Archiv Juni 2007

Sommer!

Donnerstag, 21. Juni 2007

Vorwärts nach weit

Mittwoch, 20. Juni 2007

„Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt. Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie. Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung. Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, dass man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne. Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: ‚re von nah’. Das Wort ‚re’ kann man verschieden übersetzen: ‚rückwärts’ oder ‚zurück’. Ich schlage die Übersetzung ‚rückwärts’ vor. Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: ‚Rückwärts von nah’. Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: ‚Vorwärts nach weit’. Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermessliche. Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.
(Hunde bitte an die Leine zu führen.)“

Diese Hommage stammt von Kurt Schwitters, der am 20. Juni 1887 in Hannover geboren wurde. Außer diesem berühmten Sohn der Stadt hat Hannover leider wenig, auf das es stolz sein könnte – ich muss es wissen, denn auch ich stamme aus Hannover. Nun gut, da wäre noch die Tatsache, dass die Hannoverschen Welfenkönige von 1714 bis 1837 in Personalunion Könige von England waren. Und natürlich der Hannoversche Genitiv, der hier schonmal beschrieben wurde. Das wars dann aber auch schon.

Highsmith

Montag, 18. Juni 2007

In deutscher Sprache gibt es sie kaum, in englischer umso häufiger: umfangreiche Schriftsteller-Biografien, in denen die Fakten stimmen und das Zweifelhafte dem Urteil des Lesers überlassen wird.
Richard Ellmanns Joyce-Biografie ist ein Musterbeispiel dafür, ebenso Quentin Bells Buch über Virginia Woolf, mit dem wir einmal einen kompletten verregneten Tag im 6. Stock der Glasgow University Library verbrachten, ohne zu merken, wie die Zeit verging – das Leben ein grotesker Roman.
Was interessiert uns an Autoren-Biografien? Der Mensch hinter dem Werk, ganz klar, obwohl wir genau wissen, dass der eine mit dem anderen nicht das Geringste zu tun hat, außer dass er es eben zufällig geschrieben hat. Biografistische Interpretationen sind uns zuwider, und uns ist sonnenklar, dass die Kunst gerade darin besteht, das Leben so zu beschreiben, dass wir darüber mehr erfahren als durch das Leben allein. Trotzdem sind wir neugierig auf das Leben hinter der Kunst, als sei es ein Schlüssel, mit dem wir in die verstecktesten Ecken der Literatur eindringen könnten. Zum Glück gibt aber noch einen genügsameren Grund für das Interesse an Autorenbiografien: die Neugier auf Schreibimpulse, -methoden und -routinen. Die Frage: Warum und wie schreiben Leute?
In die erwähnte angelsächsische Biografie-Tradition gehört auch Andrew Wilsons Buch Beautiful Shadow. A Life of Patricia Highsmith aus dem Jahr 2003 (auf Deutsch bezeichnenderweise Schöner Schatten. Das Leben von Patricia Highsmith). Wir waren eigentlich nie Highsmith-Fan und haben ziemlich wenig von ihr gelesen: Der talentierte Mr. Ripley, Venedig kann sehr kalt sein, zwei oder drei dieser etwas ekligen Kurzgeschichten über Schnecken und Krebsgeschwüre und The Price of Salt, einen Klassiker der lesbischen Literatur. Zwei Konstanten ziehen sich durchs Werk: Der Stil ist immer sehr schlicht und direkt, und es gibt immer Krimi-Elemente, die allerdings mit der simplen Frage nach dem Täter nichts zu tun haben.
Für Patricia Highsmith war das Schreiben lebensnotwendig. Das lag nicht daran, dass sie ohne zu schreiben nicht gelebt hätte, im Gegenteil. Sie reiste viel, vor allem in Europa, sie führte zeitlebens einen emotionalen Emanzipationskampf mit ihrer Mutter, sie hatte unzählige Beziehungen, ein paar davon mit Männern, sie war schon mit Mitte zwanzig Alkoholikerin, sie nahm lebhaften Anteil an politischen und gesellschaftlichen Diskussionen, sie war sehr belesen und zudem eine gute Zeichnerin.
Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit führte sie exzessiv Tagebuch. Zwar war sie ehrgeizig, was den Erfolg ihrer Bücher betraf, und sie ärgerte sich stets darüber, als Krimiautorin und nicht als seriöse Schriftstellerin wahrgenommen zu werden, aber die existenzielle Bedeutung des Schreibens zeigte sich auf noch andere Art. Nicht selten hatte sie das Gefühl, dass nur die Arbeit an einem Roman sie davor bewahrte, geisteskrank zu werden – Schreiben als Rettung vor dem Leben. Sie lebte zeitweise so in ihrer Imagination, dass sie die inneren Bilder für realer hielt als die äußere Wirklichkeit, und sie beherrschte die Fähigkeit, „beim Schreiben die Welt durch die Augen ihrer Figuren zu sehen“, wie Andrew Wilson in seiner Biografie schreibt. Ihr Schreibtisch stand in allen ihren Wohnungen direkt neben dem Bett.
Eine ziemlich quälende Art Schreibexistenz also, aber zugleich ein faszinierendes und vielschichtiges Konglomerat aus Erlebtem und Erfundenem. Patricia Highsmith starb 1995 mit 74 Jahren in der Schweiz. Der Diogenes Verlag erwirbt sich gerade Meriten mit einer neu übersetzten und annotierten Werkausgabe. Die Tagebücher liegen unveröffentlicht im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Die würden wir gern einmal lesen. Nur aus Neugier.

(So sah Patricia Highsmith mit 21 aus, so mit 60.)

Limerick (18)

Sonntag, 17. Juni 2007

There was a young fellow from France
who waited ten years for his chance.
Then he muffed it.

Wörter ohne Existenzberechtigung

Freitag, 15. Juni 2007

Heute machen wir mal ein Tauschgeschäft. Wir tauschen schützenswerte gegen überflüssige Wörter: Labsal gegen einpflegen, Lichtspielhaus gegen zuwarten, Kleinod gegen auslesen (im Sinn von ‚lesen’). Erstere wollen wir fürderhin fleißig gebrauchen, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Letztere finden wir urst hässlich – man sollte ihnen die Daseinsberechtigung entziehen.

Tree Meditation

Donnerstag, 14. Juni 2007

Thursday

Thus speaks the broadleafed Maple,
the tree of Jupiter
to whom tin is sacred:
“Oh Man, overcome the haste and hurry within you,
seek hours of quiet
which bring goodness and wisdom to birth.”

Aus einem früheren Leben – demselben, in dem wir einmal Eurythmie ausprobierten und dabei so lachen mussten, dass es uns selbst sehr peinlich war.

Kuriosität tötete die Katze

Dienstag, 12. Juni 2007

– I know a few things about you. For starters I know you’re interested. You stayed when all your friends left.
– I’m curious in a way.
– Curiosity turns me on.

– Ich weiß eben ein paar Dinge von dir. Zum Beispiel, dass du interessiert bist. Sonst wärst du nicht allein hier geblieben.
– Wirklich merkwürdig.
– Merkwürdiges zieht mich an.

Aus dem Film If these walls could talk 2, 1971er Episode mit Michelle Williams und Chloe Sevigny. Sehr merkwürdig.
Nun ist es ja immer leicht, sich über Filmsynchronisation lustig zu machen. MeinFavorit stammt aus Terminator 2, wo Linda Hamilton inmitten einer wilden Verfolgungsjagd auf dem Highway brüllt: „Take the offramp“, also soviel wie „nächste Ausfahrt raus“. In der deutschen Fassung kreischt sie in höchster Aufregung: „Nimm die abgelegene Rampe“ – ein Satz, der den Adrenalinspiegel jäh gen Null absinken lässt.
Der Spaß hört aber auf, wo wir auf DVDs allerorten mit unabschaltbaren Warnhinweisen bombadiert werden: Raubkopieren sei ein schweres Verbrechen, für das wir mit mindestens! fünf! Jahren Gefängnis! rechnen müssten, und mit dem wir die Filmindustrie, die Verleihfirmen und damit letztlich uns! alle! in den Ruin trieben. Hätte man sich mit dem Produkt mehr Mühe gegeben, wäre ich vielleicht auf die Idee gekommen. Solange viel Geld in schlampige Synchronisation anstatt in ordentliche Untertitel gesteckt wird, verzichte ich dankend. Auch auf den Kauf.
Verzeihlich finde ich hingegen den Klassiker der Synchronisations-Missgeschicke, Casablanca. Ist doch wurscht, dass „Here’s looking at you, kid“ schlicht und einfach “Prost!” heißt. „Ich schau dir in die Augen, Kleines“ klingt sehr viel poetischer und lässt sich in beinahe jeder Lebenslage zitieren. Noch genialer aber finde ich: „Du stehst unter Beobachtung, mein Kind“.