A.L. Kennedy im Hamburger Literaturhaus

Vor zwölf oder dreizehn Jahren haben wir A.L. Kennedy schon einmal lesen hören, in einer Buchhandlung im Glasgower West End, die nur deshalb so gedrängt voll erschien, weil sie so klein war. Ingesamt waren vielleicht zwanzig Leute gekommen, um sie aus einem Buch lesen zu hören, das ihr erstes oder zweites gewesen sein muss. An Inhalte können wir uns nicht mehr erinnern, nur an den Eindruck, den sie damals auf uns machte: Obwohl nur fünf Jahre älter ist als wir, erschien sie in ihrem schwarzen Anzug und den streng zurückgekämmten Haaren sehr viel erwachsener, ernsthaft, unnachgiebig und fest davon überzeugt, sie habe der Welt etwas zu sagen. Nicht arrogant, sondern einfach selbstsicher und unbeirrt.
Inzwischen ist sie bekannt genug, um den Großen Saal des Hamburger Literaturhauses mühelos zu füllen. Für die Zusammensetzung des Publikums – viele ältere Lesezirkel-Damen, wenig jüngere Leute – ist vielleicht die Gediegenheit des Ortes, vielleicht auch die Höhe des Eintritts verantwortlich. A.L. Kennedy jedenfalls wirkte hier ganz anders: Selbstbewusst und meinungsfreudig immer noch, gleichzeitig aber offen, locker, selbstironisch und zuweilen irre komisch (nicht zufällig tritt sie in Glasgow manchmal als Stand-up-Comedian auf).
Außerdem ist sie eine gute Vorleserin, was man beileibe nicht von allen Schriftstellern behaupten kann. Ihre Lesung war nuancenreicher als die des Schauspielers Marco Albrecht, der die deutsche Übersetzung (von Ingo Herzke, ebenfalls anwesend) las. Seine Lesung kannte vor allem einen Tonfall: militärisch. Natürlich passte der irgendwie zum Buch, denn Kennedys neuer Roman Day handelt von einem RAF-Bomberpiloten namens Alfred Day, und Schlachtbeschreibungen finden sich einige, das Bombardement Hamburgs im Sommer 1943 ist nur eine davon. Vor allem aber geht es um die Ängste und Traumata, die diese Figur im Zweiten Weltkrieg davonträgt, und um die Frage, ob sie sich hinterher daran erinnern soll oder besser nicht.
Ein deutscher Autor hätte so etwas nicht schreiben können, ohne in den Verdacht der Kriegsverherrlichung zu geraten – immerhin handelt das Buch auch von Kameradschaft, Männerfreundschaft, Familienersatz beim Militär. Als Frau in diese Männerdomäne einzudringen, ist ein weiterer Tabubruch, obwohl es eine Binse ist, dass man keineswegs dabei gewesen sein muss, um etwas adäquat beschreiben zu können. Auch gilt A.L. Kennedy mittlerweile als Spezialistin für die Männerpsyche, genauer: die Auswüchse fehlgeleiteter Männlichkeit.
Ausführlich berichtete sie über die typisch britische Gemengelage, die für sie auch ein Anlass war, dieses Buch zu schreiben: die weit verbreitete Begeisterung für Kriegsfilme, speziell für „tunnel movies“, in denen sich englische Kriegsgefangene mit Hilfe von Löffeln aus dem Lager graben, plus die Sexyness alles dessen, was mit dem Kampf gegen die Nazis zu tun hat. Und nicht zuletzt lässt sich natürlich mit einem Buch über den Krieg ein Kommentar zu allen gerade stattfindenden Kriegen abgeben.
Am spannendsten finden wir aber immer, was Autoren über das Schreiben erzählen. Auf die Frage (die Moderation hatte Julika Griem), warum sie einen „Du-Erzähler“ gewählt habe (so etwas gibt es nicht; jeder Erzähler ist strenggenommen ein Ich-Erzähler, der sich nur manchmal dazu entschließt, nicht Ich zu sagen, sondern von jemand anders in der dritten oder, wie in diesem Fall, von sich selbst in der zweiten Person zu erzählen), antwortete A.L. Kennedy: Sie habe in diesem Buch alles getan, wovon sie ihren Schreibschülern abrate, nicht im Präsens erzählen, nicht in der Ich-Form erzählen usw. Die Zeitkonstruktion der Geschichte habe es erfordert, diese Regeln zu brechen – wozu sie ehrlicherweise noch hinzufügte, dass sie die Form nicht am Reißbrett entworfen, sondern erst beim Schreiben gefunden habe. Da haben wir es wieder: Kunst hat immer mit Regelbrüchen zu tun, und um die Regeln brechen zu können, muss man sie kennen.
A.L. Kennedy verfügt übrigens auch über eine beachtenswerte Internetpräsenz, auf der sie beweist, dass Schriftsteller sehr wohl ein Mittel haben, sich gegen Kritiker und Porträtisten zu wehren – einfach zurückkommentieren.
Und hier hat sie mal einen sehr schönen Text über Sylt veröffentlicht: Nackt auf der Insel.

© Fotos: Kevin Low, Jonathan Cape


  1. Kleine Ergänzung für Hamburger: der Übersetzer Ingo Herzke liest am Sonntag, dem 30.09. bei Kaffee.Satz.Lesen nochmal aus dem Roman und erzählt ein bisschen was über seine Arbeit.

    Sonntag, 23. September 2007, 10:36 Uhr von isabo

  2. Ah, ja, genau. Danke für den Hinweis.

    Sonntag, 23. September 2007, 15:10 Uhr von Nicola

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