Archiv Samstag, 4. August 2007

Text oder Bild

Samstag, 4. August 2007

London, 1862. Zwei Männer unterhalten sich über die Unterschiede zwischen Text und Fotografie. Dokumentarisch sei die Fotografie, sagt der eine, sie bringe bleibende Bilder vom Leben hervor, während das Leben selbst vergeht. Bücher seien doch auch beständig, wendet der andere ein. Aber Fotografien, argumentiert der Erste, reichten über die Wörter hinaus und über die Münder, die die Wörter aussprechen. Sie wirkten über Sprachgrenzen hinweg und auch über Epochengrenzen. Sie seien zeitlos. Unsinn, entgegnet der andere, die Fotografie sei viel zeitgebundener als Text: „Zeigen Sie Ihrem Enkel Fotografien, die heute modern sind, und er wird sie kurios finden. Er wird über die Wachsspitzen an Ihrem Schnurrbart lachen. Wörter hingegen verführen uns im Dunkeln, unser Geist stattet sie nach seinen eigenen Moden aus.“
Die Diskussion endet damit, dass der Befürworter der Sprache sich der Unterstützung eines Dritten versichert und sich so den Sieg sichert. Er muss aus beruflichen Gründen für das geschriebene Wort argumentieren, er steckt nämlich schon seit Jahren seine Schaffenskraft in eine riesige Bibliografie, ein Verzeichnis aller Schriften auf seinem Gebiet. Und er ist nicht gewillt, diese neumodischen Daguerrotypien auch noch mit aufzunehmen.
Die Herren, das sollte man vielleicht noch hinzufügen, unterhalten sich über Pornografie. Das Werk des Bibliografen trägt den Titel Index Librorum Prohibitorum: being Notes Bio- Biblio- Icono- graphical and Critical, on Curious and Uncommon Books. Seine Auffassung ist inzwischen überholt – hundertfünfzig Jahre später lebt die Pornografie von Bildern, vor allem von bewegten. Aber für andere Gebiete, für die Bloggerei zum Beispiel, ist die Diskussion durchaus noch relevant.

(Sarah Walters, Fingersmith, London 2002, p. 245)