Bücherstöckchen
Freitag, 28. September 2007Auch ich habe das Gefühl, das schon zu kennen. Aber okay, weil Sie es sind, Frau Isabo. Und es macht ja auch immer Spaß, über Bücher zu schreiben.
Liest Du gerne?
Öh – ja.
Welches Genre?
Alles. Aus Weltfluchtgründen am liebsten Romane. Seltener Erzählungen, weil die vorbei sind, wenn man die Figuren gerade kennen gelernt hat. Bei Krankheit die alten Kinderbücher, die haben so was Tröstliches. Krimis müssen, um mich zu reizen, neben der Krimihandlung noch etwas sprachlich Besonderes haben – entweder sie sind auf Englisch oder von Wolf Haas. Literaturwissenschaftliche Fachbücher und alles, was über Uwe Johnson erscheint. Zu den Lieblings-Sachbüchern gehören ein paar Biografien, Wörterbücher und unbedingt der Reibert.
[Werbepause für den Reibert: Der Reibert ist das Handbuch für den deutschen Soldaten. Heer, Marine, Luftwaffe und enthält Sätze wie: „Bewegungen bei Dunkelheit werden wie folgt ausgeführt: Beim Gehen das Knie höher als sonst heben, Schwergewicht mit leicht zurückgebeugtem Oberkörper auf das rückwärtige Standbein verlagern.“ Eins der komischsten Bücher, die es gibt.]
Vorzugsweise im Winter die dicken 19.-Jahrhundert-Wälzer – George Eliot, die Brontës, Fontane, weiter zurück eher selten. Von drei deutschsprachigen Autoren kaufe ich unbesehen jedes neue Buch: Norbert Gstrein, Ingo Schulze, Antje Rávic Strubel. Ich lese aber auch zwanghaft Gebrauchsanweisungen, Texte auf Cornflakespackungen und was Leute an Hauswände schreiben.
Wie hieß dein letztes Buch?
Simon Borowiak, Wer Wem Wen. Eine Sommerbeichte.
Würdest du es weiterempfehlen?
Aber hallo. Ich zitiere mal ein bisschen, das empfiehlt sich dann selbst:
„Das Bad war so durchgängig besetzt, daß ich mich schließlich wieder ungewaschen und voll bekleidet ins Jugendbett legte. Hörte Türen und Holzboden, Knacken und Tapsen. Da draußen brachten vier Leute ihre Biografie zu Bett. Legten ihr Hirn aufs Kissen und stellten es auf stand-by. Überließen es der Nacht, die neuen Eindrücke und Gedanken zu sortieren. Ich stellte mir vor, daß sie die Augen schlossen, auf ihrer Stirn zeigte ein schwach erleuchtetes Display das Signal ‚Nachtstrom’, und sobald sie eingeschlafen waren, würden neuronale Heinzelmännchen damit beginnen, die Festplatte zu putzen, die Erlebnisse des Tages zu defragmentieren. Daten ablegen und abbuchen, auf Kompatibilität prüfen, mit Bekanntem abgleichen, Unbekanntes verschieben. Die Normalen in den Speicher, die Verstörenden in den Traum.“
Warum hast du dir genau dieses Buch zugelegt?
Der Name Borowiak steht für höchste sprachliche Qualität. Und ich bewundere sehr, wie komisch der über ernste und todtraurige Dinge schreiben kann. Nebenbei muss ich das Buch rezensieren. Natürlich werde ich es in den höchsten Tönen loben.
Welches war das miserabelste Buch, das du je in der Hand hattest?
Mittlerweile höre ich ja auf zu lesen, wenn ich mit einem Buch nicht warm werde und das Gefühl habe, das liegt am Buch und nicht an mir. Das letzte, was ich richtig doof fand und trotzdem zu Ende gelesen habe, war Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon. Das ist der Gipfel an Eitelkeit: Da schreibt jemand sei-ten-lan-ge philosophische Abhandlungen und erfindet sich dann eine Romanfigur, die diese Traktate hem-mungs-los bewundert. Also wirklich. Warum ich es trotzdem zu Ende gelesen habe? Weil mich die Passagen über Lissabon interessiert haben. Die philosophischen Abhandlungen habe ich geflissentlich überblättert. (So sehen übrigens auch Bibiotheksexemplare von Vom Winde verweht aus: Die Liebesgeschichte zerlesen bis zum Zerfall, die Seiten, die vom Krieg handeln, weiß und wie neu.)
Bist du ein Bücherquäler? Entsorgst du z.B. die Schutzumschläge, machst Eselsohren oder besudelst die Seiten?
Yep. Ich finde ja, es gereicht beiden – Büchern wie Lesern – zur Ehre, wenn die Lesetätigkeit sichtbare Spuren hinterlässt. Das Buch soll nicht vor mir geschützt, sondern von mir gelesen werden, deshalb rupfe ich als erstes den Schutzumschlag ab (nach dem Lesen kommt er dann aber wieder dran). Lesezeichen kann ich nicht leiden, also wird das Buch kopfüber abgelegt oder mit einem dezenten Eselsohr markiert. Was ich allerdings nicht mache: Schokoladenflecken und zynische Randbemerkungen mit Kugelschreiber.
Was machst du mit den Büchern, wenn du sie gelesen hast?
Sind sie gut, kommen sie ins Regal. Weiß ich noch nicht, ob ich sie wirklich behalten will, bleiben sie auf meinem Büchertisch liegen, der vermutlich demnächst unter der Last zusammenbrechen wird. Was ich loswerden will, gebe ich einer Freundin, die einen Freund hat, der Bücher für einen guten Zweck verkauft. Im Übrigen lese ich auch viele Bibliotheksbücher, die gebe ich dann beizeiten wieder ab. Gegen das elfte Gebot zu verstoßen (Du sollst keine Bücher wegschmeißen), käme mir nicht in den Sinn.
[Nachtrag: Zufällig habe ich gerade heute ein sehr schönes Buch von meiner Wunschliste geschenkt bekommen, Maters rückläufiges Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Da liest man Wortreihen und fragt sich, was die eigentlich miteinander zu schaffen haben, wie Roda Roda hier:
Es gibt Tiere, Kreise und gibt Ärzte
es gibt Tierärzte, Kreisärzte und Oberärzte
es gibt einen Tierkreis und einen Ärztekreis
es gibt auch einen Oberkreistierarzt
ein Oberkreistier aber gibt es nicht.
Danke, Mechthild, hat mich sehr gefreut!]
Wer das Stöckchen haben will – bitteschön.