Archiv Juni 2009

Die Mühen der Ebene (11. Juni)

Donnerstag, 11. Juni 2009

Ein Orkantief zieht über das mittlere Niedersachsen hinweg. Ich bin auf der Landstraße unterwegs und muss das Steuer richtig festhalten. Mal regnet es, mal nicht, dauernd muss ich den Scheibenwischer von Hand ein- und ausschalten. Einmal liegt ein dicker Ast auf der Straße. Gegenwind.
Der dicke Buckel auf der Landstraße im Nachbarort dient mir immer als Richtmaß: Umfahre ich ihn, fühle ich mich einheimisch, vergesse ich ihn und holpere drüber wie die Touristen, bin ich nach anderthalb Jahren nach wie vor fremd. Heute vergesse ich ihn nicht. Einheimisch im mittleren Niemandsland. Oje.

Die Mühen der Ebene (10. Juni)

Mittwoch, 10. Juni 2009

Das Rondell ist eine alte französische Gedichtform. Es gibt verschiedene Rondellvarianten, aber als klassisch gilt die folgende:
Fünf verschiedene Sätze, die reimlos sind, werden zu einem Thema in Ich-Form aufgeschrieben. Der bedeutendste Satz wird noch zwei weitere Male notiert, so dass insgesamt sieben Sätze bzw. Verse vorliegen.
Dann wird die Reihenfolge der Sätze/Verse festgelegt. Möglich ist zum Beispiel die Abfolge 1-4-7 (der Kernsatz steht an erster, vierter und letzter Stelle), auch legitim sind 2-4-7 oder 3-5-7; allerdings hat es sich bewährt, den Kernsatz stets am Schluss zu platzieren.

Ich will Ferien.
Zeugniskonferenzen gehen mir auf die Nerven.
Noten machen ist Stress.
Ich will Ferien.
Auch die Schüler sind ferienreif.
Die letzten beiden Schulwochen könnten fehlen.
Ich will Ferien.

Die Mühen der Ebene (9. Juni)

Dienstag, 9. Juni 2009

Jetzt ist schon wieder nix passiert.
Außer in der fünften Stunde, da macht eine meiner siebten Klassen Gruppenarbeit, während ich draußen auf dem Gang stehe und Zeugnisnoten bespreche, mit jedem einzeln. Eine Schülerin, eine Nette übrigens, steht zwischen Drei und Vier, ich habe mich schon entschieden, lasse sie aber trotzdem noch mal die Argumente für die bessere Note aufzählen. Vielleicht ist mir ja etwas entgangen.
Sie müht sich nach Kräften und sagt schließlich triumphierend: Und dann bin ich ja auch extra in die AG Englisches Theater eingetreten, damit ich mehr Englisch spreche. Und ich lerne da ja auch ganz viele neue Wörter. Also zum Beispiel dieses eine Wort für vielleicht, ich weiß jetzt nicht mehr ganz genau, wie es heißt – das habe ich da gelernt.
Ding.

Die Mühen der Ebene (8. Juni)

Montag, 8. Juni 2009

Meine Schrecklichen Schulträume sind schrecklich, wenn ich sie träume, hinterher aber immer ganz lustig.
Heute Nacht muss ich jemanden vertreten, erfahre das erst ganz kurzfristig und weiß überhaupt nicht, was ich mit der Klasse machen soll. Tritt der Hausmeister an mich heran. Er habe da mal etwas erarbeitet, speziell für Vertretungsstunden, ich dürfe das gern einmal ausprobieren, er sei von der Qualität des Materials überzeugt.
Es handelt sich um eine handlungs- und produktionsorientierte Stunde, irgendwas mit Landkarten, witzigen Ortsnamen und einem Rap, den die Schüler daraus schreiben sollen. Hat alles, wonach man immer so lange sucht, entspricht den aktuellen didaktischen und methodischen Anforderungen in vollkommener Weise, begeistert die Schüler.
Vom Hausmeister. Also wirklich.

Die Mühen der Ebene (7. Juni)

Sonntag, 7. Juni 2009

Gruß zuvor und ein Hoch auf das Tipp-Ex.
Heute, Sonntag, habe ich den ganzen Tag lang korrigiert. Zwischendurch war ich eine Viertelstunde im Wahllokal meines Vertrauens.
Durchsage zum Schluss: Ich hätte gern jemanden hier, der mir was kocht und mich hemmungslos bewundert.

Die Mühen der Ebene (6. Juni)

Samstag, 6. Juni 2009

Ich kaufe die Brötchen heute woanders als sonst – oh ja, es gibt durchaus mehrere Bäckereien am Ort – und in diesem Backgeschäft bin ich noch unbekannt. Vier Brötchen will ich haben, normale Brötchen, die in Berlin Schrippen heißen und in München sonstwie und hier einfach normale Brötchen.
Vier normale Brötchen, sage ich mithin. Sagt die Bäckersfrau: Also, es ist so. Vier Brötchen kosten 1,12 Euro. Fünf Brötchen hingegen kosten 1,11 Euro. Sonderangebot.
Ich überlege. Ich brauche nicht fünf Brötchen, ich brauche genau vier. Aber ich kann einen Cent sparen, wenn ich fünf kaufe. Ich kriege mehr für weniger Geld. Was aber, wenn ich das fünfte Brötchen nicht esse, sondern wegwerfe? Muss ich dann nicht ein doppelt schlechtes Gewissen haben, weil ich es verschmähe, obwohl ich dank seiner Existenz einen niedrigeren Preis erhandele?
Es ist ein bisschen gemein, sagt die Bäckersfrau, dass mehr weniger kostet und weniger mehr.
Das finde ich auch, sage ich.
Das fünfte Brötchen, sagt die Bäckersfrau, kostet quasi minus einen Cent.
Dann, sage ich, nehme ich vier fünfte Brötchen, bitte.
Das geht nun leider nicht, sagt die Bäckersfrau. Wie soll ich denn hier – sie zeigt auf den Haufen Brötchen in ihrer Vitrine – erkennen, was ein fünftes Brötchen ist und was ein erstes oder zweites?
Das sehe ich ein. Die Brötchen sehen alle gleich aus.
Dann, sage ich, nehme ich eben fünf Brötchen. Im selben Moment ärgere ich mich, weil ich in die ökonomische Falle getappt bin und unvernünftig entschieden habe.
In Ordnung, sagt die Bäckersfrau. Ich hätte Sie zwar eher für einen Vier-Brötchen-Typ gehalten, aber okay.
Zu Hause stelle ich fest, dass die Brötchen köstlich sind. Ich esse mehr als sonst. Eins mehr, um genau zu sein.
Da gehe ich jetzt immer hin.

Die Mühen der Ebene (5. Juni)

Freitag, 5. Juni 2009

In der Pause spreche ich mit einer Englisch-Kollegin über ein Buch, das ich ihr geliehen habe, weil ich es mit großer Bewunderung gelesen habe: Sibylle Bedford, Jigsaw. Hier habe ich mal etwas darüber geschrieben. (Den dort zitierten Ausschnitt habe ich in der 11. Klasse als Grundlage zum Üben von Figuren- charakterisierung benutzt: Was für eine Person ist diese Mutter? Mit welchen Mitteln wird sie charakterisiert? Ich habe sie die Szene spielen lassen, mit Teekanne und allem, damit sie sich sie vorstellen und die Komik der Situation verstehen konnten.)
Jedenfalls sagt Kollegin K. über dieses hochgeschätzte Buch, es sei ja ganz nett, nur leider seien da Fehler drin. Zum Beispiel sei da dauernd die Rede von an hotel, wo doch schon ihre Sechstklässler wüssten, dass es a hotel heißt. Ich bin mir sicher, an hotel schon gehört oder gelesen zu haben, weiß aber nicht, ob es nicht womöglich ausschließlich in eben jenem so geschätzten Buch war.
Das Fallenlassen des Buchstabens H, darum geht es, dropping your Hs. Ob der unbestimmte Artikel a oder an heißt, richtet sich nach dem folgenden Laut, nicht nach dem folgenden Buchstaben, das lernt man ziemlich früh im Englischunterricht. Vor Wörtern wie honour, heir, hour steht an, soviel ist klar. Der Oxford Dictionary behauptet, dass die meisten Leute hotel mit einem hörbaren H aussprechen, also mit einem stimmlosen glottalen Frikativ am Anfang des Wortes. Das Nichtaussprechen dieses H sei “distinctly old-fashioned“, aber zulässig, weshalb an hotel nicht falsch sei. Siehste.
Ich hatte allerdings immer gedacht, das Nichtaussprechen des Hs am Wortbeginn sei ein Unterschichtenphänomen. Sibylle Bedford aber gehörte definitiv nicht zur Unterschicht. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich dem nachgehen. Phonetik fand ich schon immer spannend.