Archiv Samstag, 14. Februar 2009

Spuren im Schnee

Samstag, 14. Februar 2009

Wir hatten Besuch. Ein Mann aus einem fremden Land, zum ersten Mal in seinem Leben im Westen. Die Zeichen für den Flughafen waren ein roter Schal und ein Schild mit seinem Namen, der Abholer stellte sich damit vor den einzigen Ausgang, ließ, als er sich nicht bei ihm meldete, den Besuch zweimal ausrufen, trank Kaffee in der Flughafenbar und fuhr nach einer Stunde wieder nach Hause. Am nächsten Morgen erreichte ihn die Nachricht, der Besuch warte jetzt auf dem Bahnhof in der 150 Kilometer entfernten großen Stadt. Wie er dort hingelangt war, keiner weiß es. Als der Abholer ihn sah, erkannte er ihn sofort – er hatte auf dem Flughafen eine Stunde lang am Nachbartisch Kaffee getrunken.
Zu Ehren des Besuchs gab es eine kleine Versammlung. Der Fremde dankte in seltsam gedehntem Englisch für die Aufnahme und sagte, gerne wolle er die Arbeit der Anstalt besichtigen. Das tat er eine Stunde lang, dann war er verschwunden. Im ganzen Ort wurde er gesucht, erst als man seine Spuren im Schnee verfolgte, wurde er aufgespürt – eine hohe einsame Gestalt im Mantel, gedankenversunken rauchend in der Winterheide.
Abends gab es ein Essen zu Ehren des Besuchs. Er thronte im Schaukelstuhl, bedankte sich noch einmal in seinem Englisch und hatte drei eingeschweißte Bilder von seiner eigenen Anstalt mitgebracht. Die überreichte er würdevoll und redete fünf Minuten über sie, danach schwieg er. Als er das Essen verschmähte, dachten wir zunächst, es sei seines Landes Sitte, sich zu zieren. Aber er hatte schon im Hotel gegessen. In ein Gespräch war er nicht zu verwickeln, er saß aufrecht am Tisch, blickte erhaben in die Runde und wiederholte hartnäckig den Satz: You talk in Deutsch, I sit here and listen, but I don’t understand anything. Einmal klingelte sein Telefon, er redete leise und eindringlich in seiner Sprache, es klang verschwörerisch, aber das haben wir uns vielleicht bloß eingebildet. Als er sich seinen Mantel um die Schultern legte und zum Rauchen auf die Terrasse ging, behielt man ihn im Auge.
Obgleich es sein Essen war, verabschiedete er sich früh – am nächsten Morgen müsse er zeitig aufstehen, um in sein Heimatland zurückzufliegen. Den Mantel um die Schultern, stellte er sich feierlich auf zu einem Abschiedsfoto. Dann brachte man ihn in sein Hotel und bat ihn dringlich, am nächsten Morgen nicht auf eigene Faust hinaus in den Schnee zu wandern, er würde abgeholt und zum Flughafen gebracht. Seine letzten Worte zur Essensgesellschaft waren: See you soon. Kaum war er weg, beschloss man, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unserer und seiner Anstalt einschlafen zu lassen. Während der Besuch in seinem Hotelbett lag oder einsam gedankenverloren im Schnee spazierte, saßen wir beisammen, aßen das Mahl zu seinen Ehren auf und redeten vertraut und entspannt, befreit von der Last des schweigenden Gastes.