Archiv Juli 2007

Das Prinzip Christophe

Donnerstag, 19. Juli 2007

„Christophe war ein Mensch, der morgens bei strahlendem Sonnenschein das Haus mit einem Regenschirm verließ, wenn der Wetterbericht Regen vorhergesagt hatte.“ So oder so ähnlich lautet der erste Satz eines Romans, den eine Freundin von uns jahrelang in ihrem Kopf herumtrug. Den Satz, nicht den Roman. Von dem Roman existiert bis heute außer diesem Satz nichts – keine Handlung, keine weiteren Figuren, kein Konflikt, kein Ende. Nur der erste Satz. Er basiert auf einer Person, die sie tatsächlich kannte, einem Franzosen, und sie dachte, er sei deshalb ein genialer erster Satz, weil er mit Hilfe eines Bildes (des Regenschirms) das Interesse des Lesers für diese Figur wecke. Der Leser frage sich sofort, was für ein Mensch das sei: ein Übervorsichtiger, ein Pedant, ein Autoritätshöriger, ein Rationalist? Und wolle wissen, ob dieser Christophe wider Erwarten jemals in den Genuss kommen wird, seinen Regenschirm aufspannen zu können, während um ihn herum alle nass werden.
Warum uns das jetzt wieder einfällt? Weil gestern so ein Tag war, zumindest in Hamburg: blauer Himmel, Sonnenschein, und in der Stadt auffällig viele Menschen mit Regenschirm unterwegs. Als wir uns nachmittags unterstellen mussten, weil es schüttete wie aus Kübeln, konnten wir nicht umhin uns einzugestehen: Es wäre vielleicht nicht verkehrt, die Christophe-Seite in uns zukünftig ein bisschen mehr auszuleben.

Wie man gratis in ein Kino kommt

Mittwoch, 18. Juli 2007

“In Prag heißt Eingang ‚vchod’ und Ausgang ‚vichod’. Der ganze Unterschied ist nur ein kurzes i. Das gab mir Anlaß zum Denken, und ich dachte über die Begriffe Eingang und Ausgang. Und mit Erfolg. Das Wesentliche ist immer die Richtung des Kopfes, beim Eingang weist sie nach innen, beim Ausgang nach außen. Gut. Ich fragte nun den Pförtner eines großen Kinos in Berlin, ob beim Eintreten in ein Kino eine Geschwindigkeit vorgeschrieben wäre. Der meinte, darüber bestände keinerlei Vorschrift. Gut. Also kann die Geschichte auch negativ sein. Man muß daher nicht den Eingang, sondern den Ausgang eines Kinos betreten, wenn man gratis hineinkommen will, stellt sich mit dem Gesicht nach außen, den anderen schönen Körperteil natürlich nach innen, und geht mit negativer Geschwindigkeit hinaus. Niemand kann Ihnen dann was wollen, denn Sie benutzen den Ausgang in erlaubter Weise. So kommt jedermann ins Kino, ohne was zu bezahlen. Gut. Nun stehen Sie im Saale. Stehenbleiben dürfen Sie nicht, das erlaubt die Polizei nicht. Fürs Benutzen des Platzes erhebt das Kino aber eine Taxe. Da bleibt Ihnen nur eine Wahl, entweder müssen Sie einen Patz nehmen und bezahlen, oder Sie müssen nun wieder hinausgehen.”

Kurt Schwitters, 1925

Nichts

Dienstag, 17. Juli 2007

Wir verzichten heute mal darauf, etwas über das Geräusch benzinbetriebener Heckenscheren um 6.30 Uhr morgens zu schreiben:
Nichts über das Geräusch benzinbetriebener Heckenscheren um 6.30 Uhr morgens.

New York, 16. Juli 1968

Montag, 16. Juli 2007

„Die Aufführung beginnt mit einer Ansprache des Titularpräsidenten. Wie oft hat Mrs. Cresspahl ihn gesehen seit der Feierstunde, als die arme Gwendolyn Bates für ihren Übereifer einen silbernen Backenstreich empfing, immer noch kann sie sich zu wenig merken von R.W.T. Wutheridge, als daß sie ihn erinnern könnte, sei es als stilles Bild. „Bäuerlich“ sagen sie gern von ihm. Aber er muß einer von den gottergebenen Bauern sein, den ahnentreuen, den ungeschickten, so ängstlich kommt er ihr vor; an diesem kleinen alten Körper sehen die Maßanzüge zu kurz aus; diesem blauwangigen Haarverlierer haben die siebzig Jahre eine Würde vorenthalten. Das Programm geht so: zunächst hält er eine Ansprache nach eigenem Gusto, damals über das Ethos der Arbeitsgemeinschaft und was Amerika von uns will. So heute, und er wünscht demnach unser Glück. Darauf werden die Kandidaten aufgerufen, besteigen die mit Teppich belegte Kiste und sollen Auge in Auge mit dem Obersten Schausprecher eine Darstellung ihrer Verdienste anhören. Diese Preisreden aber stammen aus dem Sekretariat de Rosnys, weswegen die Anfänge nur so wimmeln von Unterschieden:
Es ist wahrhaftig schwer, die angemessenen Worte zu finden…
Die Überreichung dieser Prämie schafft in jeder Hinsicht einen Präzedenzfall…
Meines Wissens hat kein einziger Mitarbeiter der Firma…
Es ist wohl an die fünfundzwanzig Jahre her…
[…]
– Silber kann man einschmelzen lassen.
– Ja.
– Dann kriegt D.E. einen silbernen Ring von dir.
– Ja.“

Uwe Johnson, Jahrestage

Auf Bestellung

Freitag, 13. Juli 2007

Bügelbild für Renate.

Kennst du das Bügeleisen? Das muss ein altes Familienerbstück eurerseits sein, wahrscheinlich von eurer Ur-Urgroßmutter oder so. Es ist sehr low-tech, außer bügeln kann es rein gar nichts. Man kann es nicht mit Wasser befüllen, es hat keinen ergonomisch geformten Massagegriff, und es produziert auch keine Hochdruck-Dampfwolken – pfffff. Aber es geht und geht nicht kaputt. Aus dem Nähkästchen, Schublade „Gelegenheiten, bei denen ich über mich selbst erschrak“: Es ist erst ein paar Monate her, da ließ ich selbiges Bügeleisen, nur weil das Telefon klingelte, einfach auf dem gerade bebügelten Kleidungsstück stehen. Das nur deshalb nicht in Flammen aufging, weil das Telefonat kurz war.

He Who Pays the Piper Calls the Tune

Donnerstag, 12. Juli 2007

This story took place in Glasgow, so for practice and also because Inga ordered more English writing, I’ll tell it in English.
I used to play viola in a very good orchestra at Glasgow University. As in Glasgow everything is Kelvin (Don’t walk Kelvin Way!), this was The Kelvin Ensemble. I had to do an audition and I still don’t know why they allowed me in, but it was great playing with them. They performed twice a term and there was a tradition to play one piece in each concert with some sort of link to Scotland. In the first term this was Mendelssohn’s Hebrides Overture, in the second a piece by Peter Maxwell Davies, an English composer who’s been living on the Orkney Island of Hoy for decades now. It was a comical postmodern piece called An Orkney Wedding, with Sunrise which made fun of the programme music genre – music with an audible story behind it.

So in An Orkney Wedding, with Sunrise you could actually hear the blushing bride walk into the church to the sound of the wedding march, the wedding party arrive in the hall out of violent weather, the musicians tune their instruments, the dancing, how everybody gets more and more drunk, including the band, so that the music finally collapses into cacophonic chaos, and then – ah – the next morning everybody steps outside to watch a beautiful sunrise. This sunrise is personified by the full splendour of highland bagpipes with the piper entering the concert hall from behind the audience and gradually processing on stage as he plays. I’ve never liked bagpipes, they are so horribly out of tune (I know they’re meant to be, still), but they went very well with this piece – truly Scottish but not entirely serious in combination with a classical orchestra.

The piper we had hired wasn’t the brightest guy in the world. Rehearsals with him were a nightmare because he just couldn’t work out when to come in. He was always either too early or too late for the sunrise, and as he was supposed to be waiting outside for his appearance the conductor couldn’t help him with that. Everybody was slightly frightened about the recital – except for the conductor, a cold-blooded professional musician who said to us: He’s definitely going to blow it up (literally), so just remember to watch me when the sunrise is about due.

The piper must have been dead nervous too, because on the night of the concert he managed to lose his car key before taking his pipes and his best kilt out of the car. I don’t know how he fixed that, but he did, and there he was – waiting outside the hall, probably thinking: Shit, why on earth did I ever agree to do this? When he started to play and march towards the stage, it was of course all wrong. But the conductor had a simple solution. Voicelessly, invisibly for the audience, but perfectly readable even for me he mouthed: He is two bars late. Whereupon the whole orchestra jumped back – and that was it. Nobody noticed, certainly not the bloke himself who until the end of his days will be thinking: Ah well, that concert. Tricky piece, but I got it just right.
(In his defence: He looked quite handsome in his kilt, and he made a favourable impression at the Ceilidh dancing after the concert.)

Sportprosa

Dienstag, 10. Juli 2007

Fußball ist bei Intellektuellen erst vor ein paar Jahren in Mode gekommen, aber Boxen und Literatur haben schon länger etwas miteinander zu tun (Hemingway, Brecht). Womöglich steckt dahinter die Regel: Je prolliger die Sportart, desto einfallsreicher lässt sich darüber schreiben. In der gestrigen SZ jedenfalls schildert Ulrich Hartmann einen Kampf zwischen den Boxern Brewster und Klitschko mit den folgenden Worten:

„Brewster betrat um 23.15 Uhr in stolzer Haltung und einer zum Mantel genähten Goldfolie die Kölnarena, und er verließ sie exakt eine Stunde später in geknickter Verfassung und mit demselben Kleidungsstück, das an seinem zermürbten Körper nun aber aussah wie eine Wärmefolie aus dem Erste-Hilfe-Kasten. Der 34-Jährige war von Klitschkos gestreckter Linker im Stakkato einer Nähmaschine 18 Minuten lang und mit 162 Treffern derart hochfrequenziell beklopft worden, dass er die Anregung seines Trainers dankbar annahm, am Ende der sechsten Runde bei noch klarem Verstand und unverwundeter Mimik einfach aufzugeben.“

Der Boxfan unter den Lesern freut sich über das ironisierte Bild des gedemütigten Verlierers, der Verächter über die Ironisierung des Boxens an sich. Der Klugscheißer behauptet, das Wort hochfrequenziell stehe gar nicht im Duden, und der Stilist nörgelt, der Verfasser möge sich entscheiden, ob er Herrn Brewster in oder mit einem Kleidungsstück auftreten lassen wolle. Alle aber müssen zugeben: Einander beklopfen ist ein wirklich schönes Synonym für boxen.