Lebewohl

Dreißig Jahre lang versah er treu seinen Dienst im Treppenhaus – jetzt ist er gestorben und begraben, der Gummibaum von Frau Müller. Zugegeben, schon als wir ihn im letzten Jahr kennenlernten, musste er sich altersschwach an die Treppenhauswand anlehnen, und seine Blätter waren nicht prall und glänzend, sondern matt und ein bisschen schrumpelig. In letzter Zeit wurden sie sogar braun und fielen ab. Dennoch wurde er geliebt – von Frau Müller, die mit seiner Installation im Treppenhaus als ganz junge Pflanze ihren Einzug in dieses Haus verbindet, und auch, wir geben es zu, von uns, obwohl wir Gummibäume sonst nicht leiden können. Er war aber kein normaler Gummibaum, er war ein Symbol, eine metaphorische Verkörperung vergehender Zeit, ein Muster für gleichmütig ertragenen Verfall im Alter. Jetzt ist er verschwunden, ersetzt durch ein blutjunges, gesundes und weit weniger imposantes Kraut, das sich eine vergleichbar präsentable Würde allenfalls durch jahrelanges Treppenhausstehen erarbeiten kann.
Wir vergießen eine Träne, entbieten ihm einen letzten Abschiedsgruß und rufen ihm nach: Möge es dir wohl ergehen im Himmel der Gummibäume!

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