Archiv Donnerstag, 6. September 2007

Dyonien und Pelarien

Donnerstag, 6. September 2007

für Ulrike, die dieser Tage ganz allein unter vermutlich Dutzenden Schlossgespenstern in der riesigen Heidecksburg haust…

Zwei Möglichkeiten hat der Mensch als Reaktion auf den Umstand, dass die Welt leider doch nicht die beste aller möglichen ist – entweder er findet sich mit ihren Unzulänglichkeiten ab und richtet sich in ihr ein so gut es geht, oder er baut sich eine neue. Die zweite Alternative ist eindeutig die pfiffigere, sie ist fantasievoll, schöpferisch und originell und also der Beginn der Kunst.
Einen hervorragenden Ruf als Bastler neuer Welten haben sich bekanntlich die Bewohner der DDR erarbeitet. Zwei, denen in dieser Hinsicht noch einmal besondere Aufmerksamkeit gebührt, sind Manfred Kiedorf und Gerhard Bätz, Bühnenbildner der eine, Restaurator der andere. Befreundet seit ihrer Kindheit, erfinden sie sich im thüringischen Sonneberg Anfang der 50er Jahre im Alter von 15 und 17 Jahren zwei Königreiche, Dyonien und Pelarien geheißen. Aus Holz, Pappmaché, Metall, Watte und allem möglichen anderen kleben sie sich jeweils ein Schloss, diverse Nebengebäude, Herrscher und Untertanen, Pflanzen und Tiere zusammen. Jedes Reich erhält seine eigene Geschichte, Kultur, Sprache, Währung, Staatsform, Zeitrechnung, jede Figur eine eigene Biografie und eigene Marotten. Als Kiedorf und Bätz 1959 nach Berlin bzw. Weimar gehen, tauschen sie sich per Brief über ihre Königreiche aus. Das erinnert ein bisschen an die Geschwister Brontë, nur in 3D.
Das alles wäre noch nicht allzu erstaunlich, wenn Kiedorf und Bätz das Spiel nicht so lange durchgehalten hätten. Über 50 Jahre basteln die beiden inzwischen an ihrer Ersatzwelt, auch dass der eine in den 80er Jahren in den Westen ging, hat den regen Briefverkehr über neueste monarchische Entwicklungen nicht unterbrochen. Fertig wird das nie – aber ein Zwischenergebnis ist seit Sommer dieses Jahres in der Heidecksburg im thüringischen Rudolstadt zu besichtigen. Ein Besuch lässt sich zum Beispiel mit dem TFF verbinden, lohnt sich aber auch wegen der lieblichen Landschaft.
Weltflucht mit Museumsreife – nicht die schlechteste Art, ein Leben rumzubringen.
(Hier ein ausführlicher Artikel aus der Berliner Zeitung.)