Entlassung

Der Jahrgang war verhasst. Er galt als leistungsschwach, beschränkt und eingebildet. Die Kollegin, deren Chor für die musikalische Umrahmung zuständig war, dachte wochenlang über geeignete Titel nach, Hit the Road, Jack erschien ihr letztlich aber doch zu schonungslos. Also sang der Chor Jetzt ist Sommer: „Egal, ob man schwitzt oder friert – Sommer ist, was in deinem Kopf passiert. Sommer ist, wenn man trotzdem lacht.“ Draußen gingen kühle Schauer nieder, im Saal zog man rasch alles aus, was die Schicklichkeit erlaubte. Fenster und Türen blieben geschlossen.
Dann kamen die Reden. Frau OStD’, Herr StD, Schulelternrat, Schülerrat, eine Goldene Abiturientin, ein Silberner Abiturient, der Abiturjahrgang selbst. Die „Abiturkinder“, als die sie in der Vorstellung von Fünftklässlern amtieren, erinnerten sich zurück an ihre Schulzeit: Die Fahrt nach Rom, die Fahrt nach Prag, die zehn Tage Saufen in Spanien nach den mündlichen Prüfungen. Der mit dem schlechtesten Abitur wurde eigens gewürdigt. Danken wollen wir: der Betreiberin des Schulkiosks, der Sekretärin, dem Hausmeister, dem Medienbeauftragten. Und den Lehrern, die geholfen haben in den Fällen, in denen es in letzter Minute knapp wurde – diejenigen, die gemeint seien, wüssten schon Bescheid. Dann spielten die Blechbläser Rule Britannia.
Der größte Teil der Kollegen verzichtete auf den Empfang, den der Schulverein im Anschluss an die Veranstaltung ausrichtete. Der andere Teil ging, nachdem der erste Hunger gestillt war. Für den Abiball am selben Abend waren im Kollegium zwei Karten verkauft worden. Die Abiturkinder werden sich fragen, was sie wohl falsch gemacht haben.


  1. Ja, ich erinnere mich: Ich war dabei - beim nicht zum Abiball gehen. War schön!

    Freitag, 23. April 2010, 14:10 Uhr von missmaple

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