Village of Os
So, das wars gewesen mit uns. Wir konnten dich nie leiden, nicht einen Moment in den zwei Jahren, die wir dich, halb freiwillig nur, bewohnten. Hamburg ist ohnehin nicht unsere allerliebste Lieblingsstadt, aber anstelle eines Basislagers in Hamburg-Osdorf errichten wir jetzt doch lieber eine fragwürdige Großstadtmenschen-Existenz in einem Heidedorf. Immerhin hast du uns Stoff genug geliefert, um das Internetz über dich vollzuschreiben – oft mit zynischer Begeisterung, zugegeben.
Ein letztes Mal noch hast du dich am vergangenen Wochenende von deiner ersprießlichsten Seite gezeigt und uns ein ultimatives Treffen mit Frau Müller im Treppenhaus gewährt. Die Lüneburger Heide, rief die aus, die kenne sie gut, das sei ja eine so schöne Landschaft. Hier dagegen, im Village of Os, werde alles immer schlimmer und schlimmer. Sie wohne jetzt seit 31 Jahren hier – bewundernder Blick unsererseits – und früher habe man seine Einkäufe problemlos von mittags bis abends bei geöffneter Tür im Hausflur stehen lassen können – warum sollte das denn bloß nötig gewesen sein, denken wir erstaunt – während man ihr erst kürzlich zwei Pflanzen mit Übertöpfen von ihrem Treppenabsatz gestohlen habe – um die war es nicht schade, denken wir gehässig – und überhaupt, diese Leute. Was in diesem Haus schon ein- und ausgezogen wurde, sie selbst wohne schon seit 31 Jahren hier – das ist richtig, denken wir lehrerhaft, als wir einzogen, waren es 29 – und der nächste sei der Herr im dritten Stock rechts mit 25 Jahren – oh Gott, 25 Jahre mit Frau Müller im selben Haus, denken wir erschüttert –, und sie habe ja nichts dagegen, wenn man mal Musik höre, aber was die Leute im ersten Stock sich im Moment leisteten – oh nein, nicht das schon wieder, denken wir gereizt – das gehe ja gar nicht, auch den kleinsten Kindern könne man Benehmen beibringen, das wisse sie aus eigener Erfahrung, und irgendwann müssten sie ja sowieso lernen, dass sie nicht einfach so rumschreien könnten. Und dann hätten da ja mal diese Türken (Türken!) gewohnt, die immer so komischen Kaffee getrunken hätten – Kaffee türkisch, das wärs jetzt, denken wir zerstreut, heiß, stark und schön süß, obschon wir gar keinen süßen Kaffee mögen – und mit dem Kaffeesatz immer durchs gesamte Treppenhaus zur Mülltonne, tropf tropf tropf, nein, es war furchtbar – furchtbar, pflichten wir mitfühlend bei.
Das geht noch eine Weile so weiter und gipfelt in dem Fazit: Ich, Frau Müller, bin die letzte, die sich beschwert, aber was genug ist, ist genug – Genug ist nie genug heißt ein geschätztes Lied von Konstantin Wecker, denken wir unvermittelt. Wir sind zu feige, Frau Müller an dieser Stelle zu widersprechen, und begnügen uns damit, dieses Fazit mitzunehmen als letzten Gruß aus dem Village of Os. Wie froh wir sind, denken wir befreit, mit all diesem Zeug nichts mehr zu tun haben zu müssen. Dass die gesamte Existenzgrundlage dieses Blogs wegfällt, dass es zumindest umbenannt und seine Gründungsgeschichte ergänzt werden müsste – damit beschäftigen wir uns in den großen Ferien. Arbeitshypothese bis dahin: Blogs leben von den Personen, die sie befüllen, nicht so sehr von den Orten, über die sie handeln.
Beim Kistentragen hören wir im Rhythmus der Schritte auf den Treppenstufen ungebeten und quälend eindrücklich Billy Joels For the longest Time immer und immer wieder – Schachspieler kennen das Phänomen – und fragen uns, wie wir eigentlich die Textzeile …it’s more than I hoped for… interpretieren sollen.
Leb wohl, Village of Os. Auf Nimmerwiedersehen.
dem ist uneingeschränkt beizupflichten
Montag, 26. Mai 2008, 10:27 Uhr von andeledoch - warum den namen ändern? ist die wiesenraute nicht ein gar achtbares wesen?
Montag, 26. Mai 2008, 23:39 Uhr von andeleso ist z.b. - wie wikipedia weiß - die “gelbe Wiesenraute (Thalictrum flavum) eine Pflanzenart, die zur Unterfamilie der Isopyroideaeden innerhalb der Familie der Hahnenfußgewächse” gehört. wohingegen die “akeleiblättrige Wiesenraute eine mehrjährige krautige Pflanze ist, die Wuchshöhen von bis zu 150 Zentimetern erreicht”. Wer hätte das gedacht?
die wiesenraute, eine pflanze klein oder groß, die hier oder dort existieren kann. sozusagen ein überlebensgenie. in der stadt (auf dem balkon allerdings weniger) oder auf dem land. sei es auch auf der heide. hüten muss sie sich nur vor den heidschnucken. aber das ist wohl ein anderes thema.
Wie, weg. Einfach so, ohne was zu sagen. Echt.
Dienstag, 27. Mai 2008, 8:03 Uhr von isaboJa, na ja. Ich war ja schon die ganze Zeit nicht mehr da.
Mittwoch, 28. Mai 2008, 9:38 Uhr von nicwestTraurig ist natürlich, dass es hier keinen einzigen Minigolfplatz gibt. Nicht einen.