Fremde Feder

All-Time-Favourite – ein Text von Henry Glass, erschienen 1993 im Spiegel, lange verschollen, jetzt plötzlich wieder aufgetaucht, in einer Schublade, wo er nie und nimmer hätte sein sollen. Glanzvolle Niederlagen ist der Titel des Porträts eines britischen Rennpferdes namens Amrullah, eines Wallachs von edelstem Geblüt, der die Niederlage zur Kunstform erhob, weil er eine klare Antwort hatte auf die zwischen ihm und seinem Besitzer Mr. Thorn strittige Frage, „ob ein Pferd dazu verpflichtet sei, an Pferderennen teilzunehmen und vielleicht sogar eines zu gewinnen“: Nein.
Ein Meisterstück sportjournalistischer Hochkomik – hier ein paar Auszüge:

Amrullahs diesbezügliche Verweigerung hatte, vor allem wenn es um den Sieg ging, die Großartigkeit des Unbedingten: Obgleich zum Champion geboren, ging er niemals als Sieger durchs Ziel: selbst wenn er schon mit zehn Längen führte, wie vor drei Jahren in Ascot, fand er immer noch eine Möglichkeit, die Verfolger vorbeiziehen zu lassen. Damals entschied er sich dafür, auf den letzten 100 Metern nicht geradeaus, sondern direkt auf die Tribüne zuzulaufen. […]

Von seinen 74 Rennen gewann Amrullah kein einziges. Einige Male ging der Wallach, eher durch Zufall denn mit Anstrengung, als Zweiter durchs Ziel. Einmal wurde er Dritter, bei einem Telnehmerfeld von drei Pferden. Öfters kam er zwar als Erster an, aber ohne seinen Jockei; oder er behielt den Reiter zwar obenauf, nahm aber, die Regeln der Rennbahn nach Gutdünken interpretierend, eine Abkürzung quer über den Rasen. […]

Von Jugend an gab es für Amrullah keinen Zweifel: Diese Welt, die gewohnt ist, nach Zwecken und Ergebnissen zu fragen, war nicht die seine. Mit einer Konsequenz und Überzeugung, vor der sich kein Respekt tief genug zu beugen vermag, verweigerte er sich den Zumutungen des Rennbetriebes – eher hätte man mit einem Porschefahrer über Tempo 100 diskutieren können als mit ihm über das Ansinnen, schneller zu laufen, als er für angemessen hielt. […] Mit dieser sympathischen Einstellung trieb der edelstem Renngeblüt entstammende Amrullah alle in Verzweiflung, die mit ihm zu tun hatten: den Scheich, der ihn als Einjährigen für 94000 Pfund gekauft hatte, ebenso wie seine Trainer, die sich nicht anders zu helfen wussten als das regungsfaule Tier mit dem Geländewagen über die Felder zu scheuchen.

Und überhaupt: Wie der Gaul schon aussah! Die Mähne, fransig und voller Wirbel, mutete an wie mit einem Schneebesen frisiert. Sein Gang wirkte träge, in seinen Augen – sie hatten die Farbe von irischem Whiskey – wohnte Schlaf. „Wenn er ein Mensch wäre, würde er den ganzen Tag im Bett verbringen“, sagt Mr. Thorn, der diesen Oblomow unter den Pferden im Jahre 1983 für 4700 Pfund erwarb.

Als erstes, wohl um die Rangordnung klarzustellen, brach Amrullah seinem neuen Trainer die Rippen und dessen Frau den Arm. Dann stürzte er sich, um nur der blöden Rennerei zu entgehen, während einer Strandgaloppade ins Meer und paddelte gen Westen, Richtung Amerika. Amrullah war schon anderthalb Seemeilen von der Küste entfernt, als ihn ein Fischersmann ins Schlepptau nahm. […]

„Gewiss, die Zeit mit ihm war nervenaufreibend“, sagte Mr. Thorn während der großen Parade, mit der Britanniens Rennsportgemeinde Amrullah ins Gnadenbrot verabschiedete. „Aber irgendwie war er doch ein Gentleman.“

© Henry Glass, Der Spiegel

Hier kann man sehen, wie Amrullah - der mit dem orangefarbenen Jockey auf dem Rücken - Dritter von drei Teilnehmern wurde. Ist ziemlich langweilig, denn in diesem Rennen wirft er niemanden ab und verhält sich auch sonst nicht regelwidrig. Er ist ganz einfach nur der Langsamste.

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