Theorie und Geschichte des Limericks (1)
Sonntag, 9. September 2007So geht das nicht weiter hier mit den Limericks. Sukzessive Veröffentlichung, Aufbau eines umfangreichen Archivs, der VHMLH – alles gut und schön, aber wer einen ernsthaften Beitrag zur Limerick-Forschung leisten will, kommt nicht umhin, sich auch theoretisch mit der poetischen Gattung Limerick zu befassen. Streng wissenschaftlich natürlich. Aus diesem Grund erfinden wir uns eine neue Kategorie: Theorie und Geschichte des Limericks.
Folge eins erinnert an ein Phänomen, das sich vor genau hundert Jahren, im September 1907, zutrug. Damals verfiel ganz Großbritannien dem Limerick-Fieber. Zeitungen und Magazine hatten entdeckt, dass sich mit Limerick-Wettbewerben Geld verdienen ließ, und die Leser dankten es ihnen, indem sie – ungeachtet sozialer Herkunft, Bildung und Beruf – reimten wie verrückt. Es gab Preisgelder, hohe Summen, aber wir unterstellen den Briten mal, dass sie das auch aus Spaßvergnügen taten. Im wilhelminischen Deutschland zur selben Zeit undenkbar.
Es ging nicht um das Erfinden ganzer Limericks, sondern immer darum, zu vier vorgegebenen Zeilen eine gute fünfte zu dichten. Im Wettbewerb der Lokalzeitung West Cumberland Times zum Beispiel war die Vorgabe:
A man in the island of Skye
Had a notion he knew how to fly
Some wings he contrived
From a steeple he dived…
Der fünfte Vers des Gewinners lautete: “Tempus fugit,” said he, “Why not I?”, der des Zweiten: And his wife added ‘P’ to ‘RI’.
Anderes Beispiel: Eine Zeitschrift namens London Opinion forderte ihre Leser auf, den folgenden Limerick zu vervollständigen:
There was a young lady of Ryde
Whose locks were consider’bly dyed.
The hue of her hair
Made everyone stare…
Der Gewinner dachte sich aus: “She’s piebald, she’ll die bald!” they cried.
Aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der „Great Limerick Craze“ schreibt der Independent (in einem Artikel, aus dem alles geklaut ist, was hier steht), eine Neuauflage des alten Limerick-Wettbewerbs aus. Vorgabe ist das letzte Beispiel, die „young lady of Ryde“. Einsendeschluss ist der 16. September, beteiligen kann sich jeder, die Bewertungskriterien sind streng subjektiv, Schweinisches ist verboten. Der Gewinn: eine Flasche Champagner.