Geeignet, tauglich, angebracht
Donnerstag, 20. September 2007Seit gestern umfassend und gratis im Netz: The New York Times.
All the news that’s fit to print.
Seit gestern umfassend und gratis im Netz: The New York Times.
All the news that’s fit to print.
Der PR-Chef des britischen Premierministers hat es auch nicht leicht. Aus dem Nahen Osten nur schlechte Nachrichten, besonders der verdammte Irakkrieg kommt partout nicht voran. Angehörige verschwundener Soldaten mobilisieren ihre Abgeordneten, die dann im Parlament unangenehme Fragen stellen. Die Medien berichten auch schon kritisch, die öffentliche Meinung kippt. Positive Meldungen müssen her, und zwar schnell.
Da kommt dem umtriebigen Kommunikations-Chef eine Superidee unter: Seine Exzellenz Scheich Muhammad ibn Zaidi bani Tihama, westlich orientierter jemenitscher Millionär und begeisterter Lachsfischer, plant die Ansiedlung Tausender schottischer Lachse in einem Wüsten-Wadi im Jemen, um seinen Landsleuten das Fliegenfischen näher zu bringen. Geld spielt keine Rolle, politische Einwände gibt es nicht, im Gegenteil. Leider sind die britischen Beamten, die dem Scheich dabei helfen könnten, zu blöd, um das Potential hinter dieser Idee zu erkennen – sie wenden doch tatsächlich ein, im Jemen sei es viel zu warm, das Wasser zu sauerstoffarm und die Weideplätze im Nordatlantik zu weit entfernt. Eine Schnapsidee, behaupten diese Idioten rundheraus.
Da üben wir mal ein wenig Druck auf die Fischereiabteilung des Umweltministeriums aus. Die müssten sich bloß ein bisschen Mühe geben, und schon sprängen dabei lauter positive Nachrichten über die Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und dem Nahen Osten heraus. Und ein schönes Foto vom Premier beim Lachsfischen im Jemen. Was, der kann gar nicht angeln? Dann bringt es ihm gefälligst bei. –
So ungefähr sieht das Geschehen in Paul Tordays Buch Lachsfischen im Jemen (original Salmon Fishing in the Yemen, übersetzt von Thomas Stegers) aus der Sicht von Peter Maxwell aus, dessen reales Vorbild unschwer auszumachen ist, ebenso wie das des Premierministers. Im Verlauf des Jemenlachs-Projekts passieren ein paar unerwartete Dinge, und sein Ende wird mit einem Unglück besiegelt, einem schrecklichen Unglück. Allerdings nicht für die beteiligten Lachse.
Eine fiese Politsatire, dieses Buch, typisch britisch womöglich, jedenfalls so absurd, dass man es für wahr zu halten geneigt ist. Zumindest aber für möglich. Und man lernt eine Menge über Fische.
Leseprobe hier.
1. Herr Jung, was der deutsche Verteidigungsminister ist, erklärte, er würde ein gekapertes Flugzeug, das für einen terroristischen Anschlag benutzt werden solle, auch gegen herrschendes Recht abschießen lassen. Warum, fragen wir uns da erstens, sollen wir da eigentlich noch Gesetze beachten. Und zweitens: Am Sonntag Nachmittag dachten wir einen Moment lang, genau diese Situation sei eingetreten. Dann waren es aber doch nur die Hamburg Airport Days mit Flugschau über dem Village of Os.
2. Herr Meisner, was der Kölner Kardinal ist, sagte schon am Freitag, dass, wo sich die Kunst vom Religiösen trenne, der Kultus im Ritualismus erstarre und die Kultur entarte, indem sie ihre Mitte verliere. Pfff, sagten wir da kurz belustigt und wandten uns flugs intelligenteren Menschen zu.
3. Verzweifelter Mann steht gestikulierend neben seinem Auto und ruft lauter und lauter die immer gleichen zwei Wörter: Da ziehen! Da ziehen! Drinnen das heulende Kind, das sich gerade selbst eingeschlossen hat, nur da ziehen müsste, um die Tür wieder aufzukriegen, aber nicht da ziehen kann, weil es lauter und lauter heulen muss. Tja. Wir haben das als Kind geschickter gemacht: Eltern auf den Balkon gesperrt und dann nicht mehr gewusst, wie die Tür wieder aufgeht – Eltern ebenfalls verzweifelt, Kind aber nicht unglücklich.
Gerade hat sich die Deutsche Post AG mit ihren Angestellten auf einen Mindestlohn von rund acht Euro geeinigt. Sechzehn Mark konnte man auch schon vor anderthalb Jahrzehnten als Briefträgerinnen-Aushilfe verdienen, plus Zuschläge für Überstunden (Telefonrechnungen, ADAC-Kataloge, Postwurfsendungen) und Latschengeld (extrem hoher Schuhsohlen-Verschleiß). Das war damals ganz gutes Geld für einen Ferienjob mit Fitnessfaktor.
Bei der Post arbeiten, das war eine der Ideen, die wir aus einem Jugendbuch hatten (eine der anderen war der super- ausdauernde Indianerlauf für Fälle, in denen das Kurzstrecken-Trampen nicht klappte, hundert Schritte laufen, hundert Schritte gehen). Sie war so gut, dass nach und nach der gesamte Freundeskreis auf den Geschmack kam. Allerdings stellte der sich geschickter an, verletzte sich massenweise im Dienst (Gehirnerschütterung wegen Kollision mit niedrighängenden Dachkonstruktionen, Fingerbruch beim Einführen von Briefen in zu enge Briefkastenschlitze usw.) und kassierte das Geld, ohne zu arbeiten. Wir hingegen gingen redlich vier oder fünf Jahre hintereinander in den Ferien dieser Arbeit nach, und das Geld war wohlverdient. Nur ganz selten trugen wir das T-Shirt auf links, weil wir morgens um halb fünf noch nicht wach genug waren, um beim Blick in den Spiegel etwas zu erkennen.
Die Arbeit beginnt je nach Postamt um fünf oder halb sechs, dann haben die Sortierer, die die Post nach Bezirken ordnen, schon fast Feierabend. Was die Briefträger, zu dem Zeitpunkt reduziert auf die Ziffer ihres Bezirks, bis halb neun oder neun tun, heißt stecken und ziehen – die Briefe nach Straßen und Hausnummern sortieren und sie hinterher säuberlich in der richtigen Reihenfolge in ihren Taschen verstauen. Das Sortieren geschieht in Spinden, mindestens hundert Jahre alt, in denen die Hausnummern durch eine Art Buchstütze voneinander abgetrennt sind. Tunlichst nicht übersehen sollte man: Nachsendeanträge, Lageraufträge und besondere Sendungen wie Einschreiben, Nachnahmen, Zustellungsurkunden.
Es gab zweierlei Gefährte für Postboten: Fahrräder für die, die überland reisen mussten, Karren für die städtischen (anderswo gibt es auch Autos, Mopeds, Boote und Loren). Die Fahrräder waren schon damals robust, sie hatten dicke Reifen, stabile Rahmen und vorne und hinten einen soliden Stahlkorb für die 30-Kilo-Taschen. Nach sechs Wochen Fahrrad-Post hatte sich der Oberschenkelumfang sichtbarlich vergrößert. Bei den Karren waren die Bremsen am wichtigsten, wenn die kaputt waren, hatte man ein Problem.
Man soll nicht glauben, dass zwei 30-Kilo-Taschen für eine Tour reichten, nein, da gibt es überall auf den Straßen diese unscheinbaren grauen Kästen, von denen die meisten Leute denken, es seien Stromkästen. Die werden von den Paketboten noch einmal mit derselben Menge Post beliefert, manchmal sieht man das, wie Briefträger nachtanken. Höchstens ein paar Promille der beförderten Briefe sind handgeschrieben, die größten Postmengen fallen an Donnerstagen an, montags kommt am wenigsten.
Schon damals war zu spüren, wie sich die Arbeitsbelastung stetig erhöhte, wegen der wachsenden Postmengen und weil die Touren immer größer zugeschnitten wurden. Im ersten Jahr konnte es passieren, dass wir am Montag um zehn schon wieder zu Hause waren. Fünf Jahre später dauerten selbst Montage bis 15 Uhr, da war natürlich der gute Stundenlohn futsch. Auch ist, wenn man nachmittags wieder ins Postamt kommt, die Arbeit keineswegs getan, denn dann kommt noch das Abschreiben. Das ist der Umgang mit den fehlgeleiteten Sendungen: umadressieren, zurückschicken, Benachrichtigungskarte mit neuer Anschrift.
Heutzutage sind die Post-Fahrräder Hightech-Geräte mit festen Plastikkästen vorne und hinten, mit Elektro-Hilfsmotor und mit Zusatz-Stützrädern, ohne die sofort alles umkippen würde. Die Karren sind Riesenkisten auf motorbetriebenen Rädern, und es gibt sogar Andock-Skateboards für die zugehörigen Postboten, wie an Kinderwagen für ältere Geschwister. Kein Wunder, dass bei solchen Riesenmengen die Post mancherorts erst um halb fünf kommt. Wir sind froh, dass wir das heutzutage nicht mehr machen müssen, wahrscheinlich kämen wir erst um Mitternacht wieder im Postamt an.
Drei Dinge haben wir dort fürs Leben gelernt: 1. Sinnlos, wütend zu werden, wenn jemand freundlich fragt: Na, haben Sie unterwegs noch schön Kaffee getrunken? 2. Am besten ist das Rätselraten darüber, was für Leute wohl hinter den Briefkästen und ihrer Post stecken. 3. Fremderleuts Postkarten lesen ist nicht immer interessant.
There was a young fellow called Dave
who kept a dead whore in a cave.
He said: I admit
I’m a bit of a shit,
but think of the money I save.
Der elfte September wird fürderhin nicht nur als Tante Lisbeths Geburtstag und als nine eleven im kollektiven Gedächtnis verankert sein, sondern seit gestern auch als Todestag des großen Jazzpianisten Joe „Strickmützchen“ Zawinul. Neben Mercy Mercy Mercy ist sein bekanntestes Stück Birdland, ein Standard seit Jahrzehnten, hier in einer Aufnahme mit Weather Report in der Stadthalle Offenbach im Jahr 1978. So wie das gefilmt ist, von oben nämlich, kann man sehr schön die verschiedenen Keyboards und Synthesizer sehen, die er da stehen hat. Trotzdem klingt es nach eigenhändigem, akustischen Jazz. R.I.P., Mr. Zawinul!
Superwörter sind Wörter, die etwas benennen, wofür man in jeder anderen Sprache mehr als ein Wort braucht. In ihrer Einmaligkeit geben sie Aufschluss über den Nationalcharakter des Volkes, in dessen Sprache sie vorkommen
Jeder kennt das Beispiel mit den Eskimos und ihren unzähligen Wörtern für Schnee – klar, ein Volk, das in ewig schneeiger Umgebung lebt, ist auf deren genauere Beschreibung angewiesen. Dass es im Japanischen diverse Wörter für unterschiedliche Arten der Verbeugung gibt, hätte man auch noch vermuten können, das entspricht dem Klischee der Japaner als höflichen Leuten. (Nicht so richtig dazu passt tsuji-giri, ein Wort aus Samurai-Zeiten, das bedeutet: „ein neues Schwert an einem zufällig Vorübergehenden ausprobieren“.) Aber wer hätte gedacht, dass es im Albanischen 27 Wörter für Schnurrbart gibt? Und noch einmal 27 für Augenbrauen? Albanien – das Land der variablen Gesichtsbehaarung, vom buschigen Macho-Schnauzer bis zur feingezupften Damenbraue.
Weitere Beispiele, die auf körperliche Besonderheiten schließen lassen, sind papakata (Maori der Cookinseln) – „jemand, bei dem ein Bein kürzer ist als das andere“, ngaobera (Pascuense, Osterinseln) – „eine leichte Halsentzündung, verursacht durch zu lautes Schreien“ und das russische anguschti za’id - „jemand mit sechs Fingern“.
Im brasilianischen Portugiesisch gibt es einen Begriff für die Gepflogenheit, eine lebendige Heuschrecke in einer Kiste mit frisch gefälschten Dokumenten einzuschließen und sie erst dann wieder freizulassen, wenn ihre Exkremente die Papiere überzeugend haben altern lassen (grilagem). Tingo in Pascuense bezeichnet die üble Praxis, so lange immer wieder Dinge aus dem Haushalt eines Freundes zu borgen, bis der nichts mehr übrig hat. Und das Indonesische kennt das Superwort desus; es benennt das sanfte Geräusch, das entsteht, wenn jemand leise vor sich hin furzt. Die Indonesier, ein Volk von Pupsern, wer hätte das gedacht.
Sehr schön ist auch das chinesische yuyin, das Wort für die Klangreste, die nach Verhallen eines Tons im Ohr des Zuhörers verbleiben – hier in Deutschland weiß man nicht mal, dass es so etwas überhaupt gibt.
A propos Deutschland. Deutsche Superwörter sind Zechpreller und Torschlusspanik. Was soll man dazu sagen.
[Quelle]