Archiv Freitag, 5. September 2008

Die Kaiser von Celle

Freitag, 5. September 2008

Die Kaiser von Celle sind zwei Männer im fortgeschrittenen Alter, aber noch nicht über die Pensionsgrenze hinaus, ein paar Jährchen müssen sie noch. Der eine ist sehr dick, der andere Kettenraucher. Sie wohnen tagsüber im zweiten Stockwerk eines Gebäudes, das früher als Kaserne diente. Ihr bevorzugtes Plätzchen befindet sich im Sekretariat.
Das Sekretariat ist wie überall die zentrale Anlaufstelle für alle. Wer etwas fragen will, etwas abgeben muss, einen Termin zu vereinbaren gezwungen ist, er wendet sich an die Sekretärin. Die hat den Überblick und ist hochgeschätzt für ihre Gepflogenheit, bei Leuten anzurufen, um ihnen mitzuteilen, dass noch Unterlagen fehlen – ein Service, den zu leisten sie eigentlich nicht verpflichtet ist.
Die Kaiser von Celle hingegen, in deren Aufgabengebiet eine solche Obliegenheit durchaus fiele, sie sitzen derweil im Sekretariat an einem kleinen runden Tisch auf zwei bequemen Sesseln und trinken Kaffee. Der eine isst dazu Kekse, der andere raucht Kette. Im öffentlichen Behördenraum, was mit Sicherheit verboten ist und streng geahndet würde, beschwerte sich die Sekretärin vor Gericht. Was sie natürlich nie täte.
Das erste also, was Sie als nervöse Bittstellerin wahrnehmen, wenn Sie das Sekretariat betreten, ist der kleine runde Tisch mit den kaffeetrinkenden, kekseessenden, kettenrauchenden Kaisern von Celle, die Sie, kaum öffnen Sie die Tür, mit einem Blick bedenken, der nur eines sagt: Du störst.
Okay, denken Sie, ich habe aber ein wichtiges Anliegen. Das ist uns völlig egal, sagt der Blick aus zwei Augenpaaren. Solltest du es wagen, das Wort an uns zu richten, wir haben die Macht, dich ewig in der Hölle schmoren zu lassen, nur dass du es weißt. Na, denken Sie, aber mein Anliegen ist wirklich wichtig, es geht immerhin um meine Existenz. Nichts im Leben kann so wichtig sein wie unser Kaffee, unsere Kekse, unsere Kippe, sagen die beiden Augenpaare.
Nach einigem Zögern richten Sie dann doch das Wort an die Kaiser von Celle, immerhin geht es ja um ihre Existenz, und ernten weitere verachtende Blicke und einige gönnerhafte Worte, aus Versehen zwingen Sie einen der Kaiser zum Aufstehen und Verlassen seines Kaffeetisches, begehen damit eine Todsünde, ahnen das auch und versuchen, es durch besonders intelligente Konversation wieder gutzumachen. Nützt aber nichts.
Der Doppelblick der Kaiser von Celle ist vernichtend. Du hast uns beim Kaffeetrinken gestört, besagt er, das ist ein nicht wiedergutzumachender Frevel, für den du ewig in der Hölle schmoren wirst. Bis es soweit ist, werden wir dir das Leben so schwer wie möglich machen. Zwar bist du nicht direkt von uns abhängig, aber wir können dir doch einige Steine in den Weg legen. Falls wir nicht zu phlegmatisch sind, die zu schleppen, werden wir das natürlich tun. Vorher allerdings werden wir noch einen Keks und eine Zigarette…
Sie sind nicht direkt von den Kaisern von Celle abhängig, indirekt aber doch. Deshalb werden Sie jedes Mal, wenn Sie jenes Sekretariat betreten, höflich in Richtung Kaffeetisch grüßen müssen, Sie werden immer ein freundliches Wort für den einen oder den anderen Kaiser übrig haben müssen und Sie werden noch oft den beiden Augenpaaren begegnen, die Ihnen nur eines zu sagen haben: Du störst.