Archiv April 2009

Wasserstandsmessungen

Samstag, 4. April 2009

Das Baby, das Projekt, dessentwegen wir hergefahren sind – von Ferien kann keine Rede sein – es kommt voran. Mal mehr, mal weniger, aber jedenfalls viel schneller als zu Hause neben der Arbeit. Die wichtigsten Utensilien, die wir dafür brauchen, sind außer unseren Köpfen schwarze und weiße Tasten und ein Reimlexikon. Auf dessen Rückseite steht ein Lobpreis aus dem Mund von Kurt Tucholsky: „Ein ganzes Buch mit Reimen! Und richtig geordnet, so wie sich das gehört: die auf –afer stehen zusammen und die auf –obeln und die auf –under. Nun, Dichter, auf den Plan!“ Jeder hat seine eigene Domäne, aber man darf ungestraft dem anderen ins Handwerk pfuschen. Wenn einer nicht weiter kommt, mischt er ein bisschen beim anderen mit. Die Frage, die bis zum Schluss ungeklärt bleibt, lautet: Was ist schwerer, Töne oder Wörter?
Tagsüber machen wir lange Strandspaziergänge– je nach Wind entweder nach rechts oder nach links, hin immer gegen den Wind, zurück immer mit ihm – und jeden Tag stellt sich die alte Frage: Kommt das Wasser oder geht es? Um das herauszufinden, bestimmen wir den Wasserstand mit Hilfe umständlicher Messmethoden, die sich allesamt als unzuverlässig erweisen. Das Gefühl ist noch immer der sicherste Wasserstandsanzeiger.

Schritte zählen. Nicht sonderlich präzise.

Der Strand ist voller Steine. U. sammelt Handsteine, beim Gehen in der Hand zu halten, angeblich wärmend. Mein Ziel ist es, jeden Tag einen Hühnergott zu finden, einen Stein mit Loch zum Durchgucken. Das bringt Glück. Als ich an einem Tag keinen finde, behelfe ich mich mit einer gelochten dänischen Münze. Gemogelt, ich weiß.
Eines Abends veranstaltet die Königliche Marine militärische Übungen. Wir gehen am Strand und überlegen, ob wir womöglich einen Krieg verpasst haben, weil wir seit Tagen nicht mehr fernsehen und keine Zeitungen lesen. Nachts geht das Geballere weiter, man kann die Druckwellen anrollen spüren und befürchtet jeden Moment einen Einschlag. Die Nacht ist nicht so erholsam.

Krieg? Welcher Krieg?

Ich lese ein Buch, das ich im Regal zwischen lauter dänischen Schinken gefunden habe, eine Art historischen Krimi, der mich mit seinen vielen verschiedenen Erzählsträngen so verwirrt, dass ich unbedingt weiterlesen muss, um herauszubekommen, ob sich am Ende alles auflöst. Tut es nicht. Tut die Historie aber schließlich auch nicht, also ist es in Ordnung. Als ich es durch habe, lese ich nichts mehr, sondern liege stundenlang mit geschlossenen Augen im Liegestuhl auf der Terrasse. Ich weiß nicht mal, ob ich über irgendetwas nachdenke. Jede Nacht träume ich von Schule, obwohl wir tagsüber gar nicht so viel über Schule reden.

Im Unterbewusstsein herrscht neblig-trübes Wetter.

Abends beim Essen stoßen wir an auf die Misserfolge des Tages. Natürlich nur im Spaß. Wir haben so viel Holz, dass wir manchmal die Terrassentür öffnen müssen, damit es nicht zu heiß wird. Die Briketts riechen nach Fisch. (Fisch? Geh mir weg mit Fisch.) Wir stellen seltsame Theorien darüber auf, alle sehr fantasievoll.
Die Tasten vom elektronischen Klavier klappern lauter als meine Computertastatur. Die erste Frage jeden Morgen ist: Na, mit welchem Lied bist du heute aufgewacht? Die Ansichten über Frühstückszeiten sind nicht kompatibel. Ich brauche morgens Kaffee und sonst gar nichts. Andere Leute machen auch komische Texte: Männer umschwirrn mich / wie Motten um das Licht. Und das ist sehr berühmt.
Als uns beim Autofahren langweilig wird, denken wir uns weitere Figuren aus und erfinden alberne Lieder für sie, zum Beispiel: Ich bin Knecht Knuuuuut, es geht mir guuuuut. Einzige Bedingung: Die Namen müssen mit K anfangen und dürfen kein E enthalten. Warum? Das weiß kein Mensch.
Dänemark, das ist nur Strand und Meer und ein Haus. Einmal gehen wir einkaufen, ansonsten leben wir in unserer eigenen Märchenwelt. Nur leider ist wie jeder Urlaub auch dieser viel zu kurz.

Mehr Fotos hier.

Perlen gotischer Baukunst (9)

Samstag, 4. April 2009

Die Hauptstraße von Graensebyen war eine einzige Baustelle. Der Chevi rumpelte über Sandberge, und nur weil ich so klein war, stieß ich nicht ständig mit dem Kopf an die Decke. Der Köter sauste auf dem Rücksitz hin und her wie ein Ball im Tor, und Morgensen fluchte leise und gefühlvoll vor sich hin, während seine behaarten Pranken das dünne Bakelitlenkrad umklammerten. Die Leute von Graensebyen schienen sich irgendwo anders aufzuhalten, ihre Stadt war von den Buddlern übernommen worden. Mein Mut sank. Endlich hatte Morgensen das Auto am letzten Krater vorbeigesteuert und hielt am Bordstein an. Ich öffnete die Tür, und der Köter schoss wie eine Rakete aus dem Wagen.

Eva-Marie Liffner: Imago (2003), aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek, S.188