Ein Grab
Am Anfang war der stärkste Starkregen, den ich je erlebt habe. Er war so stark, dass wir auf der Landstraße von London nach Osten anhalten mussten und abwarten, bis die Scheibenwischer wieder mithalten konnten.

Ja, da ist ein Riss in der Windschutzscheibe.
Wir waren auf dem Rückweg von Schottland nach Berlin, hatten zuletzt in Milton Keynes übernachtet – ein Ort, der mich immer an Virginia Woolf denken lässt, aufgrund einer verworrenen Assoziationskette, in der John Maynard Keynes eine Rolle spielt – und wollten nach Dover, zur Fähre. Den Tunnel gab es noch nicht. Da bot sich ein Abstecher auf die Themseinsel Sheppey an, wo Uwe Johnson von 1974 bis zu seinem Tod zehn Jahre später gelebt hat.
Ich brauche eigentlich keine Orte zum Erinnern, schon gar keine Friedhöfe. Leute leben in Schrift, auf Fotos und im Denken weiter, die Bücher bewunderter Autoren sind das beste Vermächtnis, das es gibt. Wie sie gelebt haben, interessiert mich nicht, biografistische Interpretationen sind mir ein Gräuel. Was haben Autoren mit ihren Büchern zu tun? Nichts, außer dass sie sie eben geschrieben haben.
Nach Sheerness-on-Sea zu reisen – so heißt der Hauptort der Insel, wo Johnson lebte – reizte mich aber wegen der absonderlichen Lebensumstände, die mit diesem Ort verbunden waren. Johnsons Umzug von Berlin nach Sheerness lässt sich als gezielte Entscheidung für einen möglichst unattraktiven Ort interpretieren, eine Art freiwillig auferlegtes Exil, eine Selbstbestrafung. Die Insel in der Themse, „wo sie zur Nordsee wird“, ist mit dem Festland verbunden durch eine Brücke, und es gibt eine Kanalfähre nach Vlissingen in Holland. In Sheerness wird Metall verschrottet, die Leute arbeiten auf Kränen oder an Metallpressen, oder sie pendeln nach London zur Arbeit. Der Strand besteht aus Kieseln, die Insel wird immer wieder von Sturmfluten heimgesucht, und die einzige Sehenswürdigkeit ist das bei Ebbe gut sichtbare Wrack der Richard Montgomery, eines amerikanischen Kriegsschiffes, das 1944 vor der Küste gesunken ist. An Bord hatte es fast 3000 Tonnen Sprengstoff, die nicht zu bergen sind und auch heute noch die halbe Insel in die Luft zu sprengen drohen. Uwe Johnson hat darüber die Erzählung Ein unergründliches Schiff geschrieben; im Falle einer Explosion wären Schadensersatzforderungen an die Vereinigten Staaten von Amerika zu richten, da das Wrack immer noch ihnen gehört.
Johnsons Adresse in Sheerness war 26, Marine Parade – das ist die Straße direkt am Strand. Sein Arbeitszimmer lag im Souterrain, so dass er aus dem Fenster die Beine vorübergehender Leute sehen konnte und ab 1978 die meterhohe Betonmauer zum Schutz gegen die Sturmfluten. Als seine Ehe zerbrach und seine Frau ein paar Straßen weiter zog, verabredeten sie genaue Einkaufszeiten, damit sie sich nicht zufällig begegneten. Abends ging Johnson in sein Lieblingspub The Napier und trank sieben Pints Starkbier, das nur für ihn bevorratet wurde, danach ging er nach Hause, um zu arbeiten, und öffnete dort noch zwei oder drei Flaschen Rotwein, den er kistenweise bezog. Seine Telefonnummer war 079562931.
Der Regen passte also gut zu diesem Ort, auch wenn wir die erste Stunde unseres Aufenthaltes im neu erbauten örtlichen Supermarkt verbringen mussten, weil es immer noch zu stark regnete – wir kauften dort Dinge, die es in Deutschland nicht gibt, zum Beispiel lemon curd, Limonenkurt, wie wir sagten. Danach sahen wir uns den Ort an und hätten ihn auch ohne die Johnson-Geschichten im Kopf unattraktiv gefunden. Schreibblockade vorprogrammiert.

Grau, ungemütlich, unattraktiv – Sheerness-on-Sea.
Nun also das Grab, wenn schon, denn schon. Der Friedhof war unerwartet riesig, und in der Stunde zwischen 18 und 19 Uhr fanden wir das Grab nicht, obgleich ich wusste, wie es aussieht: Ein Urnengrab, eine schlichte Steinplatte mit dem Namen drauf, sonst nichts. Der freundliche Herr, der das Friedhofstor abschloss, hatte den Namen noch nie gehört, gab uns aber die Telefonnummer der Stadtverwaltung: Die haben Listen und können nachschauen.
Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt zu übernachten. Aber nach einer Stunde vergeblicher Suche einfach aufgeben wollten wir auch nicht. Also verbrachten wir eine wenig erholsame Nacht im Zelt in einer Pfütze auf einem Campingplatz zusammen mit bingospielender Londoner Unterschicht. Am nächsten Morgen rief ich bei der Stadtverwaltung an, aber wegen eines unglücklichen Missgeschicks mit dem Münztelefon blieb mir die Grabposition vorenthalten, auch sah es so aus, als hätte ich einfach aufgelegt, weshalb ich nicht noch einmal anrufen wollte. Wir fuhren wieder zum Friedhof und suchten weiter, aber das Grab war einfach nicht zu finden. An diesem Punkt war ich bereit aufzugeben.
Das ältere Ehepaar, das in diesem Moment am Friedhof vorbeiging, mag sich gewundert haben über zwei Leute, die vor dem Friedhofstor standen und sich lauthals auf Deutsch über ein Grab stritten. Es trat auf uns zu und fragte sehr freundlich, ob es irgendwie behilflich sein könne.
Danach war alles einfach. John und Helga hatten zwar den Namen Uwe Johnson auch noch nie gehört, wussten aber, wo der Friedhofsgärtner wohnte. Der wiederum – jaja, da fragen öfter mal Leute – wusste, wo das Grab war, in einer Ecke des Friedhofs nämlich, wo wir auch nach vier Stunden Suche nicht vorbeigekommen wären, und ich konnte meine Fotos machen.

So sieht es aus.
Ein bisschen übel nahm ich Helga, dass sie auf meine Auskunft, Uwe Johnson sei ein berühmter Schriftsteller gewesen, misstrauisch erwiderte, da müsse sie erstmal ihren Sohn fragen. Aber nachdem sie das Moos von der Steinplatte gekratzt hatte, lud sie uns zum Kaffeetrinken und Deutschreden ein. Sie stammte aus Norddeutschland, lebte aber lange genug auf der Insel, um Johnson getroffen haben zu können.
Falls ich jemals wieder das Bedürfnis haben sollte, Uwe Johnsons Grab zu besuchen, ich würde es wieder nicht finden. Aber ich wüsste, wo ich fragen könnte.
Lieber Schreiber,
Donnerstag, 2. Juli 2009, 16:59 Uhr von roland bärwinkelvor 3 Wochen waren wir, die Brücke nehmend, nach SOS gelangt, abends, ein Orangenhimmel und erfrischender Wind.Erste Station unserer literarischen Tour bis Zennor und Lizards End. Wir wollten die Marine Parade sehen, die Flutmauer und wenigstens noch das Napier, wenn wir es auch nicht auf uns nahmen, die anderen lokalen Örtlichkeiten abzulaufen, in denen er sich abends aufhielt, schwieg, schrieb, sich unterhielt, Geld spendete und natives bisweilen unterstützte. Auch nicht die Wohnung von Frau und Kind. Wir tranken im Napier das starke Hürlimann, nicht das Ale der Einheimischen, das uns später so gut schmeckte. Aus dem Nachbarhaus der Nr. 26 beobachteten uns verwegen wirkende Leute, die das oberste Zimmer malerten, selbst noch, als wir, mit ihnen nun auf gleicher Höhe, an der Flutmauer entlang gingen. Im Napier saß eine Dame, deren zu enges Oberteil sie älter aussehen ließ, als sie sein mochte, auf dem Barstuhl ganz links; zwei Männer noch, deren Gesichter an überlebte Straßenschlachten erinnerten.
Auch nach Stunden, trotz Lageplan, fanden wir die Grabplatte Uwe Johnsons nicht, dafür sehr originell gestaltete Gräber. Es freute mmich ungemein, könnte ich also von Ihrem Foto des Grabes einen Abzug erhalten.
Mit besten Grüßen aus dem hitzegewaltigen Weimar
Roland Bärwinkel
Sehen Sie, hätten Sie den Friedhofsgärtner gefragt, der hätte es gewusst.
Sonntag, 12. Juli 2009, 12:33 Uhr von nicwestSie können sich das Foto als Datei gern kopieren (© nicwest), wenn Sie es nicht für kommerzielle Zwecke verwenden.