Archiv Sonntag, 8. Juli 2007

Schwarz auf weiß

Sonntag, 8. Juli 2007

Sich nicht persönlich, sondern nur schriftlich zu kennen, sei ein Phänomen des Internet-Zeitalters, könnte man meinen.
Stimmt aber nicht. Da fällt uns doch gleich A.S. Byatt ein, Besessen, ein Roman, in dem es (unter anderem) um eine brieflich begonnene Liebesgeschichte zwischen zwei viktorianischen Dichtern geht, Randolph Henry Ash und Christabel LaMotte. Brieflich auch deshalb, weil sie geheim bleiben muss, denn er ist verheiratet und sie lebt zurückgezogen zusammen mit einer Malerfreundin in einem scheinbar keuschen Jungfernhaushalt und fürchtet um ihre Unabhängigkeit. Der Ausgangspunkt ihrer Bekanntschaft ist eine kurze Unterhaltung bei einer Frühstücksgesellschaft, die wahre Annäherung findet in den Briefen statt. Byatt versteht es meisterhaft, die Faszination für die zunehmende schriftliche Vertrautheit sichtbar zu machen, die zwangsläufig auf ein Treffen hinausläuft. Natürlich hat sich jeder zu diesem Zeitpunkt schon eine vollständig ausgestattete und komplett virtuelle Lebensumgebung für den Briefpartner gebastelt, die mitnichten mit der Realität übereinstimmt. Im ersten Brief nach dem Treffen (einem Spaziergang im Park) schreibt Ash über Christabels Hund:

„Wie konnten Sie mich so in die Irre führen? Da stand ich und hielt eifrig Ausschau nach einem kleinen Spaniel oder einem milchweißen Hündchen – und dann kamen Sie, kaum zu erkennen, halb verborgen neben dieser riesenhaften, hageren, grauen Erscheinung, die geradewegs aus einem irischen Märchen oder einer nordischen Saga entsprungen zu sein schien.“

Wir können nicht anders als hier noch mal unsere Bewunderung für Byatts außerordentliche Befähigung für Stilkopien zu bekunden, nicht nur was die Briefe betrifft, sondern auch in Gedichten, Tagebucheinträgen und wissenschaftlicher Prosa verschiedener Figuren. Handwerk, okay, aber das muss auch erstmal beherrscht werden. Als wir das Buch zum ersten Mal lasen, fühlten wir uns bemüßigt nachzugucken, ob es diese Dichter tatsächlich gegeben hat. Die Autorin hat sich das alles ausgedacht – aber diese 19.-Jahrhundert-Brieffreundschaft hätte durchaus so stattfinden können.
Eine ‚wahre’ Geschichte derselben Sorte hat die Journalistin Monika Porrmann jetzt aus einem schwer zugänglichen Buch hervorgekramt: Die 1842 brieflich begonnene Liebesgeschichte zwischen den Autoren Luise von Gall und Levin Schücking. Was als unernstes Rollenspiel beginnt, endet mit der Heirat – wie es dazu kommt, kann man jetzt als Fortsetzungsgeschichte mitlesen, hier ist Teil eins.
Sicher ist es kein Zufall, dass es sich bei allen Beispielen um Autoren handelt. Stellt sich aber trotzdem die Frage: Inwiefern ist das, was er oder sie schreibt, repräsentativ für einen Menschen? Wieviel und was genau bleibt übrig, wenn man das Schriftliche abzieht?