte sich auf noch andere Art. Nicht selten hatte sie das Gefühl, dass nur die Arbeit an einem Roman sie davor bewahrte, geisteskrank zu werden – Schreiben als Rettung vor dem Leben. Sie lebte zeitweise so in ihrer Imagination, dass sie die inneren Bilder für realer hielt als die äußere Wirklichkeit, und sie beherrschte die Fähigkeit, „beim Schreiben die Welt durch die Augen ihrer Figuren zu sehen“, wie Andrew Wilson in seiner Biografie schreibt. Ihr Schreibtisch stand in allen ihren Wohnungen direkt neben dem Bett.
Eine ziemlich quälende Art Schreibexistenz also, aber zugleich ein faszinierendes und vielschichtiges Konglomerat aus Erlebtem und Erfundenem. Patricia Highsmith starb 1995 mit 74 Jahren in der Schweiz. Der Diogenes Verlag erwirbt sich gerade Meriten mit einer neu übersetzten und annotierten Werkausgabe. Die Tagebücher liegen unveröffentlicht im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Die würden wir gern einmal lesen. Nur aus Neugier.