Archiv August 2007

Aus der Serie Tiere auf Hamburger Hauswänden

Dienstag, 21. August 2007


Jessenstraße


Stadionstraße

Anderthalb Lobgesänge

Samstag, 18. August 2007

Heute singen wir mal was. Ein Loblied auf Ali Smith nämlich. Ali Smith ist eine schottische Autorin – wer hätte gedacht, dass die Stadt Inverness so jemanden hervorbringt? – die aber schon lange in Cambridge lebt. Jahrgang 1962. Wir entdeckten sie neulich in der Zentralbibliothek am Hühnerposten, als wir ein Buch von Zadie Smith suchten und dann ein Stück weiter links auf einen Erzählungsband mit dem Titel Other Stories and other stories stießen. Auf dem Umschlag ein Foto von einem Lichtschalter, der aussieht wie das flickr default icon. Eigentlich lesen wir gar nicht so gern Erzählungen, weil die immer so schnell vorbei sind. Aber da wir für jedes alberne Wortspiel zu haben sind, nahmen wir das Buch trotzdem mit. Und siehe da, es war eine Entdeckung.

[Kleiner Einschub am Rande: ein weiteres halbes Loblied. Auf die Universitätsbibliothek der FU Berlin, die ihre Bücher im Offenen Magazin nach Eingangsdatum sortiert, also quasi gar nicht. Da kann man um das eigentlich gesuchte Buch herum die absonderlichsten Entdeckungen machen, völlig fachfremde Querverbindungen ziehen und die geheimen Beziehungen zwischen Gedichtbänden, mathematischen Studien und soziologischen Aufsatzsammlungen ergründen. Man müsste mal ernsthaft untersuchen, wie sich die Anordnung von Büchern in Bibliotheken auf das Denken auswirkt.]

Ali Smith also: Albern ist ein Wort, das auf ihre Art zu schreiben überhaupt nicht zutrifft. Komisch schon eher. Da aber gute Komik immer einen ernsten Hintergrund hat, geht es in allen Geschichten um die ernsten Dinge des Lebens. Und zwar immer um mehrere große Themen gleichzeitig, denn Ali Smith gehört zu den Autorinnen, deren Sprache frei ist von jeder Zufälligkeit, weil jedes einzelne Wort aus Gründen da steht, wo es steht. So dass sie mit relativ wenigen Worten ziemlich viel sagen kann.

Zum Beispiel die letzte Geschichte in Other Stories and other stories. Sie heißt A story of love und handelt, nun ja, vom Erzählen und von der Liebe, keiner ganz ungewöhnlichen Kombination. Äußerlich passiert nicht viel, es geht um zwei Leute, ein Ich und ein Du, die im Bett liegen und einander Geschichten erzählen.

„Tell me a story, I said. Okay, you said. Any particular kind of story? A love story, I said since we were in bed and it was November […].
Okay, you said. There was once a boy who really wanted to own a dog.
A boy and a dog, I said. Does it have to be a boy? It’s always stories about boys and dogs. Can’t it be a girl?
Yes, you said, it can be a girl; true love stories are always interchangeable. […]
Is this going to be a sentimental story? I said. Is the dog going to die? Because if it is I don’t want to hear it.
Listen, you said. Either I tell you a story or I don’t. Make up your mind. And you have to promise here and now to take that story on its own terms.
All right, okay. Within reason, I said.
Right, you said. Here goes. There was once a girl etc dog. She really really wanted a dog. But she never did get one. The end.”

Natürlich bleibt bei dieser rudimentären Art des Erzählens die eine oder andere Frage offen, zum Beispiel, warum das Mädchen so dringend einen Hund haben wollte, ob es hundlos starb, was die Hundlosigkeit für sein weiteres Leben bedeutete und, vor allem, warum es sich nicht einfach einen Hund beschaffte. Und überhaupt:

„That’s all very well, I said. But it’s not the kind of love story I wanted. I wanted something different.
You want another kind of love in your story? you said.
Yes, I said, and I want a story that’s a story. […]
Right then, you said. There was once a child whose mother fell asleep. The end.”

Gleiches Problem: Irgendwas stimmt da nicht mit der Erzähltechnik. Das Du schläft irgendwann ein – Parallele zur gerade angedeuteten Geschichte – aber das Ich liegt die ganze Nacht wach und denkt darüber nach, welche Geschichte wohl hinter dem Satz stecken mag. Dann umgekehrt:

„So I told the next story, and as it unfolded I realised how exciting it could be to know more about a story than you knew. I hadn’t really understood how exhilarating it could be to hold your attention like that.
The end, I said.
But that can’t be the end, you said. […]
You rolled over when you thought I was asleep, and I could feel you next to me, biting on your fingernails, wondering about the people in the story. […] I wished I had the luxury of wondering about them too.”

Langsam kommt man dahinter, worauf die Erzählung hinaus will: Was ist schöner, eine Geschichte zu erzählen oder eine erzählt zu bekommen? Ist das überhaupt dieselbe Geschichte? Ist es dieselbe Geschichte, wenn sie auf verschiedene Arten erzählt wird? Von unterschiedlichen Leuten gehört wird? Ist der Zuhörer berechtigt, die Geschichte zu ändern? Dazu gibt es dann noch einige Variationen, zum Beispiel eine mit einem Verhörer, the sky statt this guy, woraus natürlich eine völlig andere Geschichte entsteht. Und schließlich der Inhalt: Warum erzählt man Geschichten, und warum lässt man sich welche erzählen? Was bedeuten Erzählungen? Was genau transportiert das Hilfsmittel Sprache? Wann versagt es und warum? Eins der letzten Wörter der Geschichte ist übrigens wordlessly.
Die beiden Figuren bei Ali Smith jedenfalls erzählen sich nicht zufällig dauernd Liebesgeschichten. Wenn sich am Ende die Schlange in den eigenen Schwanz beißt, heißt es:

„Tell me a story, you said.
Okay, I said. Any particular kind of story?
A love story, you said.
So I huddled in the slow-warming bed. I lay with your head on my arm and I tried to think of how to put it. […]
I thought of your voice in the dark. When I had first heard your voice like that I had known that I would love you.
But that’s not what I said.
There was once, I said, a story that was told by way of other stories. The end.”

Jetzt versteht man auch, dass der Titel A story of love doppeldeutig ist, weil er Thema und Erzählverfahren zugleich benennt.
Was Ali Smith hier verhandelt, könnte man statt in einer zehnseitigen Erzählung auch in einem ellenlangen literaturwissenschaftlichen Aufsatz erörtern. Da kämen Begriffe vor wie Wirkungsästhetik, Textintention, Rezipientenerwartung, Dekonstruktion, Metafiktion. All das in einer scheinbar simplen, kurzen, sinnlichen Geschichte anzudeuten, das ist meisterhaft, das ist bewundernswert, das ist große Kunst. Also, neuer Fixpunkt auf unserer literarischen Landkarte: Ali Smith. The end.

So nicht

Freitag, 17. August 2007
  • vom Ikea-Katalog geduzt werden
  • im Bus wegen großflächiger Werbung nicht aus dem Fenster gucken können
  • Hunde mit Durchfall
  • sich im Restaurant minutenlang nicht für einen Tisch entscheiden können (und dann noch dreimal den Platz wechseln)
  • Wörter wie „einpflegen“ oder „zuwarten“
  • mehr als drei Nacktschnecken pro Tag mit dem Fahrrad überfahren
  • Bügelfalten in Jeans
  • der wiederkehrende Traum vom Ersticken unter einem Motorradhelm
  • wenn auf Fotos das Meer schief ist
  • Rosenkohl
  • fremde Haare in Bibliotheksbüchern
  • Pflanzen mit fleischigen Blättern
  • ständig das Eszett nicht treffen
  • gemeinsam im Takt klatschen
  • sich beim eigenen Namen verschreiben
  • sterbende Fliegen auf Fensterbänken
  • aus Notwehr Kakteen züchten

Hund zwei

Donnerstag, 16. August 2007

Nach anderthalb Stunden hatte Walter noch geglaubt, Alf würde seinen Liegestreik beenden, ohne dass ein Schlichter hinzugezogen werden müsse. Drei Stunden später sah das ganz anders aus.

(Mehr von sowas plus achtzehn goldene und sehr anschaulich illustrierte Regeln der Fotografie hier.)

Frau Müller beschwert sich (5)

Mittwoch, 15. August 2007

Diesmal über die gestiegenen Preise für Butter. „Da wär ich doch beim Aldi beinahe aus den Puschen gekippt“, ruft sie empört. Und: „Eine Frechheit ist das, eine Frechheit!“
Dann hat sie noch einen Tipp für die junge Mutter aus dem Erdgeschoss: „Der weint gar nicht richtig“, sagt sie nach einem prüfenden Blick auf das weinende Kind. „Der ist nur wütend, das seh ich sofort. Am besten, sie beachten ihn gar nicht.“

Frau Müller beschwert sich, die früheren Folgen: [1] [2] [3] [4]

Hund eins

Dienstag, 14. August 2007


© M.B.

“That dog was charging along like he had an appointment or something. Don’t you love the way dogs sometimes get this look like they had a hectic schedule to follow? Busy, busy, busy…”

Limerick (25)

Sonntag, 12. August 2007

Es lebte ein Tierfreund in Bebra,
der hielt sich im Keller ein Zebra.
Woselbst es verblich –
zumindest für mich,
denn es gibt keinen Reim mehr auf -ebra.