Archiv Februar 2009

Inside Acting

Samstag, 7. Februar 2009

Ein großartiges Blog ist ja das der britischen Schauspielerin Sophie Ward, die nicht nur die Schauspielerei von der anderen Seite aus erklären kann, sondern auch noch gut schreibt.
Ihr Beitrag Love Scenes zum Beispiel beginnt so:

Love scenes, also known as sex scenes, are as inevitable for actors as death and taxes and held in roughly the same esteem.

Sophie So Far

Einkaufslyrik (2)

Samstag, 7. Februar 2009

Kartoffelsalad + Würschen
Wurst
Käse
Pfefferminze Tee
Früchtetee
Kaffeefilter Größe 4
Kaffee, Tirnkmilch
Kartoffeln
_______________________________
schauma Shampoo
Marlboro, Wasser
Apfel Schorle

Sammelobjekt gefundene Einkaufszettel fremder Leute: Zeig mir deinen Einkaufszettel und ich sage dir, wer du bist. [Folge 1]

Ich bin

Samstag, 7. Februar 2009

Ich bin – – bin ich? – Die Leute sagen, ich wäre, –
lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.

Limerick (52)

Donnerstag, 5. Februar 2009

There was a young poet quite fine
whose limericks repeated a line.
Though this was redundant,
though this was redundant,
his limericks repeated a line.

Assoziationsbloggen

Dienstag, 3. Februar 2009

Seltsam. Heute ist Kurt Demmler gestorben, bekannter DDR-Liedermacher. Er saß im Gefängnis wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr in einem Missbrauchsprozess und hat sich erhängt. (Wenn man den Namen googelt, stößt man auf Liedtitel wie Verse auf sex Beinen und Mädchen verzeih, die auf einmal einen sehr merkwürdigen Beigeschmack haben.)
Das mit dem Prozess wusste ich alles gar nicht, ich kann keine DDR-Sozialisation aufweisen und habe auch sonst mit Deutsch singenden Liedermachern eher wenig am Hut, aber trotzdem gibt es eine Verbindung zwischen mir und Kurt Demmler. Ich habe nämlich mal bei einer künstlerischen Veranstaltung irgendwo in Thüringen eine Frau getroffen, die erstens früher in derselben Berliner Straße gewohnt hat, in der ich damals wohnte (in dem Haus, wo jetzt die Supamolly drin ist), und die zweitens wusste, dass es ein Lied von Kurt Demmler gibt mit dem Titel Nicolas zweiter Bauch. Ich glaube, das Thema ist Abtreibung, deshalb Bauch. Jedenfalls schickte sie mir eine Kurt-Demmler-Kassette, überspielt von einer Schallplatte, damals gab es das alles noch, weil sie meinte, ich müsse dieses Lied unbedingt kennen, allein des Namens wegen. Ich hörte mir das einmal an, fand es zu bierernst, zu wenig raffiniert, auch nicht besonders poetisch. Und überhaupt, dieses Gitarrenschrappschrapp.
Mein Kassettendeck steht inzwischen oben auf dem Dachboden und die Kassette ist entweder im selben Karton oder ich habe sie irgendwann doch weggeworfen. Obwohl sie sich viel Mühe gemacht hatte mit dem Cover und Kopien der Texte und so. Bedankt habe ich mich dafür natürlich, aber dann ist der Kontakt abgerissen. Bis zu einem Zeitpunkt zwei oder drei Jahre später, als ich aus unerfindlichen Gründen in einen ihrer E-Mail-Verteiler geraten war. Sie berichtete dort engen Freunden über die schwere Krebskrankheit ihrer siebzehnjährigen Tochter. Ich wollte das alles gar nicht lesen, war auch wirklich die falsche Adresse, gleichzeitig aber zu feige, ihr das zu schreiben, na ja, und irgendwann hat sie es gemerkt und mich da wieder rausgenommen. Das ist Jahre her. Tja, und das alles verbinde ich mit Kurt Demmler. Der heute gestorben ist.

Ein Grab

Montag, 2. Februar 2009

Am Anfang war der stärkste Starkregen, den ich je erlebt habe. Er war so stark, dass wir auf der Landstraße von London nach Osten anhalten mussten und abwarten, bis die Scheibenwischer wieder mithalten konnten.


Ja, da ist ein Riss in der Windschutzscheibe.

Wir waren auf dem Rückweg von Schottland nach Berlin, hatten zuletzt in Milton Keynes übernachtet – ein Ort, der mich immer an Virginia Woolf denken lässt, aufgrund einer verworrenen Assoziationskette, in der John Maynard Keynes eine Rolle spielt – und wollten nach Dover, zur Fähre. Den Tunnel gab es noch nicht. Da bot sich ein Abstecher auf die Themseinsel Sheppey an, wo Uwe Johnson von 1974 bis zu seinem Tod zehn Jahre später gelebt hat.
Ich brauche eigentlich keine Orte zum Erinnern, schon gar keine Friedhöfe. Leute leben in Schrift, auf Fotos und im Denken weiter, die Bücher bewunderter Autoren sind das beste Vermächtnis, das es gibt. Wie sie gelebt haben, interessiert mich nicht, biografistische Interpretationen sind mir ein Gräuel. Was haben Autoren mit ihren Büchern zu tun? Nichts, außer dass sie sie eben geschrieben haben.
Nach Sheerness-on-Sea zu reisen – so heißt der Hauptort der Insel, wo Johnson lebte – reizte mich aber wegen der absonderlichen Lebensumstände, die mit diesem Ort verbunden waren. Johnsons Umzug von Berlin nach Sheerness lässt sich als gezielte Entscheidung für einen möglichst unattraktiven Ort interpretieren, eine Art freiwillig auferlegtes Exil, eine Selbstbestrafung. Die Insel in der Themse, „wo sie zur Nordsee wird“, ist mit dem Festland verbunden durch eine Brücke, und es gibt eine Kanalfähre nach Vlissingen in Holland. In Sheerness wird Metall verschrottet, die Leute arbeiten auf Kränen oder an Metallpressen, oder sie pendeln nach London zur Arbeit. Der Strand besteht aus Kieseln, die Insel wird immer wieder von Sturmfluten heimgesucht, und die einzige Sehenswürdigkeit ist das bei Ebbe gut sichtbare Wrack der Richard Montgomery, eines amerikanischen Kriegsschiffes, das 1944 vor der Küste gesunken ist. An Bord hatte es fast 3000 Tonnen Sprengstoff, die nicht zu bergen sind und auch heute noch die halbe Insel in die Luft zu sprengen drohen. Uwe Johnson hat darüber die Erzählung Ein unergründliches Schiff geschrieben; im Falle einer Explosion wären Schadensersatzforderungen an die Vereinigten Staaten von Amerika zu richten, da das Wrack immer noch ihnen gehört.
Johnsons Adresse in Sheerness war 26, Marine Parade – das ist die Straße direkt am Strand. Sein Arbeitszimmer lag im Souterrain, so dass er aus dem Fenster die Beine vorübergehender Leute sehen konnte und ab 1978 die meterhohe Betonmauer zum Schutz gegen die Sturmfluten. Als seine Ehe zerbrach und seine Frau ein paar Straßen weiter zog, verabredeten sie genaue Einkaufszeiten, damit sie sich nicht zufällig begegneten. Abends ging Johnson in sein Lieblingspub The Napier und trank sieben Pints Starkbier, das nur für ihn bevorratet wurde, danach ging er nach Hause, um zu arbeiten, und öffnete dort noch zwei oder drei Flaschen Rotwein, den er kistenweise bezog. Seine Telefonnummer war 079562931.
Der Regen passte also gut zu diesem Ort, auch wenn wir die erste Stunde unseres Aufenthaltes im neu erbauten örtlichen Supermarkt verbringen mussten, weil es immer noch zu stark regnete – wir kauften dort Dinge, die es in Deutschland nicht gibt, zum Beispiel lemon curd, Limonenkurt, wie wir sagten. Danach sahen wir uns den Ort an und hätten ihn auch ohne die Johnson-Geschichten im Kopf unattraktiv gefunden. Schreibblockade vorprogrammiert.


Grau, ungemütlich, unattraktiv – Sheerness-on-Sea.

Nun also das Grab, wenn schon, denn schon. Der Friedhof war unerwartet riesig, und in der Stunde zwischen 18 und 19 Uhr fanden wir das Grab nicht, obgleich ich wusste, wie es aussieht: Ein Urnengrab, eine schlichte Steinplatte mit dem Namen drauf, sonst nichts. Der freundliche Herr, der das Friedhofstor abschloss, hatte den Namen noch nie gehört, gab uns aber die Telefonnummer der Stadtverwaltung: Die haben Listen und können nachschauen.
Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt zu übernachten. Aber nach einer Stunde vergeblicher Suche einfach aufgeben wollten wir auch nicht. Also verbrachten wir eine wenig erholsame Nacht im Zelt in einer Pfütze auf einem Campingplatz zusammen mit bingospielender Londoner Unterschicht. Am nächsten Morgen rief ich bei der Stadtverwaltung an, aber wegen eines unglücklichen Missgeschicks mit dem Münztelefon blieb mir die Grabposition vorenthalten, auch sah es so aus, als hätte ich einfach aufgelegt, weshalb ich nicht noch einmal anrufen wollte. Wir fuhren wieder zum Friedhof und suchten weiter, aber das Grab war einfach nicht zu finden. An diesem Punkt war ich bereit aufzugeben.
Das ältere Ehepaar, das in diesem Moment am Friedhof vorbeiging, mag sich gewundert haben über zwei Leute, die vor dem Friedhofstor standen und sich lauthals auf Deutsch über ein Grab stritten. Es trat auf uns zu und fragte sehr freundlich, ob es irgendwie behilflich sein könne.
Danach war alles einfach. John und Helga hatten zwar den Namen Uwe Johnson auch noch nie gehört, wussten aber, wo der Friedhofsgärtner wohnte. Der wiederum – jaja, da fragen öfter mal Leute – wusste, wo das Grab war, in einer Ecke des Friedhofs nämlich, wo wir auch nach vier Stunden Suche nicht vorbeigekommen wären, und ich konnte meine Fotos machen.


So sieht es aus.

Ein bisschen übel nahm ich Helga, dass sie auf meine Auskunft, Uwe Johnson sei ein berühmter Schriftsteller gewesen, misstrauisch erwiderte, da müsse sie erstmal ihren Sohn fragen. Aber nachdem sie das Moos von der Steinplatte gekratzt hatte, lud sie uns zum Kaffeetrinken und Deutschreden ein. Sie stammte aus Norddeutschland, lebte aber lange genug auf der Insel, um Johnson getroffen haben zu können.
Falls ich jemals wieder das Bedürfnis haben sollte, Uwe Johnsons Grab zu besuchen, ich würde es wieder nicht finden. Aber ich wüsste, wo ich fragen könnte.

Heidereiter

Sonntag, 1. Februar 2009


Heidereiter? Heute mal nicht.

Das ist das Tiefental, in dem Mitte des 19. Jahrhunderts der in Missionskreisen berühmte Heideprediger Ludwig Harms seine Follower versammelte, um ihnen Erweckungspredigten zu halten. Im Missionscafé hängt ein Gemälde, auf dem eine solche Versammlung abgebildet ist. Ein geweihter Ort also, oder ein vergifteter, ganz wie man will. Heute Morgen war ich die Erste, die ihn betrat.