Stecken, ziehen, abschreiben
Samstag, 15. September 2007Gerade hat sich die Deutsche Post AG mit ihren Angestellten auf einen Mindestlohn von rund acht Euro geeinigt. Sechzehn Mark konnte man auch schon vor anderthalb Jahrzehnten als Briefträgerinnen-Aushilfe verdienen, plus Zuschläge für Überstunden (Telefonrechnungen, ADAC-Kataloge, Postwurfsendungen) und Latschengeld (extrem hoher Schuhsohlen-Verschleiß). Das war damals ganz gutes Geld für einen Ferienjob mit Fitnessfaktor.
Bei der Post arbeiten, das war eine der Ideen, die wir aus einem Jugendbuch hatten (eine der anderen war der super- ausdauernde Indianerlauf für Fälle, in denen das Kurzstrecken-Trampen nicht klappte, hundert Schritte laufen, hundert Schritte gehen). Sie war so gut, dass nach und nach der gesamte Freundeskreis auf den Geschmack kam. Allerdings stellte der sich geschickter an, verletzte sich massenweise im Dienst (Gehirnerschütterung wegen Kollision mit niedrighängenden Dachkonstruktionen, Fingerbruch beim Einführen von Briefen in zu enge Briefkastenschlitze usw.) und kassierte das Geld, ohne zu arbeiten. Wir hingegen gingen redlich vier oder fünf Jahre hintereinander in den Ferien dieser Arbeit nach, und das Geld war wohlverdient. Nur ganz selten trugen wir das T-Shirt auf links, weil wir morgens um halb fünf noch nicht wach genug waren, um beim Blick in den Spiegel etwas zu erkennen.
Die Arbeit beginnt je nach Postamt um fünf oder halb sechs, dann haben die Sortierer, die die Post nach Bezirken ordnen, schon fast Feierabend. Was die Briefträger, zu dem Zeitpunkt reduziert auf die Ziffer ihres Bezirks, bis halb neun oder neun tun, heißt stecken und ziehen – die Briefe nach Straßen und Hausnummern sortieren und sie hinterher säuberlich in der richtigen Reihenfolge in ihren Taschen verstauen. Das Sortieren geschieht in Spinden, mindestens hundert Jahre alt, in denen die Hausnummern durch eine Art Buchstütze voneinander abgetrennt sind. Tunlichst nicht übersehen sollte man: Nachsendeanträge, Lageraufträge und besondere Sendungen wie Einschreiben, Nachnahmen, Zustellungsurkunden.
Es gab zweierlei Gefährte für Postboten: Fahrräder für die, die überland reisen mussten, Karren für die städtischen (anderswo gibt es auch Autos, Mopeds, Boote und Loren). Die Fahrräder waren schon damals robust, sie hatten dicke Reifen, stabile Rahmen und vorne und hinten einen soliden Stahlkorb für die 30-Kilo-Taschen. Nach sechs Wochen Fahrrad-Post hatte sich der Oberschenkelumfang sichtbarlich vergrößert. Bei den Karren waren die Bremsen am wichtigsten, wenn die kaputt waren, hatte man ein Problem.
Man soll nicht glauben, dass zwei 30-Kilo-Taschen für eine Tour reichten, nein, da gibt es überall auf den Straßen diese unscheinbaren grauen Kästen, von denen die meisten Leute denken, es seien Stromkästen. Die werden von den Paketboten noch einmal mit derselben Menge Post beliefert, manchmal sieht man das, wie Briefträger nachtanken. Höchstens ein paar Promille der beförderten Briefe sind handgeschrieben, die größten Postmengen fallen an Donnerstagen an, montags kommt am wenigsten.
Schon damals war zu spüren, wie sich die Arbeitsbelastung stetig erhöhte, wegen der wachsenden Postmengen und weil die Touren immer größer zugeschnitten wurden. Im ersten Jahr konnte es passieren, dass wir am Montag um zehn schon wieder zu Hause waren. Fünf Jahre später dauerten selbst Montage bis 15 Uhr, da war natürlich der gute Stundenlohn futsch. Auch ist, wenn man nachmittags wieder ins Postamt kommt, die Arbeit keineswegs getan, denn dann kommt noch das Abschreiben. Das ist der Umgang mit den fehlgeleiteten Sendungen: umadressieren, zurückschicken, Benachrichtigungskarte mit neuer Anschrift.
Heutzutage sind die Post-Fahrräder Hightech-Geräte mit festen Plastikkästen vorne und hinten, mit Elektro-Hilfsmotor und mit Zusatz-Stützrädern, ohne die sofort alles umkippen würde. Die Karren sind Riesenkisten auf motorbetriebenen Rädern, und es gibt sogar Andock-Skateboards für die zugehörigen Postboten, wie an Kinderwagen für ältere Geschwister. Kein Wunder, dass bei solchen Riesenmengen die Post mancherorts erst um halb fünf kommt. Wir sind froh, dass wir das heutzutage nicht mehr machen müssen, wahrscheinlich kämen wir erst um Mitternacht wieder im Postamt an.
Drei Dinge haben wir dort fürs Leben gelernt: 1. Sinnlos, wütend zu werden, wenn jemand freundlich fragt: Na, haben Sie unterwegs noch schön Kaffee getrunken? 2. Am besten ist das Rätselraten darüber, was für Leute wohl hinter den Briefkästen und ihrer Post stecken. 3. Fremderleuts Postkarten lesen ist nicht immer interessant.