Ich war dabei, sprach die Farbe

Aus der Reihe Horte der Inbrunst und des Überflusses. Heute: Die Kunststätte Bossard. Bossard, das ist das Künstlerpaar Jutta und Johann Michael Bossard, das 1911 ein Grundstück bei Jesteburg in der Nordheide kaufte, 40 Kilometer südlich von Hamburg. Darauf bauten sich die Bossards ihr Traumhaus – eine backsteinerne Materialisierung des Konzepts „Wohnen im Gesamtkunstwerk“. Der Wunsch nach Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben ist eigentlich nie ganz unangemessen, war aber zur Zeit der Lebensreformbewegung besonders hip; andere Beispiele sind die Mathildenhöhe in Darmstadt oder die Künstlerkolonie Worpswede.
Das Modell der Bossards besteht aus einem Wohn- und Atelierhaus, dem Kunsttempel und einem großen Garten.


Links vorne Kunsttempel, Wohnhaus dahinter, Garten drumrum.

Der Kunsttempel, ein außergewöhnliches Exemplar expressionistischer Backsteinarchitektur, wurde ausdrücklich erbaut als Stätte der Andacht für durchreisende Wanderer. In den Worten Johann Bossards: „Den Heidewanderern, den sehnsüchtigen jungen Menschen der Großstadt, soll zum Naturgenuß der weiten Ebene und des hohen Himmels des Niederdeutschen Landes der Atem Gottes, wie er am reinsten und doch menschennahesten aus dem grossen, einheitlichen Kunstwerk quillt, eine schönheitliche Quelle, eine Stätte innerer Einkehr errichtet werden.“
Das mit der inneren Einkehr ist so eine Sache, denn das Ehepaar Bossard hat sich alle Mühe gegeben, jede freie Stelle zu bemalen, sogar die Fensterscheiben. Das lenkt ab und beeinträchtigt die Inbrunst der Andacht ganz erheblich.


Fensterscheibe, zum Durchgucken ungeeignet. Dafür guckt sie aber zurück.

Die Wände des Kunsttempels sind mit riesigen figürlichen Tableaus bedeckt, die sich thematisch mit dem Lebenskreislauf, den Gegensätzen von Werden und Vergehen und dem menschlichen Handeln und Wandeln beschäftigen.
Auch das Wohnhaus ist gestaltet bis zum unbedeutendsten Gebrauchsgegenstand: Zimmer, Möbelstücke, Türklinken, Teppiche, Fliesen, Geschirr – alles nach Entwürfen der Bossards.


Eingangsportal Wohnhaus. Nicht einfach nur eine Tür.

Die Wohn- und Arbeitsräume tragen Namen wie Gelbes Zimmer, Gondelchen, Erossaal, Edda-Saal oder Urgebraus und sind ebenso ganzkörperbemalt wie der Kunsttempel. Weil Johann Bossard im Alter zunehmend lichtempfindlich wurde, verwendete er bevorzugt dunkle Blau- und Rottöne, so dass das Ganze eine düstere Atmosphäre des Übervollen atmet. Im diffusen Licht wirken die Zimmer ein bisschen beklemmend und nicht gerade freundlich, freundlich formuliert.
Schließlich der Garten. Gärten lassen sich zwar nicht bemalen, aber man kann sie sehr schön mit Skulpturen vollstellen.


Skulpturen im Garten, schön ordentlich in einer Reihe.

Von der Größe her ist es eher ein Park, und auch die Natur ist sorgfältig gestaltet. Unter Vermeidung von Geraden und Blickachsen wechseln sich Kunst- und Nutzeinheiten ab, es gibt ausladende Rasenflächen, einen Teich und verschiedene Gartenlandschaften. Im unbedingten Willen zur Gestaltung bilden Draußen und Drinnen unverkennbar ein Ensemble, und wer weiß, vielleicht ist die Schummerigkeit des Hauses mit so einem Park drum herum ganz gut zu ertragen.
Johann Bossard, von dem auch das Ziffernblatt am Hamburger Börsenturm und der Figurenschmuck am Völkerkundemuseum stammen, starb 1950, Jutta Bossard 1996. Heute wird das Museum von der Stiftung Kunststätte Bossard betrieben. Ein Ort, an dem uns der Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts anweht – auch wenn der eigene Plan vom bewohnbaren Gesamtkunstwerk womöglich anders aussieht.


  1. Danke für den Bericht. Ich habe mal einen TV-Beitrag über den Ort gesehen, das klingt ziemlich interessant. Meine Zimmer tragen übrigens auch Namen, das ist eine tolle, aber weithin unterschätzte Tradition, aber auf “Eddasaal” bin ich nicht gekommen. (Bei mir: “Genforschung”, “Punktionsraum”, “Vibrationsalarm” usw.)

    Montag, 8. Oktober 2007, 14:02 Uhr von kid37

  2. Interessant ist es auf jeden Fall, auch wenn es hier ein bisschen albern rüberkommt.
    Der Edda-Saal heißt so, weil die Bossards eine Vorliebe für nordische Mythologie hatten. In Urgebraus wurden die Farbpigmente, Gipse und Bindemittel gelagert, und “wie bei der Weltenschöpfung aus der Urmasse die Welt entstand, so wurde aus der Materialmasse, dem Urgebraus, im Atelier das Kunstwerk geschaffen” - so sagt es die Erklärungstafel.
    Das mit der Benennung von Zimmern scheint mir doch eine Gutsherren-Tradition zu sein. Um auseinanderhalten zu können, was die Zahl zwölf übersteigt.

    Montag, 8. Oktober 2007, 22:38 Uhr von Nic

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