Schießgebiet
Am liebsten hätte die NATO ihren Truppenübungsplatz in der Heide zwischen Bergen und Fallingbostel ganz für sich alleine, aber leider liegt mitten darauf ein bedeutendes Kulturdenkmal: Die Sieben Steinhäuser sind fünf jungsteinzeitliche Großsteingräber, errichtet in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Beginn unserer Zeitrechnung „von den Menschen der Trichterbecherkultur“, wie uns das Merkblatt mit dem Titel Archäologische Denkmalspflege im Landkreis Soltau-Fallingbostel belehrt. „Schon damals“, fährt es etwas gönnerhaft fort, „gab es begabte Baumeister“, denn es war „sicher nicht leicht, die passenden Ständer- und Decksteine zu finden, geschweige denn, sie mittels Hebeln und Rollen zu transportieren und vor Ort aufzubauen“.
In der Tat steigert der Anblick der wuchtigen Deckplatten auf den Randsteinen sofort unsere Bewunderung für die Menschen der Trichterbecherkultur, von denen wir bislang glaubten, sie beherrschten lediglich die Kunst der Trichterbecherherstellung. Weit gefehlt: Beispielsweise wurden alle Fugen zwischen den großen Steinen (schärft uns besagtes Merkblatt mit mahnendem Unterton ein) „in einer passgenauen Technik verschlossen, welche der heutige Steinmetz nicht mehr beherrscht“! Zur Diskrepanz zwischen der Anzahl der Gräber (5) und ihrer Bezeichnung (7 Steinhäuser) vermerkt es übrigens mit lapidar-plausibler Logik, die „Siebensachen“ des Volksmundes bestünden ja auch nicht aus genau sieben Gegenständen.
Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor den Menschen der Trichterbecherkultur.
Dass der Truppenübungsplatz rund um die Sieben Steinhäuser angesiedelt ist, war lange ein heikles Thema, zum Beispiel waren noch bis vor kurzem Granateinschläge im unmittelbaren Gräberbereich zu verzeichnen – ein Unding, bedenkt man die Mühe, die die Menschen der Trichterbecherkultur mit dem Herbeischleppen der Steine hatten. Dank der guten Zusammenarbeit von Kommandantur und Landkreis hat man dieses Problem nun aber zum Wohle der Großsteingräber gelöst, indem die Soldaten sich nunmehr aufrichtig bemühen, in der Nähe der Steine keine Granaten mehr zu zünden.
Damit allerdings der Heidetourist diese Meisterwerke prähistorischer Baukunst überhaupt bewundern kann, ist Kommandant Oberst Meyer gezwungen, seinen Truppenübungsplatz zeitweise öffentlich zugänglich zu machen. Aus diesem Grund öffnet er an jedem Wochenende (und evt. an Feiertagen – Hinweise beachten!) genau eine Straße, nämlich die von Westen auf die Sieben Steinhäuser hinführende, für die zivile Öffentlichkeit. Kommt man mit dem Fahrrad aus Richtung Osten und glaubt, so eng sähen die das schon nicht, das wäre ja gelacht, wenn wir da nicht trotzdem durchkämen, dann sieht man sich jäh einem grimmigen Wachtposten gegenüber, der einem die Durchfahrt rundweg verweigert. Er wisse ja, dass das einen Umweg von 40 Kilometern bedeute, aber so sei das nun mal. So wird aus einer 40-Kilometer-Feiertags-Radtour ganz plötzlich eine Etappe von 80 Kilometern.
Egal, wir brennen ohnehin auf Bewegung an der frischen Luft und die milde Frühlingssonne schenkt uns ungeahnte Energie. Auf der Westseite des Truppenübungsplatzes anderthalb Stunden später wartet ebenfalls ein Wachtposten, der uns, nicht minder grimmig, das oben erwähnte Merkblatt überreicht, bevor er widerwillig seine Schranke für uns öffnet. Beigefügt ist ein Schreiben des Kommandanten Oberst Meyer, das uns noch einmal auf die Gefahren der Überquerung des Trübpl aufmerksam macht. „Damit Sie die Sieben Steinhäuser in guter Erinnerung behalten“, heißt es dort säbelrasselnd, „ist folgendes unbedingt zu beachten“. Folgt eine Aufzählung der Dinge, die verboten sind – die befestigte Straße zu verlassen, schneller als 50 km/h zu fahren, nicht auf die Querung gepanzerter und ungepanzerter getarnter Fahrzeuge gefasst zu sein – nebst einer achtunggebietenden Warnung: „Abseits der für die Besuchstage extra geräumten Straße ist – für Sie nicht erkennbar – mit gefährlichen Blindgängern zu rechnen, die bereits bei Annäherung oder leichten Erschütterungen explodieren können!“
Picknick nur innerhalb der Umzäunung.
Kleinlaut befolgen wir die Hinweise des Kommandanten, essen unser Picknick innerhalb der Umzäunung und somit außerhalb des Schießgebietes auf und beschweren uns nur ganz leise über die Unmengen an Mücken, die Oberst Meyer auf seinem Tuppenübungsplatz unbehelligt ihr Unwesen treiben lässt.