Berlin AB
Die Fahrkartenautomaten können wir noch bedienen. Berlin AB, zack zack, das flutscht, auch wenn die S-Bahn schon einfährt. Erinnerung verklärt. Die Dinge, die wir an Berlin gehasst haben, fallen uns jetzt auf einmal wieder ein, zum Beispiel die Goldene Regel für das Gehen durch Berlin: Schau vor dich auf den Boden, sonst wirst du stinken.
Berlin hat sich klammheimlich einen neuen S-Bahnhof zugelegt, Julius-Leber-Brücke. Der verkürzt den Weg zu U. ganz erheblich und erspart uns nächtliche Gänge durch die gruselige Torgauer Straße. Allerdings muss der Stadtplan schon wieder ersetzt werden – aber das war in den 90er Jahren schlimmer, als U-Bahnhöfe im Wochentakt umbenannt wurden: Rathaus Friedrichshain, Petersburger Straße, Frankfurter Tor.
Der Stützpunkt Tempelhof liegt strategisch günstig für Besuche bei C., die um die Ecke wohnt. Über Tempelhof haben wir stets die Nase gerümpft, jetzt staunen wir über die großstädtische Weitläufigkeit des Bezirks. Beim Radfahren müssen wir höllisch aufpassen und gucken dreimal in jede Richtung, aus Angst, jemanden übersehen zu haben. Auf dem IKEA-Parkplatz sind Radfahrer ganz und gar unerwünscht.
Am Samstag gehen wir frühstücken im Prenzlauer Berg: Guten Morgen, liebe alle Leute. Das letzte Mal haben sie dort Touristen in Pferdefuhrwerken herumgefahren – guck mal, da sitzen die Berliner am hellerlichten Tag mitten in der Woche in der Kneipe, müssen die nicht arbeiten oder was. Die Pferde wohnten damals in der Schliemannstraße, aber es gibt sie nicht mehr, die Geschäftsidee hat sich nicht rentiert oder vielleicht haben sich die Einheimischen beschwert über die Pferdeäpfel oder die glotzenden Touristen oder beides. G.s Haus kann man neuerdings nur betreten, wenn man den Türcode kennt. Der lautet 1111F und steht gut sichtbar für jeden über dem Feld mit den Tasten. Auf der Straße treffen wir E., mit der wir vor Jahren einmal ein Praktikum gemacht haben. In Berlin zufällig einen Bekannten auf der Straße zu treffen, ist so unwahrscheinlich wie nur was, aber wir wundern uns kein bisschen. Erinnerst du dich an den verrückten Vogel, der vor dem Fenster der Redaktion so dermaßen einfallsreiche Gesänge angestimmt hat, dass wir manchmal laut loslachen mussten? Na klar.
Durch den Redaktionsgarten draußen am Wannsee lief zuweilen auch ein Fuchs, vielleicht waren wir deshalb überhaupt nicht überrascht, als wir heute einen Fuchs vor dem Südbahnhof sahen. Er überquerte gemächlich den Marlene-Dietrich-Platz Hildegard-Knef-Platz und hielt sich an keine Verkehrsregel.
Und die vielen Menschen auf der Straße. In einer halben Stunde sehen wir mehr interessante Leute als zu Hause in einer Woche (The Corrections, „nifty boots“, und wir reden hier nicht über den Unterschied zwischen Philadelphia und New York). Man kann herumlaufen wie man will. Niemand hält einen für freakiger als die anderen (das ist ein Satz, den man missverstehen kann). Beim S-Bahn-Fahren ertappen wir uns dabei, wie wir den S-Bahnhof Ostkreuz verträumt anlächeln, obgleich er sich ziemlich verändert hat in letzter Zeit.
Es ist echte Liebe.