Mal abgesehen davon, dass Slumdog Millionaire ohnedies ein guter Film ist, ist es auch ein Film mit einem guten Abspann.
Ich bin ja bekennende Abspannsitzenbleiberin. Nicht nur, weil ich es höflich finde, den Namen der Beteiligten durch Lesen Beifall zu zollen, in einer Kunst, die Teamwork ist wie sonst keine. Sondern auch, weil ich immer hoffe, der Abspann biete noch irgendetwas Neues, eine Idee, die etwas mit dem Film zu tun hat, gleichzeitig aber die Illusion bricht. Ein Fingerzeig, der mir sagt: Wir haben dir gerade eine Geschichte erzählt, schön, wenn du mitgelacht und mitgeweint hast – aber es ist trotzdem nur Kino.
Ich kann ja verstehen, dass, nachdem der Film fertig gedreht ist, niemand mehr Lust hat, sich noch einen Gag für den Abspann auszudenken. Aber ich bin immer dankbar, wenn das doch jemand getan hat. Und schadenfroh, wenn das niemand sieht außer mir, weil alle das Kino verlassen haben, sobald die Geschichte zu Ende war.
Eine simple Möglichkeit ist, im Abspann Outtakes zu zeigen, Pannen beim Drehen, in denen die Schauspieler inmitten der schmalzigsten Liebesszenen aus Versehen in nervöses Kichern ausbrechen. Der Abspann in Slumdog Millionaire besteht aus Massentanzszenen auf einem Bahnhof in Mumbai, einem wichtigen Handlungsort, die der Freude über den Millionengewinn und den perfekten Ausgang der Liebesgeschichte Ausdruck verleihen, nur ein ganz kleines bisschen übertrieben.
Das hat mich erinnert an den Abspann aus Nina’s Heavenly Delights, einer ebenfalls getanzten Bollywood-Kurzoper mit dem Titel „Love in a Wet Climate“ (das spielt nämlich in Schottland). Bollywood mit seiner Tanz-Abspann-Tradition eignet sich wahrscheinlich einfach gut für so was.
Der beste Abspann, den ich kenne, stammt aus einem Film mit dem Titel Die Gebrüder Skladanowsky, den Wim Wenders mit Filmstudenten der HFF München gedreht hat. Weil es ein Film über Film ist und der Drehort Berlin eine große Rolle spielt, können Vergangenheit und Gegenwart problemlos miteinander verknüpft werden. So ist es auch ein Film über die Großbaustelle, die Berlin im Jahr 1995/96 war. Der Abspann selbst ist eine augenzwinkernde Hommage an die Gattung Abspann: Ellenlang, immer, wenn man denkt, jetzt ist er aber zu Ende, kommt noch etwas, unter anderem die Verschiebung des Kaisersaals im Zeitraffer. Zum Schluss sieht man, glaube ich, noch einmal das boxende Känguruh. Ah, das boxende Känguruh!