Die Mühen der Ebene (15. Juni)
Montag, 15. Juni 2009Draußen fallen reihenweise unreife Äpfel vom Baum – dieser Sommer ist ein sehr windiger – und ich lege eine Gedenkminute ein für Ale. Mit Ale, Alessandra, aus Rom habe ich in Glasgow ein halbes Jahr in einer WG gewohnt. Sie traf ein paar Tage nach mir ein mit einem Englisch, in dem kein Wort für Löffel vorhanden war, und ich habe seither meine Zweifel an der Brauchbarkeit des Englischunterrichts an italienischen Schulen. Schon am ersten Tag, als ich ihr die Stadt und die Uni erklärte, jedenfalls das, was ich davon schon wusste, stellten wir fest, dass wir am selben Tag Geburtstag haben. Zwar ist sie ein Jahr jünger als ich, das hielt sie aber nicht davon ab, mir wortreich in ihrem Englisch zu erklären, zwischen uns müsse eine besondere Art von Verbindung existieren, die sich aus eben jenem gemeinsamen Geburtstag ergebe.
Ich halte es nach wie vor für einfache Sympathie, aber egal. Es war erstaunlich, welche Fortschritte sie in kürzester Zeit im Englischen machte, ich erinnere mich, wie sie eines Tages nach Hause kam und uns triumphierend fragte, ob wir wüssten, was die Briten sagen, wenn sie etwas geschlechtsneutral ausdrücken wollen. Sie war dann geradezu beleidigt, weil wir das längst wussten. Auch das Wort corkscrew hatte sie ziemlich schnell drauf, weil wir nämlich keinen besaßen und immer zu den Franzosen unter uns gehen mussten, wenn wir Wein trinken wollten.
Sie kochte immer irgendwas mit Spaghetti, da entsprach sie dem Klischee, und sie aß rohe Mohrrüben als Salat mit Olivenöl und Salz. Alle Freunde, die sie besuchten, waren eine Bereicherung, besonders Claudio, ihr Ex-Freund, der extra vorher ihre Eltern besuchen und ihr Lieblings-Kuscheltier mitbringen musste, weil sie es doch nicht ohne aushielt. Sie schliefen zu zweit in dem schmalen Studentenbett, und einmal wurde ich nachts wach, weil sie so laut darüber lachen musste, dass er aus dem Bett gefallen war.
Mit ihm saßen wir halbe Nächte in der Küche und spielten das Spiel, bei dem man immer abwechselnd einen Begriff schreiben und zeichnen muss, und wunderten uns darüber, wie wortwitzig-kreativ man in einer fremden Sprache sein kann. Claudio war angeblich ein Meister darin, italienische Dialekte zu imitieren, und ich erinnere mich daran, wie sie mir verzweifelt die Unterschiede zwischen Nord- und Süditalienisch zu erklären versuchten, die zu hören ich einfach nicht imstande war, ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte. Auch stritten wir über lateinische Phonetik, denn die Behauptung, Latein werde wie modernes Italienisch ausgesprochen, konnte ich nicht unwidersprochen lassen.
Mit einer anderen Freundin machte sie einmal einen Ausflug in die Highlands, sie nahmen ein Aufnahmegerät mit und kamen wieder mit einer Kassette, auf der sie alte Leute in entlegenen Dörfern interviewt hatten. Einen langen Abend saßen wir in der Küche und versuchten, das nahezu unverständliche Schottisch zu transkribieren, scheiterten aber kläglich.
Für das schottische Geld musste sie sich ein neues Portemonnaie zulegen, denn in ihrem – das war noch zu Lire-Zeiten – war kein Platz für so viel Kleingeld. Als sie abreiste, ein halbes Jahr früher als ich, begleitete ich sie bis London, unter anderem deshalb, weil sie ihren Koffer nicht alleine tragen konnte, so schwer war er. Wieder zu Hause in Rom, überwies sie mir die 100 Mark, die sie mir noch schuldete, davon kam genau die Hälfte an, der Rest war Gebühr.
Als ich im Jahr 2000 nach Rom kam, war sie gerade nicht da und wir konnten uns nicht sehen. Aber wir trafen uns einmal in Berlin, an einem 30. April, streiften durch Friedrichshain und besichtigten die Vorbereitungen zum 1. Mai. Da war sie im zweieinhalbten Monat schwanger, posaunte das gut gelaunt überall aus und hatte, mathematisch begabt, wie sie ist, schon ausgerechnet, dass sie eine Tochter bekommen würde – irgendwas mit Zeitpunkt der Zeugung und Lebensdauer von Spermien oder so. Drei Monate vor der Geburt verließ sie ihr Freund, ein Engländer übrigens, und Emma müsste inzwischen… vier Jahre alt sein. Meine Güte.
Hey Ale, happy birthday to us!