Archiv Freitag, 14. März 2008

Handgeschriebenes

Freitag, 14. März 2008

„Nun ist der große Tag am 8.III. gut u. erfreulich verlaufen. Die Vorbereitungen fingen am 28.II. an, d.h. der Frühjahrsputz hätte sowieso sein müssen. Also jede Menge Fenster putzen. Am 27.II. hatte ich schon die Rahmen i.d. unteren Hälfte gereinigt, nachmittags kam der Reinigungsdienst und brachte Stores und Wohnzimmergardine. Am nächsten Tag half mir noch Frau G., die Lampen im Wohnzimmer zu putzen und die Türen in allen Zimmern – es ist unglaublich, wie viel Dreck u. Staub sich in kurzer Zeit ansammelt. In diesem Haus ist es wirklich schlimm, was mir auch die Hausbewohner bestätigen.
Die Vorbereitungen für den 8.III. erstreckten sich auch auf einkaufen etc. Daß ich alles gut geplant hatte, bewies der 8.III. Ich war allerdings etwas nervös u. habe noch nicht alles geschafft, was ich mir vornahm bis die Gäste kamen, z. B. Kaffee gekocht, mich ordentlich angezogen etc. Frau B. half mir noch in der Küche. Sie hatte nur 1 Stunde Zeit, weil sie noch zu einer Festlichkeit eingeladen war.
Der Nachmittag verlief in einer aufgelockerten Atmosphäre. Herr G. war in Hochform. Er saß gegenüber von Herrn R. und erzählte frisch, fröhl. und ließ sich alles gut schmecken. Auch Frau G. war freundlich u. aufgeschloßen. Anscheinend hat es auch Ehepaar R. gefallen. Ich las eine kl. Geschichte von Heinz Erhardt vor: „Die polyglotte Katze“ (warum man eine fremde Sprache lernen sollte). Spaß hat auch gemacht, dass ich Herrn G. anführte, indem ich ihm Pizza u. Sauerkraut nebst Spiegelei ankündigte, was er sich scheinbar wünschte. Natürlich habe ich es nicht den Gästen vorgesetzt, sondern Tomaten mit Gemüsesalat, Radieschen, Gurken, Aufschnitt, Schinken u. Spargel, Schinken in Blätterteig, Käse, Brot u. Butter. Herr P. gab noch 1 1/2 Stunden zu. Er wollte schon um 18 Uhr aufbrechen u. alle blieben dann noch bis ca. 19:30 Uhr.
Alle brachten schöne Blumen: R.s Iris mit Feuerblumen, Frau G. einen Biedermeierstrauß mit 6 Rosen (1 gelbe), 5 Nelken u. eine gr. Blüte (orange), Frau B. eine Orchidee im Gesteck (kl. Töpfchen), schließl. Tischschmuck! Nett war es, wie sich das Ehepaar G. verabschiedete. Herr G. gab mir einen Kuß auf die rechte Wange (mußte sich als großer Mensch sehr bücken), seine Frau sah zu, umarmte mich dann anschließend und drückte mir einen Kuß auf die lk. Wange. Herr G. lief schnell die Treppe runter, während Frau G. noch ein Weilchen mit mir plauderte. Also war der Abschied ganz reizend, ich musste viel darüber lachen.“

Dieser Auszug entstammt den Tagebüchern von Ingeborg Schiefferdecker, die ich im Leben nicht kannte und von der ich nur weiß, dass sie regelmäßig zur Kirche ging, nie verheiratet war, in der Nähe von Hannover gewohnt hat und im letzten Jahr starb. Wie alt sie wurde, habe ich vergessen, aber es war eine Zahl zwischen neunzig und hundert. Weil sie außer einer ebenso alten, im Ruhrgebiet lebenden Zwillingsschwester keine Verwandten mehr hatte, erklärten sich Bekannte von ihr (und Freunde von mir) bereit, ihre Wohnung auszuräumen. Sie waren fest entschlossen, nur das zu behalten, was sie selbst gebrauchen konnten, und das war genau ein Sofa. Alles andere kam in den Müll.
Als ich zufällig mitbekam, dass ihren Tagebüchern eben jenes Schicksal drohte, meldete sich sofort jene blödsinnige Instanz in mir, die glaubt, das Wegwerfen von Geschriebenem, insbesondere Handgeschriebenem, sei Frevel. Und deshalb bin ich jetzt im Besitz von Ingeborg Schiefferdeckers gesammelten Tagebüchern von 1973 bis 2007, verfasst in schwer lesbarer Altfrauenschrift, vollgeschrieben mit Ereignissen, die niemanden interessieren außer Ingeborg Schiefferdecker selbst. Nicht mal blogbar ist das, weil es einfach keinen angeht. Nun steht demnächst ein Umzug an – eine gute Gelegenheit, um diesen zusätzlichen Karton loszuwerden. Aber ich kann ihn einfach nicht wegwerfen.
Also wollte ich mal fragen, ob vielleicht zufällig gerade jemand an einem Tagebuchprojekt arbeitet und die Tagebücher von Ingeborg Schiefferdecker gebrauchen kann. So eine Art Kempowski-Vorhaben, ein Echolot für die späteren Jahre, 70er, 80er, 90er – selbst wenn Sie noch nicht mit der Arbeit begonnen haben, wäre das doch eine gute Idee, oder? Kempowski ist tot, aber sein Plan lebt weiter! Sie müssen nur „hier“ rufen, und die Tagebücher sind Ihre. Kost’ nix, greifen Sie zu! (Alternativ könnten Sie auch bei mir vorbeikommen und den Karton wegwerfen, während ich ganz fest die Augen zukneife.)
Die obige Passage stammt übrigens aus dem Jahr 1980. Bei den Feuerblumen könnte ich mich verlesen haben. Und dass es nicht der Weltfrauentag war, den Ingeborg Schiefferdecker am 8. März feierte - man kann es sich denken.