Archiv Juni 2009

Die Mühen der Ebene (4. Juni)

Donnerstag, 4. Juni 2009

Zwei Sprüche sind die Ausbeute des heutigen Tages. Den ersten höre ich, als ich gefragt werde, warum ich dieses und jenes getan habe und antworte: Weil ich so nett bin. Der zweite ist vielseitig verwendbar, unter anderem in der Schule.
1. Nett ist der kleine Bruder von Scheiße.
2. „Ich kann nicht“ wohnt in der „Ich will nicht“-Straße.

Die Mühen der Ebene (3. Juni)

Mittwoch, 3. Juni 2009

Freistunde in der dritten, ich langweile mich wie meistens und rede beiläufig mit Kollegin D., die der AG Englisches Theater vorsteht und auch die Spielleitung hat für das Musical, das der Unterstufenchor in zwei Wochen aufführen wird. Sie muss sich ausdenken und einüben, was die sechsundvierzig Fünft- und Sechstklässler auf der Bühne tun, während sie singen. Auch für Kostüme und Requisiten ist sie zuständig. (Für die Schminke immerhin sorgt die AG Bühnenbild.) Es geht um die Frage: Was, um Himmels Willen, tragen die Wachen?
Ich kenne das Stück nicht, ich weiß nur, es gibt einen König, König Gier mit Namen, der hat einen Haufen Wachen vor seiner Residenz zu stehen, denn irgendwo muss die Masse der Sänger hin. Und diese Wachen müssen irgendetwas anhaben, das einheitlich aussieht, nicht teuer ist, und das möglichst jedes Kind zu Hause im Schrank hat. Und – meine Bedingung – das für eine gewisse ironische Brechung sorgt, ich mag es nicht mimetisch-realistisch.
Die Idee mit Brustpanzer und Umhang verwerfen wir schnell wieder, einheitliche Helme aus Pappe herzustellen ist auch nicht gerade etwas, womit jemand zwei Nachmittage verbringen sollte. Irgendwie kommen wir auf D.s Bruce-Darnell-Imitation auf der letzten Klassenfahrt zu sprechen, die sie in Bademantel und Gummistiefeln absolvierte. Gummistiefel, sage ich. Handschuhe, sagt sie. Ein Handy am Gürtel, sage ich. Alberne 80er-Jahre-Kopfhörer auf dem Kopf, sagt sie.
Als sie nach der nächsten Stunde, das ist die Musical-Probe, wieder ins Lehrerzimmer kommt, berichtet sie, die Kinder seien einverstanden gewesen, hätten aber noch Walkie-Talkies, Sonnenbrillen und coole Schuhe verlangt. Aber nein. Was zuviel ist, ist zuviel.

Die Mühen der Ebene (2. Juni)

Dienstag, 2. Juni 2009

Am frühen Morgen stehe ich neben mir und muss die Bäckersfrau fragen, welche denn nun meine Brötchen sind. Die zeigt nachsichtig auf die richtige Tüte mit einer Geste, die besagt: Ich hingegen bin schon seit vier Stunden wach.
Ein schulfreier Dienstag ist so ungewöhnlich, dass er eigentlich nur in den Ferien vorkommt, und genaugenommen sind auch Ferien, Pfingstferien nämlich. Dessen ungeachtet habe ich so viel zu tun, dass ich mich schon mit schlechter Laune an den Schreibtisch setze. Der Nachbarin – gleichzeitig alte Freundin und Kollegin – geht es genauso, und das ist gefährlich.
Weil wir uns aber so lange kennen, wissen wir, wie mit der Situation umzugehen ist. Beispielsweise klopfe ich an ihre Tür und sage: Keine Post heute, verdammte Scheiße. Oder sie klopft an meine Tür und kommentiert ungefragt meine einsame Tätigkeit am Schreibtisch: Fuckadoodledoo. Das tröstet.
Später trinken wir zusammen Tee und reden über Urlaub, oder vielmehr über die organisatorischen Betätigungen, die zu absolvieren sind, bevor jede von uns überhaupt in Richtung ihres jeweiligen Urlaubsortes aufbrechen kann. In dem Heideort, in dem wir wohnen müssen, eine knifflige Angelegenheit, weil weit ab und schwer erreichbar, besonders ohne Auto. Auch das – das Gespräch über Urlaub – tröstet.
Später am Tag bemerke ich mit Schrecken, dass ich einen Vokabeltest vergessen habe, der seit fünf Tagen auf Korrektur wartet und bis morgen fertig sein muss. Zugegeben, am Wochenende habe ich ein bisschen prokrastiniert, aber sollte das tatsächlich die Strafe…?!
Und Gott sah, dass es so lala war. Aber, dachte er, für fünf Minuten – gar nicht so schlecht.

Die Mühen der Ebene (1. Juni)

Dienstag, 2. Juni 2009

Jeder Montag, an dem ich nicht in die Schule muss, zählt dreifach. Die Sonne scheint, es ist leidlich warm, also drehe ich meine übliche Fahrradrunde durch die Nachbardörfer, mit Zwischenstopp auf der Bank am Flüsschen, wo ich immer die Fluss-Fotos mache. Es ist vor zehn, kaum Leute unterwegs, und wenn, dann mit Hunden. Feiertag. Fromme Gegend. Die Leute bereiten sich auf den Kirchgang vor.
Das Ritterlager im Ort erwacht gerade zum Leben, als ich zurückkomme. Ritterfrauen in mittelalterlichen Gewändern holen Lebensmittel aus ihren Autos, um mit den Frühstücksvorbereitungen zu beginnen. Der Anblick erinnert mich an den CSD in Berlin, an die Tunten, die im Tiergarten austreten gehen: Minirock und High Heels, aber im Stehen pinkeln. Da passt doch was nicht zusammen.
„Die bekloppten Ritter rennen schon wieder auf den Radwegen herum“, erzähle ich der Nachbarin, als ich nach Hause komme. Später beim Korrigieren werde ich drei Mal richtig wütend. Auf diese Reaktion kann ich mich inzwischen verlassen.

Tagebuch ist das neue Blog

Montag, 1. Juni 2009

Den Twittertod will ich nicht sterben. Aber mich ergreifen Besorgnis und Entsetzen, wenn ich mir überlege, wie viel ich früher gebloggt habe und wie wenig jetzt. Ich bilde mir immer ein, das läge an der Arbeit, aber womöglich bin ich, wie so oft, nur Teil des Trends. Wie auch immer, mir gefällt überhaupt nicht, dass mein Blog wochenlang unbefüllt vor sich hin schnarcht, und deshalb schließe ich mich hiermit offiziell dem Trend an – oder dem Gegentrend, ganz wie man will. Tagebuchbloggen. Sowohl das Wort als auch die Sache klingen seltsam retro, man mag sich erinnern sich an Zeiten, als das Wort Blog mit Internettagebuch übersetzt wurde.
Die leuchtenden Vorbilder sind Mek Wito, der der Erste war, und Frau Modeste, die vorgeführt hat, dass Tagebuch auch Miniaturen aus dem Alltag sein können und keineswegs das Herunterbeten aller alltäglichen Ereignisse bedeutet. Die Kaltmamsell hat sich auch den Juni ausgesucht. Was ist zu erwarten? Ich schreibe ja mit Absicht kein Berufsblog, aber beim Tagebuchbloggen wird vermutlich nicht zu vermeiden sein, dass ab und zu von Schule die Rede ist. Im Juni gibt es hier in Niedersachsen außerdem Ferien, und am Ende des Monats werde ich meine Koffer packen und in den Urlaub fahren. Außerdem ist der Juni der schönste Monat des Jahres.
Jetzt noch flugs einen Titel gefunden. Die Mühen der Ebene? Die Mühen der Ebene. Morgen geht es los.