Archiv März 2008

Todlangweilig: Erörterung

Sonntag, 9. März 2008

Thema: Auch Schweine haben einen Bildungsanspruch – Was bringt Deutschunterricht für heranwachsende Ferkel? Erörtere.

Einleitung
Das gemeine Hausschwein ist eine bedauernswerte Kreatur. Es fristet sein Dasein in dunklen Ställen, zusammengepfercht mit Hunderten Artgenossen, mit nichts anderem beschäftigt als zu fressen und zu schlafen, bis es groß genug ist, um geschlachtet und zu Steaks verarbeitet zu werden.
Fressen und gefressen werden – das Schicksal meint es nicht gut mit dem deutschen Hausschwein. Grund genug für Deutschlands Schweinelobby, auf Abhilfe zu sinnen. Unter dem kämpferischen Motto „Auch Schweine haben einen Bildungsanspruch“ debattiert sie zurzeit auf ihrer Jahrestagung in Hermannsburg in der Südheide über die Chancen und Risiken, die eine bildungsbedingte Verbesserung der Lebensbedingungen von Nutztieren mit sich bringt. Besonders umstritten ist die Frage, ob Ferkeln ab einem Alter von dreieinhalb Wochen künftig der Zugang zur deutschen Sprache ermöglicht werden sollte.
„Deutschunterricht für heranwachsende Ferkel – eine überfällige Maßnahme, von der alle profitieren“, meinen die Befürworter. „Nichts überflüssiger als das“, höhnen die Gegner. Wer hat die überzeugenderen Argumente?

Hauptteil 1 (contra)
Fragt man die Befürworter des Deutschunterrichts für Ferkel, wie der Mensch vom Bildungsanspruch der Schweine profitiert, so bekommt man mit Sicherheit eine Antwort, in der das Wort „Bildungsfleisch“ vorkommt. Die Fleischqualität steige, so das Argument, mit jedem deutschen Wort, das ein Ferkel lerne. Besonders Schweinehirn zeichne sich künftig durch exquisite Qualität aus, denn das Gehirn werde schließlich durch die Maßnahme am meisten beansprucht. Zwischen Bildungsfleisch und gewöhnlichem ungeschultem Fleisch bestehe ein deutlicher Unterschied. Die Bedeutung deutschen Schweinefleisches auf dem Weltmarkt werde sich merklich steigern – eine Chance zur Steigerung des Bruttosozialproduktes, die Deutschland sich keinesfalls entgehen lassen solle.
Zudem seien Schweine, entgegen der landläufigen Auffassung, sehr intelligente Tiere, denen das Lernen sehr viel leichter falle als zum Beispiel Schimpansen, Papageien oder Elefanten. Anstatt kostbare Zeit damit zu vergeuden, letzteren nutzlose Zirkuskunststückchen beizubringen, solle man sich lieber Tieren widmen, die die Bemühungen mit echten Fortschritten zu belohnen wüssten.
Darüber hinaus profitiere der Mensch nicht nur durch erhöhte Fleischqualität, sondern auch durch die Zufriedenheit der Tiere während der Aufzucht. Während der Begriff „glückliche Hühner“ in aller Munde sei, bedenke niemand, dass glückliche Schweine in ihren Ställen nicht mehr grundlos grunzen müssten, sondern sich beispielsweise die Zeit mit Zeitunglesen vertreiben oder sogar den Bauernkindern bei den Hausaufgaben helfen könnten. „Ist das Tier glücklich, freut sich der Mensch“ – diese Feststellung müsse endlich auch auf das Hausschwein übertragen werden, so die Befürworter der Ferkelbildung.
Schließlich habe der Bauer mit gebildeten Schweinen deutlich weniger Arbeit. Eine kürzlich durchgeführte Studie der Universität Celle belege, dass Ferkel, die in den Genuss von nur elf Deutschstunden gekommen seien, sich offenbar weniger oft im Dreck wälzen als ungeschulte Altersgenossen. Das lästige Säubern der Ställe wie auch der Tiere selbst sei demzufolge nicht mehr so häufig nötig, der Bauer habe mehr Freizeit, er sei zufriedener, ausgeglichener und schlage seine Kinder seltener.

Hauptteil 2 (pro)
Die Gegner des tierischen Bildungsanspruchs sehen die Problematik naturgemäß ganz anders. Der einzige Lebenszweck von Schweinen, so argumentieren sie, ist es, zu fressen und zu wachsen. Es widerspreche dem Sinn des Lebens eines gewöhnlichen Ferkels, etwas so Überflüssiges zu tun wie Deutsch zu lernen.
Ein wichtiges Argument sind auch die Mehrkosten, die durch die Beschulung des Hausschweins entstünden. Zunächst einmal gibt es bislang noch kein einziges Lehrbuch, das auf die Lebenswelt von Ferkeln zugeschnitten ist. Es gibt keine Schweinedidaktik, keine Materialien, keine pädagogische Ausbildung, die zum Unterrichten von Ferkeln befähigt. Es noch nicht einmal Konzepte zur Umgestaltung von Schweineställen in helle, angenehme, das Lernklima fördernde Unterrichtsräume.
Abgesehen von der jahrelangen Arbeit, die in der Umsetzung solcher Vorhaben steckt, ist auch die finanzielle Frage nicht zu unterschätzen: Tausende von Neulehrern müssten eingestellt werden. Wer bezahlt die? Den notorisch geldknappen Landwirten kann man solch immense Kosten nicht zumuten. Letztendlich bezahlen wir alle, die Steuerzahler. Die Kosten für Schweinefleisch würden sich mindestens verdoppeln, wenn nicht verdreifachen. Umsatzeinbußen wären die Folge; teures Schweinefleisch würde zum Ladenhüter. Das kann niemand wollen!
Darüber hinaus ist das oben erwähnte „Bildungsfleisch“-Argument nur ein Scheinargument. Studien haben belegt, dass die Qualitätsverbesserung des Fleisches durch Ferkelunterricht allenfalls messbar ist, nicht aber schmeckbar. Anders als bei der Qualitätssteigerung von Eiern und Fleisch bei glücklichen Hühnern kann also der Endverbraucher gar nicht überprüfen, ob er einen Braten aus „Bildungsfleisch“ verzehrt oder nicht. Weshalb sollte er dann mehr Geld dafür ausgeben?
Schließlich sei an den „Farm der Tiere“-Effekt erinnert, den wir aus George Orwells berühmtem Roman kennen: Gebildete Schweine wären nicht mehr bereit, sich mit engen, dreckigen Ställen zufrieden zu geben. Sie würden sich organisieren, eine Rebellion anzetteln, der Mensch in seiner Existenz als Nutztierhalter und Schweinefleischesser wäre bedroht. Vor einem drohenden Krieg der Schweine gegen die Menschen können Realisten die Augen nicht verschließen.
Überflüssig zu erwähnen, dass es in einem solchen Fall überhaupt kein Schweinefleisch mehr zu essen gäbe. Eine der herausragendsten Errungenschaften der Zivilisation wäre damit abgeschafft. Die Menschheit hätte einen großen Schritt zurück getan.

Schluss
Die Gegenüberstellung der Argumente zeigt deutlich: Wer Deutschunterricht für Ferkel befürwortet, gefährdet den zivilisatorischen Fortschritt. Die Gefahren der Schweinebildung sind ungleich höher als ihre Chancen; von der verantwortungslosen Vergeudung finanzieller und anderer Ressourcen gar nicht zu reden. Die Politik kann, ungeachtet der Forderungen der deutschen Schweinelobby, vor dieser Tatsache nicht die Augen verschließen. Hoffen wir, dass sie entsprechend handelt!

Sturm im Wasserglas

Montag, 3. März 2008

Eine Orkanin namens Emma brauste am vergangenen Wochenende übers Land, zerrte an den Zweigen der Birke auf der anderen Straßenseite und ließ die Straßenlaterne vor dem Fenster beharrlich mit dem Kopf schütteln: nein nein nein. Onkel Arnold wurde gesichtet, wie er auf seinem Fahrrad unerschrocken dem Sturm trotzte – das wäre ja gelacht, sich von dem bisschen Wind unterkriegen zu lassen, mag er sich gedacht haben. Später heulten auf der Hauptstraße minutenlang Polizeisirenen; wir wollen hoffen, das hatte mit Onkel Arnold nichts zu tun.
Emma war womöglich auch der Grund dafür, dass die Vermietersfamilie inklusive sämtlicher ununterscheidbarer Söhne erst gegen Mittag zur sonnabendlichen Hausrenovierung antrat anstatt wie sonst um halb zehn morgens. Und dass sie bis abends nichts gefunden hatte, was sich in ordentlicher Lautstärke beklopfen ließ, so dass wir lediglich dezentem Bohren und Schleifen zuhörten. Ein friedlicher Sonnabend, der uns jäh ins nachmittägliche Pädagogenkoma fallen ließ, obwohl es dafür am Wochenende ja nun wahrlich keinen Grund gibt.
Nachts beschlossen wir, das Haus ab sofort nur noch in gelber Warnweste zu verlassen, um von einer vom rechten Weg abgekommenen und unerwartet mit hoher Geschwindigkeit sich nähernden U-Bahn rechtzeitig bemerkt zu werden. Der Traum wurde uns ausgelegt als Verlangen nach einer Großstadt mit unterirdischem Verkehrssystem. Daran mag etwas Wahres sein. In der U-Bahn nämlich wäre so eine Emma allenfalls ein Sturm im Wasserglas gewesen.