Nachts um drei
Sonntag, 31. August 2008Prediger predigen, Boykotteure boykottieren, wir treffen eine Entscheidung. Es ging um eine Kerze, die wir vor Jahren geschenkt bekommen und noch nie angezündet haben. Eine große Kerze, eine besondere Kerze, mit einer Metalleinfassung oben, umhüllt von einem Pappmantel. Auf der Pappe steht ein literarisches Zitat – deshalb befand man wohl, es sei ein passendes Geschenk für uns – und angezündet leuchtet diese Kerze von innen und bringt den Text besonders schön zur Geltung, wurde uns gesagt. Bei dem Zitat handelt es sich um ein paar Sätze aus Martin Walsers Roman Meßmers Gedanken, einem Buch, das uns nie untergekommen ist – ohnehin lieben wir ja einiges von Walser heiß und innig, z.B. die Novellen Dorle und Wolf und Ein fliehendes Pferd, aber anderes können wir überhaupt gar nicht leiden, z.B. Brandung mit der fiesen Uwe-Johnson-Parodie und dem blöden Alter-Mann-und-junge-Frau-Thema. Vielleicht gehört Walser zu den Autoren, die in kürzeren Texten besser sind als in langen, vielleicht genügte es, fehlten die altersgeilen Männer in seinen Romanen. Egal. Jedenfalls steht auf der Kerze folgendes:
Nachts um drei
Wenn mir einer seinen Besuch ansagt, erschreckt er mich. Ich will seinen Besuch nicht. Das kann ich nicht sagen. Mein Leiden nimmt zu, bis zu seinem Eintritt. Wenn er hereinkommt, bin ich völlig wund. Um ihn nicht spüren zu lassen, wie wenig ich seinen Besuch ertrage, hindere ich ihn immer wieder am Gehen. Erst nachts um drei, wenn wir beide erschöpft sind, darf er hinaus. Ich fall’ in mein Bett und weine vor Freude.
Wir haben uns das schon öfter durchgelesen, die Kerze hat zwei Umzüge mitgemacht, sie stand immer griffbereit herum und wartete auf die besondere Gelegenheit, die ihr Anzünden rechtfertigte. Heute aber haben wir entschieden: Den Text wollen wir auf keiner leuchtenden Kerze lesen. Wir wollen nicht am Küchentisch sitzen, Kerze und Text vor Augen, und beobachten, wie unser Besuch unruhig wird und viel eher geht als es ihm und uns lieb wäre. Der Text mag eine gute Charakteristik sein für die Romanfigur, die ihn äußert – als Kerzentext ist er bemerkenswert ungeeignet, da kann die Kerze noch so schön von innen leuchten. Deshalb ist sie heute im Müll gelandet. Punkt.
Die Heide blüht übrigens. Sieht aber nicht so spektakulär lila aus in diesem Jahr.
Heide, früh am Sonntagmorgen.