Busfahren in Hamburg (5)
Sonntag, der Tag des großen Hamburger Straßenradrennens, Profis und Jedermänner. Was eine geübte Busbenutzerin ist, die informiert sich vorher, welche Busse fahren und welche nicht, wenn sie morgens zum Hauptbahnhof will. Haltestellenaushänge und Internetz erklären einstimmig: Schnellbusse fahren nicht bis zur S-Bahn Elbgaustraße, normale Busse fahren. Ist zwar irgendwie seltsam, aber doch wohl nicht unser Problem.
Der 186er kommt zur angekündigten Zeit. Fährt fünf Haltestellen weit und steht dann Rugenbarg vor einer rot-weißen Straßensperre. Davor zwei grimmige Polizistinnen, dahinter bunte Fahrradfahrer im Eiltempo auf schöner leerer Straße. Der Busfahrer bass erstaunt, ebenso die drei Fahrgäste. Einer schlägt vor, rechts abzubiegen, er kenne da einen Schleichweg, am Stadion vorbei. Der Busfahrer erklärt sich einverstanden. Er folgt den Anweisungen des Ortskundigen, biegt einmal verboten ab, zuckelt vorbei an der Arena formerly known als Volksparkstadion und landet erneut vor einer rot-weißen Straßensperre. Davor zwei grimmige Polizisten, dahinter lauter Jedermänner, in einem Affentempo. Der Busfahrer bass erstaunt. Über Funk keine Hilfe zu erwarten, die Zentrale auch bass erstaunt. Der ortskundige Fahrgast bittet darum, aussteigen zu dürfen. Die verbliebene Dame lächelt boshaft, wir sind langsam in Sorge wegen unseres Zuges. Der Busfahrer wendet den Bus. Kein Problem um diese Uhrzeit, die Straße ist leer. Wir haben jetzt die Ortskundigen-Rolle übernommen und besprechen mit dem Fahrer die neue Route.
Obwohl wir eigentlich an andere Dinge denken sollten, können wir nicht umhin zu bemerken, dass es unweit des Stadions eine Straße mit Namen „Luftbadweg“ gibt. Was ist denn bloß ein Luftbad, denken wir verblüfft, obgleich wir wahrlich andere Probleme haben. Ein Bad in Luft? Ist das nicht normal, in Luft zu baden? Wo wir gehen und stehen, sind wir von Luft umhüllt, wir baden quasi ständig in Luft. Ist das Luftbad als solches nicht eine ontologische Daseinsvoraussetzung? Ein Synonym für das menschliche Sein? Nein, für das Sein überhaupt, denn auch Tiere und Pflanzen und sogar unbelebte Gegenstände nehmen ja andauernd Luftbäder. Ist Luftbad eine philosophische Kategorie? Der Ursprung des Daseins? Der Grund für das So-Sein der Welt?
So denken wir, während wir eigentlich über ganz und gar andere Dinge nachdenken sollten. Über die neue Route zum Beispiel oder über die Frage, ob wir unseren Zug noch kriegen und was wir tun, wenn wir ihn verpassen. Der Bus hält an einer roten Ampel. Direkt neben der Bierwirtschaft in der Stadionstraße, auf deren Außenwand eine Dame mit einem Hund abgebildet ist. Wir gucken nach links und sehen die Bushaltestelle der Linie 2. Wir gucken nach rechts und sehen einen herannahenden Bus der Linie 2. Linie 2, Altona, S-Bahn. Kein Radrennen im Weg. Wir bitten den Busfahrer darum, aussteigen zu dürfen.
Was aus diesem verlorenen Bus geworden ist – wir wissen es nicht. Wir stellen uns vor, dass an der fünften rot-weißen Straßensperre, grimmige Polizistinnen, rasende Radfahrer, Busfahrer bass erstaunt, auch die verbliebene Dame darum bittet, aussteigen zu dürfen. Und dass der Busfahrer seinen Kindern abends eine spannende Geschichte erzählt.
Fünf Minuten vor Einfahrt des Zuges stehen wir auf dem Bahnsteig im Hauptbahnhof. Als der Zug über die Elbe fährt, sehen wir sie wieder. Die Jedermänner, wie sie über die gesperrte Freihafenelbbrücke fahren, mit teuren Rennrädern oder schrottigen Krücken, mit Tour-de-France-Outfit oder ganz normalen T-Shirts, dicke und dünne, Frauen und Männer, verbissen in die Pedale tretend oder gemütlich mit dem Nachbarn plaudernd. Nur schnell sind sie nicht. Der Zug ist schneller.